09. Oktober 2020 / 11:39 Uhr

Damals war's: Chemie Leipzig gegen DDR-Nationalmannschaft - Klassenkampf im Trainingsspiel

Damals war's: Chemie Leipzig gegen DDR-Nationalmannschaft - Klassenkampf im Trainingsspiel

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Chemie
Jörg Saumsiegel hielt seine Westhandschuhe lange in Ehren. © Westend-Presseagentur
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Die Serie zu den zehn Top-Spielen in 100 Jahren Alfred-Kunze-Sportpark, Teil 6: Chemie Leipzig imitiert Bulgarien und ringt der DDR-Nationalmannschaft ein 3:3 ab.

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Leipzig. In diesem Jahr feiert eine der traditio nsreichsten Spielstätten des Leipziger Fußballs ihren 100. Geburtstag – der Alfred-Kunze-Sportpark. Unzählige Fußballspiele fanden seither dort statt und zogen die Massen in ihren Bann – erst die TuRa, dann Chemie, später der FC Sachsen und nun wieder die BSG Chemie. Wir stellen in einer zehnteiligen Reihe die spannendsten und denkwürdigsten Spiele vor.

10. Juni 1986, Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko. Bulgarien verliert 0:2 gegen den späteren Weltmeister Argentinien und scheidet aus dem Turnier aus. Glücklos und in der 52. Minute ausgewechselt: Stojtscho Mladenow. Eben jener Stürmer, der wiederum am 6. April 1985 in Sofia das 1:0-Endergebnis gegen die DDR erzielte, was letztlich deren Ausscheiden in der Qualifikation bedeutete.

Weitere Beiträge der Serie

Das wollte die DDR-Sportführung eigentlich unter allen Umständen verhindern, weshalb sie sich zuvor zu einer ungewöhnlichen Maßnahme entschlossen hatte: Um die heiße Atmosphäre im Wassil-Lewski-Stadion und die robuste Körperhärte der Bulgaren zu simulieren, setzte man ein paar Tage zuvor einen Test gegen Chemie Leipzig an. Im Gegensatz zur üblichen Gewohnheit, derartige Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen, waren Zuschauer dieses Mal geradezu erwünscht. Die äußeren Bedingungen waren nicht gerade zuträglich: Anstoß war 16 Uhr an einem Dienstagnachmittag, strömender Regen sorgte für Unbehagen. Doch die Fans waren trotzdem da: Immerhin 4000 waren gekommen.

Spießrutenlauf für die Nationalspieler

Das Spiel lief zunächst wie erwartet, die DDR führte durch Ernst und Minge 2:0. Doch Heiko Scholz und Micha Reimer erzwangen den Ausgleich, nachdem Chemie sich massiv gesteigert hatte. In der LVZ hieß es: „Hier ließ man sich vom plötzlich energischen und auch spielerisch auftrumpfenden Gastgeber 30 Minuten lang regelrecht einschnüren“. In den Aufzeichnungen des Autors heißt es lapidar: „Tolles Spiel von Chemie, begeisterte Fans“.

In der Tat konnten die Verantwortlichen der Nationalmannschaft nun den erwünschten Effekt auskosten – Chemie hielt stark dagegen, und die Chemie-Fans konnten ihre Abneigung gegen das Aushängeschild des DDR-Fußballsystems deutlich zum Ausdruck bringen. „Es war ein Spießrutenlauf für die Nationalspieler. Für uns war das wie Klassenkampf – hier die gehätschelten Stars, da unsere gerade so geduldeten Chemiker“, erinnert sich Zeitzeuge Klaus Fischer, der damals auf dem Dammsitz saß.

Faires Spiel

Chemie-Edeltechniker Uwe Ferl: „Die Fans waren begeistert. Wir haben voll mitgehalten, die Nationalspieler waren sauer, aber mehr auf sich selbst“. Nach dem 2:3 durch Ernst gelang dann Chemie-Ikone Hans-Jörg Leitzke in der 90. Minute der Ausgleich: „Ich glaube, ich habe den damals über René Müller drüber gelupft…?“ Gelernt hatten die Auswahlspieler daraus augenscheinlich nichts, denn gegen die Bulgaren kassierten sie den entscheidenden Gegentreffer ebenfalls in der Schlussphase.

Auswahltrainer Bernd Stange bedankte sich in der Kabine der Leutzscher für das faire Spiel. „Er sagte, wer in Leutzsch nicht untergeht, kann auch im Hexenkessel von Sofia bestehen“, erinnert sich Harald Bellot, der damals in der zweiten Hälfte das Chemie-Tor hütete und heute Torwarttrainer der BSG Chemie ist. Für ihn und Stammtorwart Jörg Saumsiegel hatte das Spiel aber noch eine angenehme Nachwirkung. Erst wanderte eine Tasche voller Bierflaschen unauffällig in den Bus der Nationalelf.

Der Auer Auswahltorwart Jörg Weißflog hatte bei Jörg Saumsiegel die begehrten Tropfen bestellt, denn in der Sportschule stand Alkohol selbstredend auf dem Index. „Als Dank blieben zwei, drei Adidas-Bälle bei uns liegen“, erinnert sich Bellot. Etwas später versorgte Nationaltorwart René Müller von Lok die Kollegen aus Leutzsch mit den guten Reusch-Handschuhen aus dem Westen: „Das hatte er uns versprochen, und als er die Quellen erschlossen hatte, hielt er sein Wort“, so Bellot.