29. Dezember 2020 / 12:03 Uhr

Chemie Leipzig im Jahr 2020: Vom Remis-Meister ins vordere Tabellendrittel

Chemie Leipzig im Jahr 2020: Vom Remis-Meister ins vordere Tabellendrittel

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
mvibudulu
Der ehemalige Lok-Stürmer zeigt in Leipzig-Leutzsch was er kann: Stephané Mvibudulu trägt maßgeblich zum Erfolg der Chemiker bei. © Christian Modla
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Für die BSG Chemie Leipzig begann 2020 eher schleppend. Doch langsam mauserten sich die Grün-Weißen zum Spitzenteam in der Regionalliga Nordost und stehen mit Rang Drei mehr als passabel da - ein Jahresrückblick.

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Leipzig. Zu Beginn des Jahres lief nicht alles rund. Die Saison endete abrupt mit dem ersten Lockdown und einer 2:4 Heimniederlage gegen die VSG Altglienicke Mitte März. Die Mannschaft von Miroslav Jagatic war niedergeschlagen und sauer, denn im Training sah wohl alles ganz anders aus. Die Rückrunde sollte dazu dienen, den Fans Spielzüge zu präsentieren, kreative Lösungen im Spielaufbau zu finden, die richtigen Entscheidungen zu fällen und neben einer starken Abwehr die Offensive auszubauen und Tore zu schießen. Daraus wurde bekanntlich nichts.

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Die Überraschungsmannschaft

Die BSG Chemie belegte als Oberliga-Aufsteiger nach 24 absolvierten Regionalligaspielen Platz 12 mit 23 Punkten und einem Torverhältnis von 20:26. Neuzugänge wie Elvir Ibisevic konnten keine Note setzen, Kay Druschky hatte schon vor Saisonbeginn eine Pause eingelegt. Tommy Kind war mit sechs Treffern der beste Torschütze und wechselte im Sommer wieder zum VfL Halle. Daniel Heinze verabschiedete sich aus der Mannschaft, um seiner Meinung nach Platz für junge Spieler zu machen und die Funktion als Teammanager einzunehmen.

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Es gab also einige Baustellen vor Saisonbeginn. Das Credo vom Trainer blieb dasselbe "positiv denken" und Sportdirektor Andy Müller-Papra nutzte die lange Vorbereitungszeit, um neue Spieler zu verpflichten. Dabei ging es um die bewährte BSG-Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern. Mit Stephané Mvibudulu kam ein erfahrener 27-jähriger Stürmer aus Probstheida nach Leutzsch, der gemeinsam mit Neuzugang Morgan Fassbender (23 Jahre) als sehr schneller Rechtsaußen neue Akzente in der Offensive setzte. Lucas Surek (23) auf der linken Seite überzeugt mit sehr guter Technik und Standards. Alle drei gehören schnell zur Stammelf. Daneben konnten sich die Neuzugänge Tarek Reinhard (23) und Benjamin Luis (21) ebenso wie Pascal Pannier (22) und Tom Müller (19) ebenfalls schon bewähren.

Nachdem in der Vorbereitung nur gegen unterklassige Mannschaften Testspiele stattfanden und gegen Ligakonkurrent Halberstadt bei der Generalprobe ein 1:1 heraussprang, sahen die dank einem umfassenden Hygienekonzept zugelassenen 1.000 Chemie-Fans zum Ligaauftakt einen verdienten 3:1 Sieg gegen den BFC. Als das folgende Auswärtsspiel gegen den Oberliga-Aufsteiger TeBe ebenfalls mit einem 3:1 endete, thronte Chemie gar an der Tabellenspitze. Eine völlig ungewohnte Situation für die Mannschaft und die Fans. Sie trug allerdings entscheidend dazu bei, dass von "der Überraschungsmannschaft" in der Liga die Rede war und ist.

Zweitbeste Abwehr der Liga

Nach 13 Spieltagen belegt die BSG aktuell Tabellenplatz 3 hinter Spitzenreiter Viktoria Berlin und der VSG Altglienicke, vor Carl-Zeiss Jena, Energie Cottbus oder den Chemnitzer FC. Chemie spielt die Situation seit Saisonbeginn mit Sprüchen wie "Die Kirche im Dorf lassen" oder "so viele Punkte so schnell wie möglich für den Klassenerhalt sammeln" gern etwas runter, allen voran Cheftrainer Jagatic.

24 Punkte - also ein Punkt mehr als nach 24 Spieltagen in der vergangenen Saison - sammelte die Mannschaft für das ausgegebene Saisonziel Klassenerhalt. Das Torverhältnis 25:12 kann sich ebenfalls sehen lassen. Was heißt, die Abwehr um Kapitän Stefan Karau steht und lässt wie gewohnt wenig zu. Nur Viktoria hat mit neun Gegentoren eine weißere Weste. Mit 25 erzielten Toren nehmen die Leutzscher nach der VSG (29 Tore) sowie Viktoria und BFC (jeweils 26 Tore) den vierten Platz in der Liga ein.

Die vereinsinterne Torschützenliste führt Mvibudulu mit sieben Toren vor Fassbender mit vier und Alexander Bury mit drei Toren an. Trotz neuer, starker Offensive mit hoher Torgefahr waren in dieser Saison allerdings auch schon viele vertane Torchancen zu sehen. Aber sie zeigen das neue Selbstbewusstsein, dass sich die Elf um das Trainergespann Miroslav Jagatic und Christian Sobottka in dieser noch jungen Saison erarbeitete.

Infrastrukturelle Veränderungen

Ruhig bleiben mit dem Wissen um die eigene Stärke, sich nicht verrückt machen lassen, besonnen das Spiel lesen und reagieren, jeweils auf der vorgesehenen Position und mit großen Engagement - ein Lehrstück lieferte Florian Kirstein mit seinem ersten Saisontor bei der letzten Regionalliga-Begegnung am 2. November gegen den Chemnitzer FC in der 56. Minute ab. Es war das entscheidende erste Tor in der Begegnung und Kirstein hatte nach unzähligen Torchancen die Zweifler zum schweigen gebracht.

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Mit einem Erfolgserlebnis geht Chemie Leipzig in die Corona-Pause: Kirstein und Mvibudulu sorgen für den 2:0-Liga-Heimerfolg gegen den Chemnitzer FC - der erste Sieg der Grünen gegen die Himmelblauen seit 1966. Zur Galerie
Mit einem Erfolgserlebnis geht Chemie Leipzig in die Corona-Pause: Kirstein und Mvibudulu sorgen für den 2:0-Liga-Heimerfolg gegen den Chemnitzer FC - der erste Sieg der Grünen gegen die Himmelblauen seit 1966. © Christian Modla

Allerdings gibt es noch genügend Stoff für die Trainingseinheiten im neuen Jahr und einige Ansatzpunkte, mit denen Jagatic nicht zufrieden ist, wie beispielsweise die Niederlage gegen Halberstadt zeigte.

Zu dem aktuellen sportlichen Erfolg reihen sich zudem noch eine Reihe grundlegender infrastruktureller Veränderungen, die den Alfred-Kunze-Sportpark in seinem 100. Bestehensjahr langsam hin zu einer Sportanlage bringen soll, die den heutigen Verhältnissen entgegen kommt. Dazu gehören die Förderbescheide zum Kunstrasenplatz und dem Funktionsgebäude, der positiv beschiedenen Bauvoranfrage für eine Flutlichtanlage seitens des Amtes für Bauordnung und Denkmalpflege sowie die gerade neu aufgestellten Umkleide- und Sanitärcontainer für die Nachwuchsmannschaften. Alles rundum positive Zeichen, wäre da nicht die aktuelle Pandemie-Situation.

Liga-Konkurrenten rüsten auf

Die AG Fortführung des Spielbetriebs der Regionalliga Nordost beim Nordostdeutschen Fußballverband hat am 16. Dezember getagt und dem Spielausschuss empfohlen, dass der Spielbetrieb bis zum 31. Januar 2021 ruht. Danach sollte die oberste Priorität in der Beendigung der Hinrunde liegen, was in Anbetracht der aktuellen Infektionszahlen und der noch verbleibenden Spieltage eine große Herausforderung darstellt. Ebenso soll der Pokalwettbewerb der Landesverbände berücksichtigt werden und da erwartet Chemie noch den Drittligisten FSV Zwickau im Achtelfinale des Sachsenpokals.

In der Zwischenzeit rüsteten die Mannschaft, die vor Chemie in der Tabelle stehen, mächtig auf. Der aus Hamburg stammende Viktoria Berlin-Investor kaufte einem Versicherungsunternehmen eine Sportanlage ab, um ein Trainingszentrum für die erste Männer- sowie Frauenmannschaft und den Bundesligisten der U17 und U19 zu errichten. Eine besondere Attraktion auf dem Gelände bildet die Skulptur eines nackten Speerwerfers vom in Borna geborenen Bildhauer Karl Möbius, der ansonsten vor allem Kolonialgeschichte bebilderte. Als Miniaturausgabe wurde sie von der Versicherung seit den zwanziger Jahren als Wanderpokal für die erfolgreichste Filiale im Land vergeben. Erfolg wünscht sich nach der Fast-Insolvenz in der vergangenen Saison auch Viktoria und möchte die nächste "Kraft im Profifußball der Hauptstadt" werden wie auf der Vereinshomepage nachzulesen ist.

Zu der möchte auch die VSG Altglienicke hinter Hertha und Union aufsteigen und beschloss auf der Jahreshauptversammlung am 18. Dezember eine Satzungsänderung. So wird die Regionalliga-Mannschaft in eine Spielbetriebs GmbH ausgegliedert.