18. Januar 2022 / 19:26 Uhr

Chemie Leipzigs Torjäger Rudolf Krause: Treffsicher, aber um sechs Tore gebracht

Chemie Leipzigs Torjäger Rudolf Krause: Treffsicher, aber um sechs Tore gebracht

Frank Müller
Leipziger Volkszeitung
Chemie-Stürmer Rudi Krause 1951 gegen Madureiras Rio de Janeiro (li.) und als DDR-Auswahltrainer 1982 (re.).
Chemie-Stürmer Rudi Krause 1951 gegen Madureiras Rio de Janeiro (li.) und als DDR-Auswahltrainer 1982 (re.). © Westend-Presseagentur/Imago/SPORTBUZZER-Montage
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Er war im Jahr 1952 der beste Goalgetter der DDR-Oberliga - und der erste Leipziger dem das gelungen ist. In der SPORTBUZZER-Serie zu Leipzigs Torschützenkönigen der Vergangenheit geht es im ersten Teil um eine Leutzscher Legende: Rudolf Krause, der in dieser Woche 95 Jahre alt geworden wäre.

Leipzig. Sieben Torschützenkönige der DDR-Oberliga spielten für Vereine aus Leipzig und dem Umland. In einer SPORTBUZZER-Serie stellen wir sie vor – verbunden mit der leisen Hoffnung, dass bald ein Leipziger bester Torjäger der Fußball-Bundesliga wird.

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Gegnerischer Protest im Bruno-Plache wegen Verzögerung

Rudolf Krause war der Erste, der für Leipziger Farben in der DDR-Oberliga bester Torschütze wurde. 1951/52 erzielte er für Meister Chemie Leipzig 27 Treffer, musste sich die Torjägerkrone allerdings mit Kurt Weißenfels teilen, der Lok Stendal mit ebenfalls 27 Treffern zu Rang zehn verhalf, während Chemie Dritter wurde. Die hohe Zahl an Treffern kam auch dadurch zustande, da die in jener Saison mit 19 Teams spielende Oberliga 36 Spiele pro Verein brauchte. Ab 1954/55 waren es in der DDR-Oberliga dann bei 14 Mannschaften nur noch 26 Spieltage.

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Krause wurde am 21. Januar 1927 in Leipzig geboren, er wäre in dieser Woche also 95 Jahre alt geworden. Er wuchs in Stötteritz auf, wo er 1946 begann, organisiert Fußball zu spielen. Ein Jahr später wechselte er zur benachbarten SG Probstheida, unter sowjetischer Besatzung ein Nachfolger des ersten Deutschen Meisters VfB und Vorgänger des 1. FC Lok. Als 1949 mit einer zentralen höchsten Liga, der DS-Liga gestartet wurde, die noch während des Spieljahres 1949/50 in Oberliga umbenannt wurde, wechselte Krause nach Leutzsch zur ZSG Industrie Leipzig, dem Vorgänger der BSG Chemie, mit der er 1951 Meister wurde. Schon da erzielte er als Halbstürmer (heute in etwa wie ein offensiver Mittelfeldspieler) 18 Saisontore. Bereits eine Saison später wurden es die besagten 27 – eine sensationelle Quote von 0,75 pro Spiel.

1953/54 hätte er einen Allzeit-Rekord für die DDR-Oberliga einstellen können. Im Spiel Chemie gegen Stahl Thale schoss er alle sechs Tore zum 6:3-Sieg der Leipziger. Für die Partie am 11. Oktober 1953 wich Chemie – wie noch weitere Male und aus heutiger Sicht erstaunlich – ins Bruno-Plache-Stadion aus, da ein für Leutzsch zu großer Zuschauerandrang erwartet wurde. Es kamen tatsächlich 27 000 Zuschauer, die den sechsfachen Torschützen Krause bejubelten. Die Partie war allerdings mit deutlicher Verspätung angepfiffen worden, denn die Chemiker hatten sich in Leutzsch umgezogen, dann aber auf der Fahrt mit dem Bus eine Panne. Dadurch kamen sie nicht rechtzeitig in Probstheida an. Thale legte wegen des verspäteten Beginns Protest ein und erhielt die Punkte, Krauses Treffer zählten folglich nicht – bitter.

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Nur vier anderen Akteuren gelangen sechs Oberliga-Treffer in einem Spiel: Im Jahr 1949 Werner Walter für die SG Dresden-Friedrichstadt beim 10:0 in Babelsberg, 1950 Franz Kusmierek für Waggonbau Dessau beim 10:0 gegen Vorwärts Schwerin, Harry Arlt für Einheit Dresden im Februar 1953 beim 9:2 gegen Motor Gera, und weit später, 1979, auch Joachim Streich beim 10:2 gegen Chemie Böhlen. Auf Druck von Sportfunktionären war Krause Anfang 1952 zu Vorwärts Leipzig gewechselt, einer Mannschaft der Kasernierten Volkspolizei, aus der später die Nationale Volksarmee (NVA) wurde. Nach dem Oberliga-Abstieg von Vorwärts ging Krause jedoch zu Chemie zurück. Ein Jahr darauf wurden die Sportclubs gebildet, worauf er sich dem SC Lok, der im Stadion des Friedens spielte, anschloss.

Vom Spieler zum Coach der DDR-Olympia-Elf

Mit ihm wurde Krause 1954/55 jedoch nur Elfter, was gemeinsam mit Trainer Alfred Kunze eine Strafversetzung zum Drittligisten Lok Weimar nach sich zog. Anfang 1956 durfte er zurück zum SC Lok, bei dem er 1961 nach 254 Oberliga-Spiele (102 für Chemie, fünf für Vorwärts, 147 für den SC Lok) mit 111 Treffern seine aktive Laufbahn beendete. Zweimal war er auch in der DDR-Nationalmannschaft zum Einsatz gekommen.

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Krause absolvierte die Ausbildung zum Trainer und wurde als promovierter Sportwissenschaftler ein ausgewiesener Fachmann. Nach dem Traineramt bei Stahl Lippendorf übernahm er 1963 nach der Leipziger Neuaufteilung den favorisierten SC Leipzig, der jedoch nur Dritter wurde, während Chemie unter seinem alten Trainer Alfred Kunze sensationell den Meistertitel holte. Ein Jahr darauf wurde der SCL Vierter – wieder hinter Chemie. Krause musste gehen, wurde Trainer beim Zweitligisten Zeitz. Ab 1968 coachte er die DDR-Juniorenauswahl, mit der er einmal Europameister und zweimal Zweiter des Uefa-Juniorenturniers wurde. Von 1976 bis 1978 betreute er die DDR-Nachwuchsauswahl, bevor er 1979 die Olympia-Elf der DDR trainierte und mit ihr 1980 in Moskau die Silbermedaille errang.

„Er war absolut Fachmann, manchmal eigensinnig. Ich habe mich mit ihm gern ausgetauscht“, erinnert sich Frank Engel, der mit ihm als junger Coach zu tun hatte. 1982 berief man Rudi Krause zum Cheftrainer der A-Auswahl, doch nach der verpassten EM-Qualifikation für 1984 musste er gehen. Am 12. Dezember 2003 starb er in seiner Heimatstadt, in der er bis heute als einer der besten Torjäger gilt.

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