12. Januar 2021 / 07:25 Uhr

Frohnatur auf der Flucht ins Glück: Chemie-Torwart Günther "wollte nicht eingesperrt sein"

Frohnatur auf der Flucht ins Glück: Chemie-Torwart Günther "wollte nicht eingesperrt sein"

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Vier Meister von 1964: Klaus Lisiewicz, Bernd Bauchspieß, Helmut Schmidt, Klaus Günther  (v.l.).
Vier Meister von 1964: Klaus Lisiewicz, Bernd Bauchspieß, Helmut Schmidt, Klaus Günther (v.l.). © Westend-Presseagentur
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1964 feierte Klaus Günther mit der BSG Chemie Leipzig den Meistertitel in der DDR-Oberliga. 1966 floh der Torwart in den Westen, spielte nach einem Jahr Zwangspause für Borussia Dortmund. Seine Entscheidung von damals bereut der Keeper, der am Dienstag 80 Jahre alt wird, rückblickend nicht.

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Leipzig. Es waren Stunden, die über ein ganzes Leben entschieden: Im Westen standen Klaus Günther und sein Onkel Fritz, auf der anderen Seite, jenseits des Schlagbaumes auf der Ostseite, harrten Alfred Kunze und die Eltern von Günther aus. 1966 wollte man den soeben in den Westen abgehauenen Torhüter der BSG Chemie zurück in den Osten lotsen. Klaus Günther wird an diesem Dienstag 80 Jahre alt – und blickt auf diese Episode mit Gelassenheit zurück.

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Flucht beim EC-Spiel in Lüttich

„Es war schon alles richtig so, wie es gelaufen ist. Aber damals, da wäre ich fast schwach geworden…“ Es war ein richtiger „Telefonterror“, den der beim Europapokalspiel der BSG Chemie in Lüttich geflohene Günther durchlebte. Er war kaum bei seinem Onkel im badischen Gaggenau angekommen, da klingelte das Telefon zum ersten Mal.

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„Da war Trainer Alfred Kunze am Apparat und beschwor mich, zurückzukehren. Noch hätte niemand etwas bemerkt, alles würde folgenlos bleiben.“ Man traf sich also an der Grenze. Da man nicht direkt miteinander sprechen konnte, schickte man die Botschaften mittels Lkw-Fahrern, welche die Grenze passierten. Schließlich beendete ein Grenzer die skurrile Situation: „Ohne Pass ist hier noch keiner rübergekommen!“

Auch Funktionäre meldeten sich bei dem Geflüchteten, versprachen neben Straffreiheit ein Auto, eine Wohnung und den benötigten Kühlschrank für die Eltern. Doch Günther blieb standhaft: „Ich wollte nicht eingesperrt sein, frei reisen und in der Bundesliga spielen!“ Das gelang ihm eindrucksvoll. Das Probetraining beim VfB Stuttgart verlief positiv, doch die Schwaben wollten nicht ein Jahr warten, bis die damals übliche internationale Sperre abgelaufen war. Also schlug Erzfeind Karlsruhe zu – und wartete.

48. Jahre Meistertitel der BSG Chemie Leipzig in der DDR-Oberliga.  Im Bild v.l.: Bernd Rohr, Klaus Lisiewicz, Helmut Schmidt, Hans-Georg Sannert, Manfred Walter, Dieter Scherbarth, Horst Slaby, Wolfgang Krause, Bernd Bauchspieß, Wolfgang Behla, Heinz Herrmann, Klaus Günther.
48. Jahre Meistertitel der BSG Chemie Leipzig in der DDR-Oberliga. Im Bild v.l.: Bernd Rohr, Klaus Lisiewicz, Helmut Schmidt, Hans-Georg Sannert, Manfred Walter, Dieter Scherbarth, Horst Slaby, Wolfgang Krause, Bernd Bauchspieß, Wolfgang Behla, Heinz Herrmann, Klaus Günther. © Christian Modla

Im Team mit Assauer und Held

Doch die Badener stiegen ab – nun wollte Borussia Dortmund den Keeper. „Macke“ Günther, der seinen Spitznamen seinem zweiten Vornamen Max und nicht irgendwelchen Verrücktheiten verdankte, spielte fortan mit Assauer, Held, Emmrich und Neuberger in einem Team. Beim legendären Spiel gegen Schalke, als Friedel Rausch von einem Hund in den Allerwertesten gebissen wurde, stand er im BVB-Tor. Mit den Dortmundern bereiste er Mexiko, England, Israel und Griechenland.

Mit dem Fußball begann er einst bei Aktivist Böhlen. Trainingsbester war er nie, meist nahm er es lässig. „Ich habe meist ohne mich warm zu machen losgespielt“, gab er zu. Trotzdem wurde er mit der BSG Chemie Leipzig 1964 DDR-Meister und zwei Jahre später Pokalsieger, obwohl er erst mit 16 Jahren ins Tor gewechselt war und mit 1,80 Metern nicht zu den größten Keepern gehörte. „Macke“ war beliebt bei Mitspielern und Fans, man musste die Frohnatur einfach mögen. Noch heute bekommt er Fanpost, die er persönlich beantwortet.

Am 19. Mai 1970 bestreitet Borussia Dortmund während des Trainingslagers in Mexiko ein Testspiel - die Spieler formieren sich zum Mannschaftsbild, mit dabei Wolfgang Paul (hi. 2.v.li.), Rudi Assauer (hi. 5.v.re.), Torwart Klaus Günther und Dieter Kurrat (vorn 2.v.re.).
Am 19. Mai 1970 bestreitet Borussia Dortmund während des Trainingslagers in Mexiko ein Testspiel - die Spieler formieren sich zum Mannschaftsbild, mit dabei Wolfgang Paul (hi. 2.v.li.), Rudi Assauer (hi. 5.v.re.), Torwart Klaus Günther und Dieter Kurrat (vorn 2.v.re.). © imago images / Sven Simon

Trotz Herzschrittmacher und diverser Operationen geht es ihm heute gut, Stillstand gibt es nicht. Er fiebert dem Ende von Corona entgegen, um wieder seinem geliebten Hobby zu frönen, wenn er die Spiele der umliegenden Vereine in Rotenfels oder Gaggenau verfolgt. Und natürlich hat er einen großen Wunsch: „Ich hoffe, dass wir nach dem letztjährigen Ausfall unser Treffen der 64er Meister in Leipzig wieder abhalten können.“ Denn die Jahre mit Chemie sind ihm trotz aller Erfahrungen und Abenteuer nach wie vor die liebsten.