17. Juni 2020 / 12:24 Uhr

Chemieblogger Pauly fehlt "Geruch von Bratwurst, Pyro und verschüttetem Bier auf meinen Klamotten"

Chemieblogger Pauly fehlt "Geruch von Bratwurst, Pyro und verschüttetem Bier auf meinen Klamotten"

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
Bastian Pauly begleitet als Chemieblogger das Fußballgeschehen in Leutzsch.
Bastian Pauly begleitet als "Chemieblogger" das Fußballgeschehen in Leutzsch. © Picture Point / Privat
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"Kein virtuelles Event kann ein authentisches Stadionerlebnis ersetzen", sagt Bastian Pauly. Der "Chemieblogger" blickt auf die Saison von und mit der BSG Chemie Leipzig und die Zukunft des Fußballs nach Corona.

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Leipzig. Die Regionalliga Nordost ruht seit über drei Monaten und wurde vor zwei Wochen offiziell abgebrochen. Zeit für eine Bilanz. Der SPORTBUZZER hat sich mit Chemieblogger Bastian Pauly über die Regionalliga-Saison im Allgemeinen und die der BSG Chemie Leipzig im Besonderen unterhalten.

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Wie sieht Deine Einschätzung zur Saison der BSG Chemie Leipzig aus?

Chemieblogger: Chemie ist angekommen in der Regionalliga. Der Klassenerhalt ist verdient, weil es kein einziges Spiel gab, bei dem Chemie aus dem Stadion geschossen wurde – ganz im Gegensatz zur Abstiegssaison vor zwei Jahren. Der Verein hat sportlich einen Schritt nach vorne gemacht. Die Mannschaft wurde zu Saisonbeginn gut verstärkt. Die Abwehr zählt zu den besten der Liga, Benny Bellot könnte auch in der dritten Liga halten. Coach Miro Jagatic hat immer einen Plan, wie er Fußball spielen will, und wenn der mal nicht aufgeht, wird flexibel umgestellt. Jagatic trifft den Ton, den man im Alfred-Kunze-Sportpark hören will, ist in kürzester Zeit Leutzscher geworden, zieht jetzt von Berlin nach Leipzig. Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise sagte er, wirklich schlecht gehe es jetzt gerade den Flüchtlingen, die vor Europas verschlossenen Grenzen stünden. Das hat mir imponiert. Er hätte die Mannschaft auch ohne Corona-Abbruch zum Klassenerhalt geführt, und wenn es eine 0:0-Serie gewesen wäre.

Was hat Dich am meisten überrascht?

Dass Chemie sportlich gegen jedes Team mithalten konnte, um trotzdem tief unten drin zu stehen. Der emotionale Höhepunkt war ganz klar im Oktober der Derbysieg gegen Lok – und der war hochverdient. Der andere Stadtteil darf weiter auf den Aufstieg hoffen, aber ich weiß nicht, was der größere Makel ist: sich Quotientenmeister nennen lassen zu müssen oder die einzige Saisonniederlage ausgerechnet gegen Chemie eingefahren zu haben. Auch sonst fehlte es nicht an Überraschungen. Altglienicke hätte ich nie so stark eingeschätzt, Nordhausen nie so schwach. Die Wacker-Insolvenz birgt genügend Stoff für einen mehrteiligen Wirtschaftskrimi. Auch der Untergang von Rot-Weiß Erfurt ist episch und erinnert an finsterste FC-Sachsen-Zeiten. Ich bin froh, dass das lange vorbei ist.

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Am 6. Oktober 2019 standen sich die BSG Chemie Leipzig und der 1. FC Lok Leipzig zum 103. Mal gegenüber. Zur Galerie
Am 6. Oktober 2019 standen sich die BSG Chemie Leipzig und der 1. FC Lok Leipzig zum 103. Mal gegenüber. ©

Gab es Enttäuschungen?

Die mit Abstand größte Enttäuschung war die Verpflichtung von Daniel Frahn durch Babelsberg 03 und noch viel mehr der öffentliche Umgang damit, der ein einziges PR-Desaster war. In kürzester Zeit hat Nulldrei nahezu alles an Glaubwürdigkeit verspielt, was über Jahre mit nachhaltigem gesellschaftlichen Engagement mühsam aufgebaut wurde, etwa für die Seebrücke. Als Chemie kurz darauf in Babelsberg antrat, glich die Atmosphäre der eines traditionellen Hass-Duells. Da ist einiges kaputtgegangen und ich hoffe, dass das nicht für immer ist.

Skandalös war der Polizeieinsatz in Fürstenwalde, bei dem ein Chemie-Fan schwer verletzt wurde. Zum Glück gab es hochauflösende Videos, die diesen Fall brutaler Polizeigewalt dokumentierten. Sonst hätten die brandenburgischen Behörden das wohl erfolgreich vertuschen können.

Auch sportlich lief nicht alles glatt. Der Kader ist in der Offensive nicht breit genug besetzt. Kai Druschkys früher Abgang war ein schwerer Verlust, dann fielen Tomáš Petrácek und Tommy Kind lange mit Verletzungen aus. Das setzt ein Fragezeichen hinter die Kaderplanung.

Irritiert war ich auch über den Auftritt einer Chemie-Delegation auf einer Wahlkampfveranstaltung des Leipziger CDU-Oberbürgermeisterkandidaten, der mit seiner Vita und seinen politischen Botschaften genau für das Gegenteil von dem steht, was Chemie ausmacht.

Mehr zur BSG

In der ARD lief im Dezember der Beitrag zur BSG als Gegenentwurf zu beispielsweise RB Leipzig. Fußballromantik oder notwendige Realität?

Diese Erzählung muss jedem Chemie-Fan schmeicheln, aber der Kern ist wahr. Der Verein hat sich losgesagt von den Irrwegen aus FC-Sachsen-Zeiten, als sportlicher Größenwahn regelmäßig in der Pleite endete. Mit dem basisdemokratischen Selbstverständnis bildet Chemie tatsächlich einen Gegenpol zum Brauseprojekt, so gut es eben geht, wenn man halbwegs erfolgreich Fußball spielen will. Für mich ist das ein ständiger Konflikt. Insgeheim träume ich davon, mit Chemie zu großen Stadien zu reisen – einerseits. Andererseits weiß ich, dass die Regionalliga das höchste der Gefühle ist, wenn man seine Ideale nicht vollends über Bord werfen will.

Alles in allem entwickelt sich der Verein gesund, auch wenn es hier und da kleinere Konflikte gibt. Mit jeder Saison werden mehr Dauerkarten verkauft, immer mehr Fans wollen sich auch als Mitglieder einbringen. Wenn ich mich auf den Rängen umsehe, fällt mir auf, wie heterogen die Stadiongänger sind. Kutten, Ultras, Alte, Junge, viele Frauen, viele kleine Kinder. Der von Fans hergerichtete Familienblock ist eine großartige Errungenschaft. Auch wenn oberflächliche Betrachter das kaum glauben werden, Chemie ist ein lebendiger Familienverein und es kommen immer neue Fans nach. Hätte man mir das vor zehn Jahren erzählt, ich hätte ungläubig gelacht.

Hat die spiel- und trainingsfreie Zeit durch Corona Auswirkungen auf den Fußball? Auf die finanzielle Situation - wie sie in der Saison bei Rot-Weiß Erfurt und Wacker Nordhausen schon zu beobachten war?

Die Pleiten in Erfurt und Nordhausen sind auf jahrelanges Missmanagement zurückzuführen und haben rein gar nichts mit der Corona-Krise zu tun. Die Grenzen zwischen Selbstdarstellertum, Großmannssucht und krimineller Energie scheinen fließend. Diese Insolvenzen sind mahnende Beispiele, dass die Kosten für gescheiterte Träume von Profifußball auf die Gemeinschaft abgewälzt werden. Denn es geht nicht nur zu Lasten geprellter Investoren oder Sponsoren, sondern auch öffentlicher Kassen.

Aber natürlich ist die Ungewissheit nach dem Corona-Abbruch überall groß. Vereinen an der Schnittstelle zwischen Profi- und Amateurfußball ist die Hauptfinanzierungsquelle weggebrochen. Ich bin dafür, dass, sofern es die Pandemie-Situation zulässt, bald wieder Regionalliga-Fußball gespielt wird – notfalls auch ohne Fans. Chemie könnte ein Streaming-Angebot einrichten. Ich wäre bereit, virtuell genauso viel Eintrittsgeld hinzulegen wie beim echten Stadionbesuch. Wenn es viele so sehen, wären die größten finanziellen Sorgen erledigt.

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Wird sich die Fankultur verändern?

Ich möchte daran keinen Zweifel lassen: Geisterspiele sind eine Unkultur. Fußball geht nur mit echten Fans im Stadion. Ich fand es eine beispiellose Anmaßung, wie schnell der Profifußball nach dem Lockdown zurück an die Fleischtöpfe wollte. Mich hat es überrascht, wie wenig nachhaltig das Geschäftsmodell Profifußball ausgelegt ist. Aber so, wie es jetzt ist, kann es auch nicht weitergehen. Chemie und die anderen Vereine hängen in der Luft. Wenn die Corona-Pause länger anhalten sollte, mache ich mir schon Gedanken, ob alles wieder so kommt, wie es vorher war. Mir fehlt der Geruch von Bratwurst, Pyro und verschüttetem Bier auf meinen Klamotten. Kein virtuelles Event kann ein authentisches Stadionerlebnis ersetzen.

In naher Zukunft beginnt die zweite Regionalligasaison in Folge für die BSG, möglicherweise mit Gegnern wie Carl Zeiss Jena, FSV Zwickau, Chemnitzer FC oder HFC. Wie ist in Anbetracht dessen der Gemütszustand?

Ich freue mich, wenn es irgendwann wieder losgeht. Vor der neuen Saison habe ich Respekt. Das Geld ist knapp, die Transferpolitik – aus guten Gründen – defensiv. Aktuell fällt es mir schwer zu glauben, dass Chemie sechs, sieben Vereine hinter sich lassen kann. Neben namhaften Drittliga-Absteigern kommen auch von unten ambitionierte Vereine hoch. Aber ich sehe auch keinen Grund, warum Chemie perspektivisch nicht auf einem Niveau mit Auerbach, Meuselwitz oder auch dem BFC Dynamo spielen sollte. Vor einem Jahr wurden Benny Bellot und Benny Boltze geholt. Wenn es klappt, zwei, drei offensivstarke Spieler dieser Kragenweite nach Leutzsch zu lotsen, wird sich Chemie fest in der Regionalliga etablieren.