14. Dezember 2021 / 07:38 Uhr

Chemisches Element: 45 Jahre grün-weiße Leidenschaft in einem Buch

Chemisches Element: 45 Jahre grün-weiße Leidenschaft in einem Buch

Haig Latchinian
Leipziger Volkszeitung
45 Jahre Leidenschaft stecken in Jens Fuges Buch über die BSG Chemie Leipzig.
45 Jahre Leidenschaft stecken in Jens Fuges Buch über die BSG Chemie Leipzig. © Robert Fuge
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Jens Fuge beschreibt in seinem bislang persönlichsten Buch nicht nur seine 45 Jahre Leutzscher Fußball. Die Liebeserklärung an die BSG Chemie Leipzig ist auch die faktenreiche Beschreibung eines Kapitels jugendlicher Subkultur in der DDR.

Leipzig. Wenn es um Chemie geht, scheint er in seinem Element: „Chemisches Element“ ist der Titel von Jens Fuges bisher persönlichstem Buch. Auf fast 300 Seiten beschreibt der Autor mit Wurzeln in Leipzigs einstigem Arbeiterviertel Lindenau seine 45 Leutzscher Jahre. Er, der schon als Kind in der Demmeringstraße mit einem guten Dutzend Jungs aus der Nachbarschaft kickte, an der Seite von Onkel Erich sein erstes Derby gegen Lok erlebte und als Halbwüchsiger den mit 5,55 Metern längsten grün-weißen Schal besaß.

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Stadionverbot dank eines Schneeballs

Früh stand er auf der Seite der Zu-kurz-Gekommenen. Nicht nur einmal fühlten sich die Chemiker benachteiligt. So 1981 beim 1:1 in Dessau, als der Referee die Leutzscher „gnadenlos verpfiff“, wie es Fuge nennt. In Polen war das Kriegsrecht verhängt worden, Kanzler Helmut Schmidt besuchte die DDR und BSG-Fans stürmten das Spielfeld: „Helmut Schmidt, nimm‘ uns mit, in die Bundesrepublik!“ Die Polizei griff durch und jagte die Schlachtenbummler. Auf dem Friedhof zückte einer gar die Pistole: „Halt, stehenbleiben, oder ich schieße.“ Spätestens da war das Spiel aus. Fuge, der den „Parteiischen“ mit einem Schneeball attackiert hatte, wurde zugeführt. Zur Strafe setzte es Stadionverbot in Leutzsch, tatsächlich fehlte er aber bei keiner einzigen Partie. Längst hatte Fuge einen Fanclub gegründet, schrieb per Hand Ausweise und Statuten. Er gestaltete den Schaukasten gegenüber vom Leutzscher Rathaus und brachte mit Freunden die „Leutzscher Volkszeitung“ heraus: Freche Texte über die DDR-„Opaliga“, Comics, Umfragen. Seine damalige „Flamme“ vervielfältigte die bis zu 50 Heftchen.

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Die Fanzeitung wurde zum Politikum und rief die „Organe“ auf den Plan. Weil auf illegale Zeitungen ein Jahr Gefängnis stand, saß er in der Falle, wie Fuge schreibt. Die Stasi habe ihn erpresst und zwang ihn zur Mitarbeit, die er nach wenigen Treffen aufkündigte. Der lange Schatten der Stasi sollte ihn viel später erneut einholen, ausgerechnet auf dem sonnigen Gipfel seines Berufslebens: Fuges erfolgreiche Agentur erstellte zu der Zeit sämtliche Pressekampagnen für Leipzigs Olympiabewerbung 2012. Da vermeldete die Tagesschau entsprechende Kontakte. Auch Heiner Bremer machte sein RTL-Nachtjournal mit Fuges angeblichen Verstrickungen auf. Die Enthüllung, betont der Leipziger Autor, sei gar keine gewesen. Er hatte jene unfreiwilligen Treffs mit „Horch und Guck“ bereits im Vorfeld bekannt gemacht, so Fuge. Dennoch kosteten sie ihn den Auftrag der Olympia GmbH, obwohl ihn Michael Beleites, Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, kurz darauf entlastete.

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Fuges Buch ist viel mehr als eine Liebeserklärung an Chemie. Es ist die faktenreiche Beschreibung eines Kapitels jugendlicher Subkultur in der DDR. Auch der im Osten oft geleugnete Neonazismus wird nicht verschwiegen, dem Fuge damals wie heute die Stirn bietet. Auf beinahe schon groteske Weise macht „Chemisches Element“ vor allem deutlich, wie sich die DDR-Organe ihre „feindlich negativen Elemente“ mitunter selbst herangezogen hatten.

Reise nach Prag endet früh

Fuge organisierte in Leipzig mehrfach Treffen mit einem Bonner Fanclub und ratterte trotz strikten Verbots auf seiner 150er MZ zum Länderspiel der Beckenbauer-Elf nach Prag. Er kam nur bis Zinnwald. Die Grenzer wiesen ihn ab. Die Behörden zogen seinen Personalausweis ein und händigten ihm einen sogenannten PM 12 aus. „So etwas bekamen Leute, die im Knast waren“, notiert Fuge. Der gelernte Aufzugsmonteur, der von Gelegenheitsjobs lebte, stellte nicht nur einen Ausreiseantrag. Fuge ließ 37 weitere Gesuche folgen. Er verfasste eine Eingabe an den „Werten Herrn Honecker“ und wurde in der Kirche aktiv. Gemeinsam mit Bürgerrechtlern wollte der Chemie-Fan die Volkskammerwahl 1989 kontrollieren. An der Aufdeckung des Wahlbetrugs konnte er nicht mehr mitwirken. Die DDR „entließ“ ihn zuvor in den Westen.

„Chemisches Element“ ist ein Plädoyer für die Freiheit. Nichts ließ Fuge, Baujahr 63, Vater von vier Kindern und Motorradfan, aus. Auf Kuba fuhr er mit Che Guevaras Sohn durch die Kante. In Arizona interviewte er die Gründer der Hells Angels, Johnny Angel und Sonny Barger. Als Bundesliga-Reporter tingelte er durch die Lande, saß in Karlsruhe bei Mehmet Scholl auf der Couch, sprach mit Oliver Kahn und stand neben dem nackten Winnie Schäfer in der Kabine.

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Als Journalist machte er eine Reportage über Frauen bei der Polizei, sprach mit einem Drogendealer, war Bungee-Springer am Kulkwitzer See und stürzte sich, sein wohl größtes Abenteuer, in die Vereinsarbeit bei Chemie. Er war Aufsichtsrat, half im Vorstand des „Clubs der 100“, im Präsidium und als ehrenamtlicher Marketingchef. Sein Buch beweist: Die Chemie stimmte nicht immer. Nicht mal bei Chemie. Selbst in der Freiheit eckte er mit Programmheften an. Doch es bleibt dabei: Einmal Chemie, immer Chemie.