06. November 2021 / 08:44 Uhr

Vor Duell gegen "verwundbaren" FC Bayern: Christian Günter über Erfolgsrezept des SC Freiburg und Wechselgedanken

Vor Duell gegen "verwundbaren" FC Bayern: Christian Günter über Erfolgsrezept des SC Freiburg und Wechselgedanken

Fynn Engelbrecht-Greve
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Freiburg-Kapitän Christian Günter trifft am Samstag im Bundesliga-Topspiel auf Tabellenführer Bayern München. 
Freiburg-Kapitän Christian Günter trifft am Samstag im Bundesliga-Topspiel auf Tabellenführer Bayern München.  © IMAGO/Sportfoto Rudel (Montage)
Anzeige

Freiburgs Kapitän Christian Günter spricht im SPORTBUZZER-Interview vor dem Spitzenspiel beim FC Bayern München über Interna, eigene Wechselgedanken, die Impf-Debatte um Joshua Kimmich und Trainer Christian Streich.

Auch wenn am Samstagabend RB Leipzig den BVB empfängt (18.30 Uhr/Sky) ist das absolute Top-Spiel des 11. Spieltags in der Bundesliga das Duell zwischen dem FC Bayern und dem SC Freiburg (15.30 Uhr/Sky). Die Breisgauer sind als Tabellendritter das Team der Stunde und ziehen mit einem Sieg in München sogar mit dem Spitzenreiter gleich. Eine Säule des Erfolgs: Mannschaftskapitän und Urgestein Christian Günter. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland spricht der Nationalspieler über das FCB-Duell, das Erfolgsgeheimnis der Freiburger und eigene Wechselgedanken. Auch zur Impf-Debatte um Joshua Kimmich hat er eine klare Haltung.

Anzeige

SPORTBUZZER: Herr Günter, wissen Sie, was der SC Freiburg mit dem FC Liverpool, SSC Neapel und AC Mailand gemeinsam hat?

Christian Günter (28): Ja, das ist auch mir nicht mehr verborgen geblieben. Wir gehören zu den vier Mannschaften in den europäischen Top-Ligen, die noch kein Spiel verloren haben.


Warum wird der SC Freiburg von diesem Quartett am längsten ungeschlagen bleiben?

(lacht) Ich sag mal so: Das wird am Wochenende gegen den FC Bayern auf eine ganz, ganz harte Probe gestellt. Es gibt in der Bundesliga keinen schwierigeren Gegner. Und selbst in Europas Top-5-Ligen ist das mit der beste Gegner, den man erwischen kann. Deshalb muss schon wirklich alles passen, damit diese Serie bestehen bleibt.

Noch ein Sieg und Sie stellen einen neuen Klub-Rekord auf. Besser als mit einem Sieg gegen Bayern kann man das doch gar nicht feiern.

Das auf jeden Fall. Es ist immer schön, wenn man sich mit den Besten messen kann. Auf dieses Spiel haben wir zehn Spieltage hingearbeitet und haben uns eine sehr gute Ausgangsposition verschafft. Wir freuen uns auf Samstag und werden versuchen, es den Bayern so schwer wie möglich zu machen. Aber wir sind weit weg davon, als Favorit ins Spiel zu gehen.

Günter: "Dass wir zu diesem Zeitpunkt ungeschlagen auf Platz drei stehen, war so nicht zu erwarten"

Hat der SCF nicht dennoch plötzlich auch gegen den FC Bayern etwas zu verlieren? Immerhin sind Sie Tabellendritter und wären bei einem Sieg punktgleich.

Nein und das ist unser großes Glück. Zu verlieren haben wir etwas, wenn wir auf Tabellenplatz 16 sind, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen und in den letzten Spielen nichts geholt hätten. Für uns wird es einfach ein tolles Spiel, bei dem wir an unsere Grenze gehen müssen. Es wird die größte Herausforderung der Saison, aber wir Sportler suchen ja Herausforderungen.

Sind Sie selbst von der bisherigen Saison ihrer Mannschaft überrascht?

Ja. Dass wir zu diesem Zeitpunkt ungeschlagen auf Platz drei stehen, war so nicht zu erwarten. Es gibt ja in der Bundesliga noch einige andere Mannschafen, die in den letzten Jahren konstant dort oben mit dabei waren. Bei uns muss man dagegen vor jeder Saison immer wieder aufs Neue schauen, wo die Reise hingehen kann. Bis jetzt sieht man, dass wir eine sehr gute Mannschaft haben, die eine richtig gute Saison spielen kann. Aber wir brauchen jetzt nicht anfangen, darüber zu reden, was wir plötzlich wollen uns müssen. Das Einzige was wir müssen, ist Woche für Woche auf dem Platz Gas zu geben und dann werden wir am Ende sehen, was dabei rauskommt.

Erinnern Sie sich, wie oft Sie in Ihrer Karriere schon gegen Bayern gewinnen konnten?

Ich glaube bisher nur einmal.

Eine schöne Erinnerung?

Anzeige

Nicht wirklich. Das war leider in dem Jahr, als wir abgestiegen sind. Wir haben am vorletzten Spieltag der Saison 2014/15 kurz vor Schluss das 2:1-Siegtor gemacht. Aber so ist der Sport leider auch. Da gewinnt man zum ersten Mal gegen Bayern München und eine Woche später steigt man trotzdem ab. Ich wäre lieber noch immer sieglos gegen den FC Bayern, wenn wir dafür damals nicht abgestiegen wären. Aber man kann es nicht rückgängig machen.

Rückgängig machen kann der FC Bayern auch nicht die 0:5-Klatsche im Pokal gegen Gladbach. Haben Sie das Spiel gesehen und was haben Sie bei dem Ergebnis gedacht?

Ja, das Spiel habe ich mir zuhause angeschaut. Das war von Gladbach natürlich eine herausragende Leistung. Sie haben alles auf den Platz gebracht, was es braucht, um so eine Mannschaft zu schlagen. Dass es dann sogar 5:0 endet, war schon extrem. Aber insgesamt dennoch absolut verdient. Das kann man sich schon ein Stück weit zum Vorbild nehmen.

Also nehmen Sie das Spiel der Gladbacher als „Schablone“ für die Partie am Samstag in München?

Nein, weil es auch insgesamt vom System passen muss. Wenn wir jetzt alles über den Haufen werfen, was bisher bei uns gut war, weil wir spielen wollen wie Gladbach, wäre das nicht gut. Wir müssen uns weiterhin auf unsere eigenen Stärken konzentrieren. Aber klar, man hat gesehen, dass Bayern verwundbar ist. Man hat aber ebenfalls gesehen, dass bei einem selbst wirklich alles passen muss, denn man muss dazu sagen, dass die Bayern nicht ihren besten Tag hatten. Da spielen viele Faktoren eine Rolle.

Günter mahnt: Kimmich nicht "wie einen Schwerverbrecher" behandeln

Beim FC Bayern beherrschte neben der Pokal-Pleite vor allem die Impf-Debatte um Joshua Kimmich die Schlagzeilen. Sprechen Sie mit Ihren Mitspielern über ihren Impfstatus oder ist das ein Tabuthema in der Kabine?

Ein Tabuthema ist es nicht, da sprechen wir schon drüber. Aber ich finde, dass es bei der ganzen Sache auch um eine gewisse Toleranz geht. Wir reden immer davon, dass es keine Impf-Pflicht gibt. Aber wenn dann jemand Zweifel äußert, wird er an den Pranger gestellt. Das finde ich nicht gut.

Ändert es etwas, wenn man weiß, dass sein Gegenspieler nicht geimpft ist?

Nein, überhaupt gar nicht. Man darf nicht vergessen, dass man auch im Alltag Kontakt mit ungeimpften Menschen hat. Das lässt sich bei der Impf-Quote in Deutschland ja gar nicht vermeiden. Und Joshua Kimmich hat es ja gesagt: Er hält sich an alle Regeln und Maßnahmen, er trägt eine Maske, er macht regelmäßige Tests. Dann braucht man ihn nicht behandeln, wie einen Schwerverbrecher.

Zurück zu Ihnen: Ihre Karriere ist eng verbunden mit dem Namen Christian Streich. Was macht Ihren Trainer so besonders?

Er ist ein Trainer, der nicht nur den Fußballer sieht, sondern auch den Menschen dahinter. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ihm das sogar wichtiger ist. Über seine Qualitäten im fußballerischen Bereich brauchen wir eh nicht sprechen, da sprechen die Zahlen für sich. Wir sind froh, dass wir ihn haben.

Christian Streich war schon im Jugendbereich Ihr Trainer. Haben sie eine Lieblingsanekdote aus ihrer langen gemeinsamen Zeit, die ihn besonders charakterisiert.

Gute Frage. Eine richtige Anekdote wüsste ich nicht. Ich kann aber auf jeden Fall sagen, dass der Jugendtrainer Christian Streich sich als Profitrainer nicht ein Prozent verändert hat. Wenn es mal nicht so lief, wurde er schon immer laut und emotional. Aber genauso lobt er die Jungs, wenn es gut läuft. Dass er sich immer treu geblieben ist, charakterisiert ihn meiner Meinung nach am besten.

Günter schlug Anfragen anderer Klubs für den SCF aus

Sie haben Ihren Vertrag beim SC Freiburg im Mai verlängert. Ihr Klub hat wie so oft allerdings keine Laufzeit bekanntgegeben. Verraten Sie diese?

Nein, das verrate ich auch nicht. Aber ich kann auf jeden Fall sagen, dass ich auch in der kommenden Saison noch Vertrag habe.

Sie sind im besten Fußballer-Alter, Nationalspieler und Kapitän bei einem etablierten Bundesliga-Klub. Hat Sie der Schritt zu einem Top-Klub nicht gereizt? Anfragen gab es doch sicher.

Ich hatte schon die ein oder andere Möglichkeit, mich zu verändern. In solchen Situationen finden immer Abwägungen statt, die Pros und Contras. Bis jetzt war es aber immer so, dass ich mich hier stetig weiterentwickeln konnte und das Gefühl hatte, dass der Verein sich mit mir weiterentwickelt Ich habe hier ein gewisses Standing. Klar gab es Überlegungen, einen neuen Weg zu wählen. Aber bis jetzt wurde das nie konkret.

Schließen Sie aus, dass sie den SC Freiburg nochmal verlassen?

Nein, das schließe ich nicht aus. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich einen neuen Anreiz brauche oder etwas finde, von dem ich überzeugt bin, dass es mich einen weiteren Schritt nach vorne bringt, könnte das durchaus noch mal der Fall sein. Aber Stand jetzt fühle ich mich hier wohl und man sieht an der Entwicklung der letzten Jahre, dass auch hier noch einiges möglich ist.

Beim SC Freiburg werden "Loyalität und Ehrlichkeit" großgeschrieben

Würde Sie denn eher das Ausland reizen oder ein Top-Klub aus der Bundesliga?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Die mache ich mir dann, wenn ich das Gefühl habe, dass ich einen Tapetenwechsel brauche. Dann muss man sich überlegen, welchen Schritt man macht, welcher Schritt Sinn ergibt und bei welchem Schritt man das beste Gefühl hat. Auch da schließe ich nichts aus.

Bei der Frage nach ihrer Vertragslänge merkt man, wie gut es funktioniert, dass Interna beim SC Freiburg auch intern bleiben. Wieso klappt das bei Ihrem Klub besser als beim Großteil der Konkurrenz?

Loyalität und Ehrlichkeit. Das sind Worte, die hier besonders großgeschrieben werden. Das ist auch das größte Gut, was wir hier noch haben und schützen. Wenn sich das mal ändert – und das fängt mit Kleinigkeiten an – ist das der Weg in den Abgrund. Es werden auch Spieler anhand dieser Qualitäten verpflichtet und nicht nur wegen ihres Könnens auf dem Platz. Bei unserem Scouting wird viel Wert auf das Verhalten außerhalb des Platzes gelegt. Und da wurden in den letzten Jahren viele richtige Entscheidungen getroffen.

Ein Faktor für den aktuellen Erfolg?

Ein großer sogar. Da fängt es ja an. Wenn irgendwelche Dinge, die der Trainer in der Kabine sagt, zehn Minuten später in der Zeitung stehen, ist man auf dem falschen Dampfer. Ich glaube, das hat einige Mannschaften, die in den letzten Jahren abgestiegen sind, auch ein Stück weit zu Fall gebracht. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass es bei uns so bleibt, wie es ist. Die Spieler hier denken nicht zuerst an sich selbst sondern an de Gruppe

Anfang Oktober ist der SC Freiburg vom alteingesessenen Dreisamstadion in das neu erbaute Europa-Park Stadion umgezogen. Der von einigen Fans befürchtete sportliche Absturz blieb aus. Ihr Kollege Nicolas Höfler sagte sogar, er sei „verliebt“ in die Arena. Wie ist ihr Beziehungsstatus mit der neuen Spielstätte?

Ich bin komplett überzeugt von der neuen Arena. In den letzten Spielen hat man schon gemerkt, dass die Stimmung total aufkommt. Es passen mehr Leute rein, das macht es nochmal einen Tick lauter. Es ist alles neu, hat eine super Infrastruktur und wir haben tolle Voraussetzungen. Es ist wirklich sehr gelungen. Ich kann und will aber nicht sagen, dass es besser oder schlechter als das alte Stadion ist. Das Dreisamstadion hatte genauso seinen Charme. Dort wurden große Schlachten geschlagen, große Ergebnisse erzielt. Deshalb würde ich das eine nicht über das andere stellen. Aber das neue Stadion wird dem alten in Zukunft in nichts nachstehen.