01. April 2020 / 16:15 Uhr

Christian Specht aus Rinteln und WWE-Superstar WALTER verbindet mehr als eine Fahrgemeinschaft

Christian Specht aus Rinteln und WWE-Superstar WALTER verbindet mehr als eine Fahrgemeinschaft

Daniel Kultau
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
StahlWalter
Seit dem 5. April 2019 hält WALTER (links) den WWE NXT United Kingdowm Championship. Aber auch Christian Specht hat sein Glück gefunden. Er leitet mit seinem Kollegen Nick Waschkowski in Bückeburg die Therapiepraxis „Specht & Waschkowski“. © WWE / pr.
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Die Frage "Was wäre wenn...?" ist müßig. Schließlich kann Geschehenes nicht mehr geändert werden. Die Verbindung zwischen des ehemaligen Rintelner Wrestlers Christian Specht und WWE-Superstar WALTER zeigt jedoch auf, was für Specht möglich gewesen wäre. 

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Samstagmorgen an der Raststätte Rehren. Ein kleiner Wagen fährt von der A2 und sammelt den Rintelner Christian Specht ein, der schon wartet. Hinter dem Lenkrad sitzt Walter Hahn aus Bad Nenndorf. Das Ziel ist, wie so oft, Oberhausen im Ruhrgebiet. Die Wege der beiden kreuzten sich seit 2011 immer wieder und gingen 2014 doch auseinander. Heute besteht der Kontakt weiterhin.

Was Specht und Hahn verbindet, ist die Liebe zum Wrestling und der Ehrgeiz. In der deutschen Wrestlinglandschaft spielen beide zur damaligen Zeit eine wichtige Rolle. Der Rintelner tritt im Ring als „Freddy Stahl“ an und erlebt einen schnellen Aufstieg. Er gilt nach seinen ersten Kämpfen im Jahr 2010 rasch als das wohl vielversprechendste Talent des Landes. Der gebürtige Wiener Hahn catcht sich als WALTER schon seit vielen Jahren durch die Ringe. Die Liebe zog ihn nach Schaumburg.

Champion seit fast einem Jahr

Seine Großbuchstaben trägt der damalige Bad Nenndorfer nicht ohne Grund. Nach Jahren von durchweg guten Leistungen in Europa und den USA, hat er inzwischen den Sprung in die WWE, die größte Wrestling-Liga der Welt geschafft. Dort trägt er seit dem 5. April 2019 den WWE NXT United Kingdom Championship. Eine Anerkennung seiner Fähigkeiten. Teilt er seine gefürchteten Handkantenschläge aus, hören und spüren auch die Zuschauer in den obersten Reihen der großen Hallen den Schmerz.

Der Griff nach den Sternen

Auch für Specht wäre dieser Weg möglich gewesen. „Ich gehe davon aus, dass ich nach den Sternen gegriffen hätte“, ist sich der 28-Jährige sicher. Doch es kam anders. Spechts Wrestlingkarriere endet am 14. März 2014. Beim 16-Carat-Gold-Tournament der Liga wXw, Europas größten und bedeutendsten Wrestlingturnier, tritt er am ersten Tag im Hauptkampf gegen den heutigen WWE-Star Kassius Ohno an. „Es war eines der Top-Matches des Abends“, erinnert sich Specht. „In der letzten Aktion habe ich mir dann aber zum zweiten Mal das Kreuzband gerissen.“ Vorbei war der Traum. Sein Arzt sagte ihm, dass er sein Kreuzband kein drittes Mal flicken könnte. „Natürlich war ich am Boden. Aber hätte ich weitergemacht und es mir noch mal gerissen, wäre auch mein beruflicher Weg schwer weiter möglich gewesen.

Den Ehrgeiz, den Specht für seine Leidenschaft entwickelt hatte, steckte er im Anschluss in seinen Beruf und betreibt nun mit seinem Kollegen Nick Waschkowski die Therapiepraxis „Specht & Waschkowski“ in Bückeburg. Der unter anderem examinierte Physiotherapeut kümmert sich inzwischen also selbst um Kreuzbänder und Co. seiner Patienten. „Ich denke, die Entscheidung war die richtige für ihn, denn er scheint sehr erfolgreich zu sein“, freut sich WALTER.

Den Respekt erst verdienen

Zum ersten Mal trafen sich Hahn und Specht Ende Februar 2011 in Hamburg. „WALTER war für mich damals schon ein großer Name“, erinnert sich Specht, dem vor allem WALTERS Kampf gegen die japanische Legende Kenta Kobashi im Kopf blieb. Die Rollen in Hamburg waren klar verteilt. Der Rookie aus Rinteln traf auf den Veteran aus Bad Nenndorf. „Wenn man neu ist, muss man sich den Respekt verdienen“, beschreibt der Weserstädter die Ausgangslage. Dass gegen Grünschnäbel etwas fester und häufiger zugeschlagen wird, war für ihn somit kein Problem. So stellte sich Specht den donnernden Handkantenschlägen („Ich erinnere mich, wie meine Brust danach aussah“), bot seinem Gegner Paroli und beeindruckte den Ringgeneral, wie der Österreicher sich nennt.

Lob von WALTER

Zwar verlor der Rintelner, doch das Feedback nach dem Kampf war positiv. „Ich glaube, er war ganz angetan.“ Das bestätigt auch WALTER: „Er war wirklich sehr talentiert und sehr engagiert.“ Der Ehrgeiz des 28-Jährigen war damals ungebrochen. Über das Wochenende trainierte er in einer Wrestlingschule in Hamburg, unter der Woche brachte er Arbeit und das Fitnessstudio unter einen Hut. Er gründete mit Freunden sogar zusätzlich eine Wrestlingsparte und übte in der Sporthalle auf Matten. („Man lebt dafür, oder macht es gar nicht.“)

Zwei Wochen nach dem ersten Aufeinandertreffen rief Hahn bei Specht an und fragte ihn, ob er nicht Lust hätte bei der wXw, der größten deutschen Liga anzutreten. Es war nicht nur der Startschuss für die Fahrgemeinschaft, sondern auch für eine Match-Serie, die Specht auf seine Tauglichkeit prüfen sollte. Er überzeugte und war festes Mitglied des wXw-Kaders. Die Wochenenden verbrachten die beiden Schaumburger im Anschluss immer wieder gemeinsam. („Wir haben häufig mit mehreren Leuten bei ihm gechillt, Wrestling geschaut und hatten eine coole Zeit.“)

Der erste Kreuzbandriss

Doch auf dem Weg an die Spitze riss das Kreuzband das erste Mal. Im Juli 2012 bei einer Show in Mannheim. „Vor Ort hatten sie im Krankenhaus noch nichts gefunden. Also hab ich mich mit dem dicken Knie ins Auto gesetzt und bin nachts von Mannheim zurückgefahren. Walter saß neben mir und hat geschlafen“, erinnert sich der Physiotherapeut.

Nach seiner Operation in Schaumburg, wo die Ärzte die Verletzung dann diagnostizierten, war das Feuer jedoch nicht erloschen. Im Gegenteil. Als ihn seine Mutter aus dem Krankenhaus abholte, forderte er sie auf, ihn direkt ins Fitnessstudio zu bringen. „Ich bin da reingehumpelt und habe sofort wieder alles gegeben. Ich hatte diesen Ehrgeiz und wollte in den Main Event.“ Das harte Training zahlte sich aus, denn er kam stärker zurück und kämpfte sich über namhafte Gegner wie Drew Gulak, Aleister Black, Tomasso Ciampa und Co. in genau diesen Main Event am 14. März 2014 in Oberhausen.

Try-Out verpasst

Bitter: Nur eine Woche nach dem zweiten Kreuzbandriss hätte für Specht wohl ein Try-Out bei der WWE in London angestanden. „Das war eigentlich das, was ich immer wollte. Aber ich sehe das jetzt ganz gelassen“, blickt Specht zurück. „Ich bin mir sicher, dass es so sein sollte. Durch das Wrestling habe ich meinen Ehrgeiz und dafür bin ich dem Sport ewig dankbar. Ich freue mich viel mehr für die Leute, dass sie nun dort stehen, wo sie sind.“

WALTER steigt weiter auf

Allen voran WALTER, der 2019 beim renommierten „Pro Wrestling Illustrated“-Magazin inzwischen auf Platz 14 der erfolgreichsten Wrestler der Welt angekommen ist und im November des vergangenen Jahres vor fast 15.000 Zuschauern bei der Survivor Series in Illinois antrat. „Ich stand vor 15.000 und vor 20 Zuschauern im Ring. Am Ende bringe ich jedes mal die mir bestmögliche Leistung.“

Corona stoppt Wrestlemania 36

Eigentlich hätte WALTER die auch am nächsten Wochenende abliefern wollen. Doch das Coronavirus zwang die WWE dazu das Wrestlemania-Wochenende, das größte Wrestling-Wochenende des Jahres, umzuplanen. Vor mehr als 20.000 Zuschauern hätte der Ringgeneral in Tampa (Florida) seinen Titel verteidigt. Ein klares Ziel für die Zukunft hat der ehemalige Nenndorfer, der nun im Ruhrgebiet lebt nicht („Der Fokus lag immer drauf mein bestes zu geben“). Zwei Wunschgegner hat er dennoch: „Spontan denke ich da an Cesaro und Daniel Bryan.“ Zwei Wrestler, mit denen auch Specht tolle Matches gehabt hätte.