21. November 2020 / 12:57 Uhr

Ciro Miotti: "Früher wäre ich ausgerastet"

Ciro Miotti: "Früher wäre ich ausgerastet"

Uwe Kläfker
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
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Ganz in Ruhe: Ciro Miotti betreibt in Stadthagen das Café Amalfi. © Uwe Kläfker
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Fußballer und Gastronom Ciro Miotti spricht im Sportbuzzer-Interview über Corona, seine beruflichen Pläne und den Fußball. Einen Schaumburger Verein hält der ehemalige Keeper des FC Stadthagen für oberligatauglich.

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Ciro Miotti ist einer der bekanntesten Schaumburger Fußballer und mit mehr als 2300 „Freunden“ auf Facebook auch gut vernetzt. Ende der neunziger Jahre stand der Torhüter bei TB Berlin vor dem Sprung in den Profibereich, ehe Verletzungen den Traum beendeten. Fußball spielt der 38-Jährige immer noch, seit einigen Monaten beim Kreisligisten TuS Niedernwöhren. Beruflich ist Miotti in Stadthagen am Markt verankert, betreibt das Eiscafé Amalfi.

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Durch die tatkräftige Unterstützung der Familie um Ehefrau Jenny schafft der temperamentvolle Fan des SSC Neapel, die Mama kommt aus Kalabrien, der Herr Papa ist waschechter Neapolitaner, den Spagat zwischen beruflicher Vernunft und sportlicher Leidenschaft. Das Café ist auch ein Anlaufpunkt für viele Fußballer, vor allem sonntags vor den Spielen. Der Vater dreier Töchter hat sich mit swm Sportbuzzer Schaumburg über die Pandemie, die Stadt und natürlich den Fußball unterhalten.

Herr Miotti, wie ist die Stimmung?

Ich mache mir viele Gedanken, in erster Linie beruflicher Natur. Als Gastronom bin ich von Corona hart getroffen, versuche aber, das Beste daraus zu machen. Durch Außer-Haus-Verkauf bleibe ich mit den Kunden in Kontakt, und es kommt ein bisschen was rein. Aber ich muss auch sagen, dass ich als Selbstständiger Glück habe, in Deutschland zu leben. Durch staatliche Unterstützung kommen wir mit einem blauen Auge davon, das hilft unheimlich.

Sie leben in einer Großfamilie, da bleiben doch auch gesundheitliche Sorgen nicht aus?

Mein Vater gehört wegen eines Herzinfarkts und eines gewissen Alters definitiv zur Risikogruppe. Deshalb achten wir sehr darauf, kein unnötiges Risiko einzugehen. Ich nehme ihn auch nicht in den Arm, weil ich schon Angst habe, dass er angesteckt werden könnte.

Ihre Familie stammt aus dem von Corona stark gebeutelten Italien. Wird man da noch mehr sensibilisiert?

Ich sehe, was in Italien abgeht. Überfüllte Krankenhäuser, sie kommen gar nicht hinterher. Wenn Leute sagen, dass Corona harmlos ist, kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

Ein Café-Betreiber ist ja fast wie ein gut informierter Friseur. Was erzählen die Leute so?

Sie verstehen alle nicht, dass die Gastronomie absperren muss. Wir haben ja auch sehr darauf geachtet, dass die Vorgaben eingehalten wurden. Alle sprechen mich darauf an, dass es eigentlich ein Unding ist.

Stadthagen ist aber eine schöne Kleinstadt, die Potenzial hat. Oder legen Sie Widerspruch ein?

Nein, das ist so. Aber es hakt überall. Mehrere Läden sind leer, sogar auf dem Marktplatz. Ich weiß nicht, ob immer nur die Eigentümer schuld sind, weil vielleicht die Mieten zu hoch sind. Ich denke, das Internet macht viel kaputt. Es ist ja in Rinteln oder Bückeburg ähnlich, überall gibt es Leerstände.

Wäre nicht Corona, hätte ich mir Gedanken über die Bäckerei Steinecke gemacht

Optisch ist es top, aber es wird viel Negatives geredet.

Ja, welche vergleichbare Stadt hat so einen schönen Marktplatz? Zurzeit ist es aber auch wegen Corona schwierig, neue Sachen nach Stadthagen zu bringen. So ein Laden wie die Bäckerei Steinecke wäre sonst schon längst vermietet.

Wäre das nicht was für Sie?

Klar, ich bin auch offen für neue Sachen, will mich verbessern, vergrößern. Ich habe es mir schon angesehen. Wäre nicht Corona, hätte ich mir Gedanken gemacht. Momentan ist das eher schwierig.

Soll man nicht in schlechten Zeiten investieren?

Puuh . . . (überlegt). Jetzt ins Risiko zu gehen, ist der falsche Zeitpunkt. Aus einem Laden wie Steinecke könnte man viel machen. Die Lage ist top. Alle Gastronomen machen sich Gedanken, ob sie Risiko gehen. Aber derzeit lieber nicht.

Um mal das Thema zu wechseln: Im Fußball läuft ja auch nichts mehr. Wie halten Sie sich derzeit fit?

Ja, das ist schade. Beim letzten Spiel in Lüdersfeld war ich gut drauf, hatte das Gefühl, nach zuletzt wenig Spielpraxis wieder in den Rhythmus zu kommen. Aber jetzt? Ich gehe viel mit dem Hund spazieren.

Haben Sie aus Sicht des Fußballers verstanden, dass nicht mehr gespielt werden darf?

Ja, man muss vorsichtig sein, und wir sind keine Profis, die sich mehrmals testen lassen können. Es war schon richtig – aber ich vermisse den Fußball.

Kontakte mit dem Gegner auf dem Spielfeld sind eine Sache, Rudelbildung an der Getränkebude eine andere.

Das sehe ich auch so. Es treffen sich beim Fußball ja nicht nur zwei Haushalte. Auch beim Biertrinken wird mitunter in Gruppen gestanden, und das finde ich dann unverantwortlich. Viele unterschätzen die Situation.

Sie kicken ja inzwischen seit fast einem Jahr beim TuS Niedernwöhren in der Kreisliga. Viele Spiele haben Sie noch nicht machen können. Sind Sie dennoch beim TuS angekommen?

Ich denke schon. Veit Ehlerding und ich wechseln uns ja mehr oder weniger ab. Das sind gute Jungs, ich komme mit allen gut klar.

Marcel Kasseck hat mir das übel genommen

Aber da gab es doch vor Jahren mal ein Interview in der Stadionzeitung des FC Stadthagen.

Oh ja. Da hatte ich echt kurz Bedenken (lacht). Ich hatte damals auf eine Frage geantwortet, dass ich niemals zum TuS Niedernwöhren wechseln würde. Das hatten einige Spieler noch im Hinterkopf.

Tatsächlich?

Ja, ein gestandener Spieler wie Marcel Kasseck hatte mir das richtig übel genommen. Aber mittlerweile kommen wir gut klar. Wir haben beide eine ähnliche Fußballermentalität und müssten in unserem Alter nicht mehr spielen, wenn wir nicht einen gewissen Ehrgeiz hätten.

Apropos Ehrgeiz: Sportlich läuft es noch nicht rund, dem TuS droht die Abstiegsrunde.

Die Mannschaft ist ganz jung, braucht Zeit. Im letzten Spiel hat Nico Rüffer wieder mitgespielt. Der ist wichtig für das Zentrum, das hat man sofort gemerkt. Ich weiß nicht, ob wir ohne ihn gegen Lüdersfeld gewonnen hätten.

Früher wären Sie – wie nach einem 1:4 im Derby bei der FSG Pollhagen-Nordsehl-Lauenhagen – laut geworden. Ist der Fußballer Miotti im Alter ruhiger geworden?

Da hatte ich in den Schlussminuten viel zu tun, so wie im Training. Wir hätten zur Pause führen können, aber Dennis Treichel hat gut gehalten. Am Ende lassen die Jungs die Köpfe hängen, das passt mir eigentlich nicht. Früher wäre ich ausgerastet, jetzt bin ich viel entspannter. Was soll ich einen 19-Jährigen, der sein Bestes versucht, anschreien? Das bringt uns nicht weiter.

Sie waren langjähriger Stammkeeper beim FC Stadthagen, später als Sportlicher Leiter sogar Funktionär, vielleicht auch Sponsor. Jetzt sind Sie beim TuS – eigentlich unvorstellbar.

Ja, so was passiert. Ich kam mit der Führungsperson nicht mehr so wirklich klar.

Sie meinen Trainer Thorsten Rinne?

Ja, ich habe dann einen Strich gezogen. Mein Amt beim FC hat viel Kraft gekostet, zumal ich ja auch noch spielen musste. Thorsten und ich haben eigentlich die gleiche Philosophie, was Engagement im Fußball angeht. Aber wenn man zu viel aufeinander hockt und jemanden zu nah an sich ran lässt, ist man eher anfällig für Sachen, die man nicht macht, wenn man einen gewissen Abstand zueinander hat. Es hatte aber nicht nur mit Thorsten zu tun, die komplette Situation beim FC hat mir nicht mehr gepasst.

Es sind ja auch Fehler passiert. So wurden Punkte am Grünen Tisch verloren. Hat man Ihnen das nicht verziehen?

So etwas kommt vor, auch im Profibereich. Ich habe nicht aufgepasst, der Trainer hat auch nicht aufgepasst, das war eine Koproduktion. Hätten wir es nicht übersehen, hätte Nisret (Sardas, Anm. d. Red.) nicht gespielt, sondern ich. Wo gearbeitet wird, passieren auch Fehler.

Sie haben über viele Jahre Einblick gewonnen. Ist das Geschäftsmodell des FC, Spieler von außerhalb zu holen und die eigene Jugend versanden zu lassen, noch zeitgemäß?

Auf Sicht wird aus der eigenen Jugend nichts mehr kommen. Deshalb muss man Spieler holen. Es steht dem FC gut zu Gesicht, dass der Nachbar SC seine Erste aufgelöst hat. Sonst wäre es in diesem Jahr ziemlich eng geworden.

Machen Sie sich Sorgen, dass es den FC irgendwann nicht mehr geben wird?

Der FC Stadthagen kriegt das immer irgendwie hin. Jedes Jahr denkt man: Es ist vorbei. Aber jedes Jahr bekommt der FC wieder eine schlagkräftige Mannschaft zusammen.

Der Fußball in der Kreisstadt ist aber hinter Bückeburg weit zurückgefallen.

Das ist nicht mehr vergleichbar. Früher war der FC vorm VfL

Früher?

Es ist ein paar Jahre her, ziemlich viele Jahre sogar (lacht). Da hat man einfach geschlafen, mit Bückeburg braucht man sich nicht mehr zu messen.

Wären Fusionen eine Lösung?

Quantitativ vielleicht. Aber außer in Enzen sehe ich in Stadthagen kaum Spieler, die Bezirksliga spielen könnten. Auch die Vereinsstrukturen sind unterschiedlich. In Niedernwöhren geht es zum Beispiel viel familiärer zu als beim FC. Es gibt sogar eine Kiste Bier nach dem Training.

Ist eine Rückkehr zum FC noch mal vorstellbar?

Der FC ist ja mein Verein, sonst hätte ich nicht so viele Jahre da gespielt. Wenn sich in der Führungsetage etwas ändern würde, natürlich.

Als Funktionär?

Erst muss Corona überstanden werden. Ich muss an mein Geschäft denken. Aber wenn es wieder läuft, warum nicht?

War es fußballerisch mal besonders schön?

Das war die Saison 1999/2000. Da bin ich mit den A-Junioren von Tennis Borussia Berlin unter Trainer Mirko Slomka Nord-Ost-Meister geworden und bis ins Halbfinale der Deutschen Meisterschaft vorgedrungen. Im Lokalen war es unter Steffen Mitschker, der als Trainer zum FC kam. Erst den Abstieg verhindert, dann aufgestiegen. Die ersten Jahre unter Steffen waren für mich die beste Zeit beim FC.

Was war damals anders?

Der FC steckte auch in Schwierigkeiten, aber es sind junge Leute zu uns gekommen, so wie Ibrahim Khodr, Vito Caliandro oder auch Giuliano Maione. Mitschker hat darauf geachtet, dass die Spieler zur Mannschaft passen. Im Aufstiegsjahr waren wir qualitativ vielleicht noch gar nicht so gut wie in späteren Jahren. Aber wir waren eine Mannschaft, haben gekämpft, uns den Arsch aufgerissen. Da war Teamspirit drin, das war halt das Schöne. Aber es waren, bis auf Timo Kuhnert, keine Eigengewächse. Wenn es dann mal nicht läuft, sind sie weg.

Der TuS fährt ein anderes Modell, hat nach vielen Jahren im Bezirk auch die Kreisliga in Kauf genommen.

Gut, aber auch Vereine wie der SC Auetal oder der SV Obernkirchen wechseln ständig ihre Spieler. Beim Dorfverein Niedernwöhren, das ist nicht negativ gemeint, läuft das noch anders. Die Spieler wachsen zusammen auf, gehen zusammen feiern. Die spielen dann auch zehn, 15 Jahre für den Verein. Wenn man aber Landes- oder Oberliga spielen will, muss man Spieler von außerhalb holen. Da führt kein Weg dran vorbei.

Wir halten fest: Dorfvereine sind anders. Sind sie auch besser?

Beim FC hast du einen anderen Druck als in Niedernwöhren. Die Erwartungen sind ganz anders. Wenn man super Spieler holt, muss man gewinnen. In Niedernwöhren wollen wir auch gewinnen, aber es wird einem nicht übel genommen, wenn ein Spiel verloren geht.

Schwelgt man da beim FC nicht zu sehr in der, zugegeben, großen Vergangenheit?

Ja klar. Heiner Klein, Spieler aus der besseren Zeit, kommt oft zu mir ins Café. Das war noch eine Mannschaft. Die alten Männer beim FC haben das im Hinterkopf und glauben wohl immer noch daran, dass sie da wieder hinkommen können. Aber das ist nicht realistisch.

Beim VfR Evesen dagegen schon. Ist das eine der spielstärksten Schaumburger Mannschaften der vergangenen Jahre?

Ja, seit diesem Jahr kann man das so sehen. Der VfR ist auf einem sehr guten Weg. Mit Alexander Rogowski und Bennett Heine haben sie sich punktuell weiter verstärkt. Sie machen das unter Heiko Thürnau und Vito Caliandro gut, holen Spieler, die zur Mannschaft passen.

Ist das schon Oberliga-Niveau?

Also, BW Tündern schafft das auch, ist seit Jahren als Team zusammen und von der Bezirksliga in die Oberliga aufgestiegen. Spielerisch könnte der VfR mithalten.

Sie haben in ihrer langen Karriere mit vielen interessanten Kickern zusammengespielt. Einer davon ist Ex-Profi Björn Lindemann, heute Trainer in Münchehagen.

Ja, wir haben früher sehr viel Zeit miteinander verbracht, ab der C-Jugend auch bei 96 zusammen gespielt. Ich habe in Münchehagen geschlafen, wir hatten eine Fahrgemeinschaft und es besteht auch nach den vielen Jahren noch reger Kontakt, was mich sehr freut. Wir waren richtige Kumpels. Björn wollte mich auch zum VfL holen, aber als Torwart-Trainer und Funktionär. Aber ich fühle mich noch nicht zu alt, um Fußball zu spielen.

Dennoch ist das Leben als aktiver Fußballer endlich. Wie lange soll es noch gehen?

Ich will mit unserem Trainer Carlo Calvo, den ich seit seiner Geburt kenne, noch eine schlagkräftige Mannschaft aufbauen. Danach ziehe ich mich zurück.

Im Internet wurde dieser Tage der beste italienische Fußballer aller Zeiten gesucht.

Für mich ist das, wenn man Gianluigi Buffon rausnimmt, Roberto Baggio.

War der Keeper Buffon ein Vorbild für Sie?

Ja klar, immer.

Obwohl er nicht in Neapel gespielt hat?

Ein Idol – obwohl er beim Erzrivalen Juventus Turin gespielt hat.

Sie haben auch mal beim Erzrivalen gespielt.

In Bückeburg? Ja, aber nicht lange (lacht). Da war ich heiß, habe auch die Vorbereitung mitgemacht und hätte auch früher oder später gespielt. Als dann die ersten Spiele waren, konnte ich beruflich nicht. Das hat dem Trainer nicht gepasst.

Nach dem Wechsel nach Bückeburg wurden sie von alteingesessenen FC-Fans bestreikt.

Ja, die haben mein Geschäft gemieden.

Das ist jetzt kein Thema mehr?

Nein, kein Thema. Ist ja nicht Bückeburg, sondern nur Niedernwöhren, der Dorfverein. Der große FC sieht das ja nicht als Konkurrenz. Es wäre schlimmer gewesen, wenn ich nach Enzen gewechselt wäre (lacht).

Ihr Café ist auch eine Art fußballerischer Anlaufpunkt?

Ja, viele Mannschaften kommen sonntags vor den Spielen zu mir. Riehe war schon hier, Evesen kommt oft. Was ich einigen FC-Spielern hoch anrechne ist, dass sie vor den Spielen regelmäßig kommen, obwohl ich da aufgehört habe. Manchmal sind vier Mannschaften gleichzeitig hier - und alle verstehen sich untereinander.

Sie wollten Profi werden, es hat aber letztlich nicht geklappt. Woran hat es gelegen?

Ich wollte es schaffen, hätte sonst den Schritt nach Berlin nicht gemacht. Aber ich hätte auf meinen Vater hören sollen. Hannover 96 hat mir damals einen Fünfjahresvertrag inklusive zweijährigem Übergang in den Herrenbereich angeboten. Dann wäre ich drin gewesen. Der Reiz von Berlin war aber zu groß, Mirko Slomka mein Trainer. 96 und TB sind zeitgleich in die 2. Liga aufgestiegen. Aber dann kamen die Verletzungen dazu, vor allem das rechte Knie merke ich immer. Ich hatte in beiden einen Kreuzbandriss.

Haben Sie schon mal gehadert, dass es nicht geklappt hat?

Jetzt bin ich mit dem, was ich erreicht habe, zufrieden. Wo ich bin, was ich bin, die Gastronomie. Wer will nicht Profi werden? Schade, aber ich hadere nicht.