10. April 2021 / 07:50 Uhr

Clemens Fritz vor Leipzigs Spiel gegen Bremen: „RB für Stadt und Region eine tolle Geschichte“

Clemens Fritz vor Leipzigs Spiel gegen Bremen: „RB für Stadt und Region eine tolle Geschichte“

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Clemens Fritz ist eine Legende bei Werder Bremen. Der gebürtige Thüringer war aber auch mal beim VfB Leipzig aktiv.
Clemens Fritz ist eine Legende bei Werder Bremen. Der gebürtige Thüringer war aber auch mal beim VfB Leipzig aktiv. © dpa/SPORTBUZZER-Montage
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Werder-Ikone Clemens Fritz will am Samstag gegen RB Leipzig mutige und selbstbewusste Bremer Fußballer sehen. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der gebürtige Thüringer über ein besonderes Bremer Wir-Gefühl, die Karriere nach der Karriere und über den VfB Leipzig.

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Leipzig/Bremen. Nach über 300 Bundesligaspielen und zig internationalen Einsätzen zog er 2017 das Trikot von Werder Bremen aus, wurde zum Ehrenspielführer gekürt und blieb seinem Herzens-Club treu. Der gebürtige Erfurter und Ex-Spieler des VfB Leipzig Clemens Fritz, 40, Leiter Scouting und Profifußball beim SV Werder, spricht im SPORTBUZZER-Interview über den Bremer Halbfinaleinzug im DFB-Pokal, das Ligaspiel gegen Pokal-Gegner RB Leipzig und Duelle gegen Superstars wie Ronaldinho und Franck Ribéry. Seine Zeit beim VfB Leipzig (1997 bis 1999) endete unter Dragoslav Stepanovic, weil der serbische VfB-Coach auf erfahrene Spieler setzte.

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SPORTBUZZER: Glückwunsch zum Halbfinal-Einzug. Kamen mittendrin Zweifel auf?

Clemens Fritz: Es war eigentlich ein souveräner Auftritt, es hat nur das zweite Tor gefehlt. Am Ende kam Hektik auf, da sind wir ein bisschen ins Schwimmen geraten.

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Ein After-Work-Begängnis war eingedenk des Terminplans nicht drin.

Nein. Die Jungs waren glücklich und kaputt, wir sind direkt zum Flieger und ab nach Bremen.

Im Halbfinale geht es gegen RB Leipzig.

Schwerer geht es nicht. Eine Top-Mannschaft mit großer Physis, Leidenschaft, individueller Klasse und einer Philosophie. Aber wenn man ein Halbfinale erreicht, dann versucht man auch alles, um das Finale in Berlin zu erreichen.

Kann der Sieg in Regensburg fürs Punktspiel gegen RB beflügeln?

Siege helfen immer. Gegen Leipzig braucht man Mut und Selbstbewusstsein. Wenn man sich nur hinten rein stellt, reicht das nicht, dann schlägt es irgendwann ein. Wir wollen und müssen auch nach vorne spielen.

Sie sind Thüringer, haben beim VfB Leipzig gespielt. Wie nehmen Sie RB wahr?

Bei aller Kritik, die RB von Fan-Seite entgegengebracht wird, ist RB für die Stadt und die Region eine tolle Geschichte von bleibendem Wert. Es gab im Leipziger Fußball schon früher Investoren, die waren aber nicht auf Nachhaltigkeit aus. Das ist jetzt anders.

Von Erfurt aus ging es für Sie in die große, weite Welt. Sie wurden Bundesligastar und Nationalspieler, haben Ihre Laufbahn mehrfach verlängert, mit knapp 37 Jahren noch gegen die Kugel getreten. War das die richtige Entscheidung?

Ich war mir immer bewusst, dass es ein Privileg ist, Fußballprofi zu sein. Ich wollte so lange spielen, wie es meine Verfassung zulässt und ich dem Verein helfen konnte. Nach meiner Karriere ist es mir noch bewusster geworden, was es für ein Geschenk ist, diesen Beruf ausüben zu dürfen. Ich habe Hochachtung vor den Jungs auf dem Platz, die stehen unter Druck, müssen liefern. Aber als Fußballer hat man auch mal frei, gerade in einer Sommerpause kann man über mehrere Wochen den Akku wieder richtig aufladen, was aber auch nach einer Saison total wichtig ist. Das geht in meinem jetzigen Job als Leiter Scouting und Profifußball nicht mehr so ohne weiteres. Der Zeitaufwand und Stress ist ein anderer, man hat viele Themen auf dem Tisch. Aber klar ist auch: Das mit der Karriere nach der Karriere konnte nicht besser laufen. Ich habe wieder einen tollen Job in einem besonderen Verein.

Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz: Clemens Fritz im Zweikampf mit Polens Dariusz Dudka. Das Spiel in Klagenfurt gewinnt die DFB-Elf zwar mit 2:0, das Finale in Wien gegen Spanien rund drei Wochen später geht allerdings mit 0:1 verloren.
Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz: Clemens Fritz im Zweikampf mit Polens Dariusz Dudka. Das Spiel in Klagenfurt gewinnt die DFB-Elf zwar mit 2:0, das Finale in Wien gegen Spanien rund drei Wochen später geht allerdings mit 0:1 verloren. © Getty Images

Sie haben als Fußballer viele Schlachten geschlagen. Was war das emotionalste Spiel in Ihrer Karriere?

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2016 war unser letztes Saisonspiel gegen Eintracht Frankfurt und wir mussten gewinnen, um der Relegation zu entkommen. Ganz Bremen hat die Woche über vibriert, die Stadt hat sich wie ein Mann gegen den Abstieg gewehrt. Und dann haben wir 1:0 gewonnen und lagen uns in den Armen. Bremen ist Werder und Werder ist Bremen.

Half dieses Wir-Gefühl auch über die letztjährige Relegation gegen Heidenheim?

Es gibt bei uns im Verein, in der Stadt und der Region einen speziellen Zusammenhalt. Wir standen mit dem Rücken zur Wand, haben uns in die Relegation gerettet und dann die Klasse gehalten. Das Wort Erleichterung beschreibt nicht annähernd, was wir alle an diesem Tag empfunden haben.

Stimmt es, dass die Leipziger Fußball-Legende Torsten Kracht eine Art fußballerischer Ziehvater für Sie war?

Ja, als Marco Engelhardt und ich 2001 zum Karlsruher SC gewechselt sind, hat uns Torsten unter seine Fittiche genommen. Er hatte immer ein offenes Ohr und einen offenen Kühlschrank, hat mir auf dem Weg zum Profi sehr geholfen.

Wer war der beste Spieler, gegen den Sie gespielt haben?

Ronaldinho bei Barca war unglaublich. Er war ein Zauberer am Ball, dynamisch, konnte und hatte alles. Wenn ich nicht sein Gegenspieler gewesen wäre, hätte ich ihm applaudiert. Franck Ribéry war im Dribbling ähnlich unberechenbar unterwegs.

Clemens Fritz hat in seiner Laufbahn einige besondere Spiele absolviert, wie zum Beispiel das UEFA-Cup-Finale 2009 gegen Schachtar Donezk. Am Ende musste sich der SV Werder Bremen den Ukrainiern in Istanbul mit 1:2 nach Verlängerung geschlagen geben.
Clemens Fritz hat in seiner Laufbahn einige besondere Spiele absolviert, wie zum Beispiel das UEFA-Cup-Finale 2009 gegen Schachtar Donezk. Am Ende musste sich der SV Werder Bremen den Ukrainiern in Istanbul mit 1:2 nach Verlängerung geschlagen geben. © Getty Images

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Fußballer-Laufbahn?

Total glücklich. Ich bin im Osten geboren, habe als Kind davon geträumt, vielleicht mal in der DDR-Oberliga zu spielen. Und dann kam alles ganz anders, traumhaft anders. Ich bin mit mir und meiner Karriere im Reinen, bereue nichts und sehr dankbar für die vielen Jahre Profifußball.

Sie sind in all den Jahren ein umgänglicher Typ geblieben. Erziehungssache?

Absolut. Ich komme aus einem guten Elternhaus, habe gelernt, allen Menschen mit Respekt zu begegnen. Das bleibt auch so.