21. Januar 2021 / 14:13 Uhr

Club-Trainer Robert Klauß: "Für Nürnberg habe ich die Wohlfühloase Leipzig gerne aufgegeben"

Club-Trainer Robert Klauß: "Für Nürnberg habe ich die Wohlfühloase Leipzig gerne aufgegeben"

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Spricht im SPORTBUZZER-Interview über seine Trainer-Laufbahn: Nürnberg-Coach Robert Klauß.
Spricht im SPORTBUZZER-Interview über seine Trainer-Laufbahn: Nürnberg-Coach Robert Klauß. © Verwendung weltweit
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Nürnberg-Trainer Robert Klauß (36) aus Eberswalde spricht im Interview über seinen Wechsel von RB Leipzig, die Strahlkraft des 1. FCN, den Austausch mit Dieter Hecking und den kommenden Gegner Hannover 96.

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Das Wort Tradition gehört zum 1. FC Nürnberg, beim fränkischen Traditionsverein hat Robert Klauß (36) im Sommer als Cheftrainer-Neuling im Profibereich das Amt übernommen. Der Eberswalder spricht im SPORTBUZZER-Interview über Gespräche mit Dieter Hecking, Fußballschauen in der Loge und Kurzarbeit beim Club.

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Herr Klauß, was war Ihr erster Gedanke, als Sie vom Nürnberger Interesse erfahren haben?

Robert Klauß: Ich war erstmal stolz, dass ein Verein mit der Größe und Strahlkraft an einen jungen Trainer denkt, der bislang noch nicht Cheftrainer war, sondern Co- und Jugendtrainer. Ich war direkt Feuer und Flamme und hatte unheimlich Lust drauf. In den Gesprächen mit Dieter Hecking habe ich schnell gemerkt, dass das passt, dass wir die gleiche Idee haben, was wir mit dem Verein und der Mannschaft vorhaben.

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Welche Assoziation hatten Sie beim 1. FC Nürnberg?


Nürnberg ist ein fester Bestandteil auf der Fußball-Landkarte, in meinem Alter hat man die Bundesligazeiten und den Pokalsieg 2007 erlebt hat und ich habe vor zwei Jahren mit Leipzig als Co-Trainer ja auch noch gegen Nürnberg in der Bundesliga gespielt. Dieser Verein ist immer präsent, wenn man im Fußball arbeitet.

Warum war jetzt die Zeit gekommen, als Cheftrainer zu arbeiten?

Ich hatte immer gesagt, dass ich extrem gerne Co-Trainer bin, gerade in der Konstellation mit Leipzig unter Ralf Rangnick und Julian Nagelsmann. Ich durfte die Champions League erleben und in der Stadt arbeiten, in der ich lebe – das ist ein unfassbares Geschenk. Deshalb war auch klar: Wenn ich das aufgebe, dann nur für etwas, für das es sich lohnt. Dieses Gefühl hatte ich in Nürnberg direkt und hätte das auch nicht für jeden Verein getan. Für Nürnberg habe ich die Wohlfühloase Leipzig gerne aufgegeben.

Gab es Ausschlusskriterien wie beispielsweise die Liga des interessierten Vereins?

Nein, die gab es nicht. Es ging einfach darum, dass ich das Gefühl haben musste, dass es sich lohnt, da spielte die Liga keine Rolle.

Was sind die gravierendsten Unterschiede in der täglichen Arbeit Co- und Cheftrainer?

Auf der einen Seite natürlich die Medienarbeit, da fällt viel an. Aber auch viele weitere Termine. Und als Cheftrainer stehst du automatisch im Fokus. Alles, was du tust und machst, wird bewertet. Das ist als Co-Trainer nicht so, da kannst du im Hintergrund arbeiten. Das wird zwar innen registriert, aber außen nicht.

Waren Sie darauf vorbereitet?

Man sollte sich vor allem selbst reflektieren: Bin ich dafür der Typ, habe ich auch Spaß daran? Was habe ich für Werte, will ich die nach außen kommunizieren? Will ich auch Stellung zu Themen beziehen, auf die ich vielleicht gar keine Lust habe, Stellung zu beziehen? Es einfach nur zu machen, um es zu machen, macht keinen Sinn. Das heißt nicht, dass ich die Öffentlichkeit suche, ich kann sehr gut im Hintergrund arbeiten. Aber ich habe kein Problem, in der Öffentlichkeit meine Meinung zu sagen.

Wie zufrieden sind Sie mit den ersten Monaten in Nürnberg?

Ich fühle mich sehr wohl hier, was sowohl die Stadt als auch den Verein betrifft und bin relativ schnell heimisch geworden, auch wenn es aktuell durch Corona etwas schwierig ist und ich noch nicht alle Leute im Verein kennenlernen konnte. Die Arbeit mit der Mannschaft macht sehr viel Spaß. Sie ist sehr lernwillig und sie will sich entwickeln. Wir sind mit unserer Punktausbeute durchschnittlich zufrieden, es könnten mehr sein, aber es ist immer noch im Rahmen dessen, was wir uns vorgestellt hatten.

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Wie schwierig ist es, als neuer Trainer in Corona-Zeiten einen Teamgeist zu entwickeln?

Natürlich sind die klassischen Instrumente wie Teamabende nicht möglich. Ich glaube aber, dass das wichtigste für einen Teamzusammenhalt Erfolg ist, gemeinsam das Gefühl zu haben, man entwickelt sich weiter.

Sie haben gesagt, Sie sind schnell heimisch geworden, ist Ihre Familie mitgekommen?

Ich pendle zwischen Leipzig und Nürnberg, meine Familie ist weiterhin in Leipzig, weil die Distanz sehr überschaubar ist und bin deshalb relativ häufig noch in Leipzig. Heimisch geworden heißt vor allem, dass ich mich hier wohlfühle, Leipzig ist weiterhin mein Lebensmittelpunkt.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Dieter Hecking?

Wir haben ein sehr offenes Verhältnis, sprechen einfach über viele Dinge. Je mehr, öfter und offener man miteinander spricht, desto einfacher fällt es, auch mal Fragen zu stellen. Da bin ich natürlich eher der, der Fragen stellt und Ratschläge einholt, gerade dann, wenn es über das Trainer-Tagesgeschäft hinausgeht und da ist es natürlich von Vorteil, dass Dieter 20 Jahre Erfahrung als Cheftrainer im obersten Regal hat. Da muss ich auch nicht lange Dinge erklären, sondern er weiß einfach, um was es geht. Das ist ein großer Vorteil für mich.

Welche Unterschiede gibt es zwischen RB und Nürnberg?

Im tagtäglichen Arbeiten unterscheidet sich das zwischen 1. und 2. Liga nicht so sehr, da haben alle Vereine ein Mindestmaß an Professionalität. In Leipzig gibt es natürlich in allen Bereichen noch mehr Mitarbeiter. Und in der 2. Liga hat man einen geregelteren Ablauf. Ich war es gewohnt, zwei Jahre lang mit Leipzig extrem viele englische Wochen mit wenig Trainingszeit zu haben.

Wie sehr hat es geschmerzt, nicht mehr mit Leipzig beim Champions-League-Turnier dabei gewesen zu sein?

In der Vorbereitung war ich noch involviert, der Wechsel kam dann kurz davor. Ich war emotional natürlich extrem dabei, wenn man alle handelnden Personen kennt, am Fernsehbildschirm die Gesichtsausdrücke sieht und genau weiß, was derjenige denkt. Ich konnte es aber auch genießen, weil ich hier in Nürnberg sehr viel zu tun hatte und war nicht traurig. Wir stehen auch jetzt noch sehr viel im Kontakt.

Auch beim Spiel gegen den HSV mussten Sie in der Loge sitzen, weil Sie gesperrt waren, fühlt man sich da machtlos?

Klar, fühlt man sich hilfloser. Aber ich habe dann während des Spiels realisiert, dass man am Spielfeld nur das Gefühl hat, eingreifen zu können. Wenn das Spiel angepfiffen ist, ist der Großteil der Arbeit schon getan. Alles, was man unten am Spielfeldrand macht, dient ja ein bisschen dem Bekämpfen der eigenen Nervosität und dass man das Gefühl hat, man kann Einfluss nehmen – aber eigentlich ist der sehr begrenzt. Trotzdem ist es unten natürlich viel, viel schöner, weil man alles aktiv miterleben kann.

Haben Sie sich als Trainerteam Szenarien für Rückstand oder Führung zurechtgelegt?

Diese Szenarien gibt es immer, auch wenn ich unten bin. Bei diesem Spiel haben wir es nur etwas detaillierter gemacht, weil ich nicht unmittelbar eingreifen konnte.

Auch beim Club gibt es jetzt Kurzarbeit, Trainer und Profis wurden um Gehaltsverzicht gebeten. War es für Sie selbstverständlich, dass Sie zustimmen?

Für mich selbst gab es gar keinen Zweifel, weil es darum geht, Arbeitsplätze zu sichern. Wenn wir als Profi-Abteilung unseren Beitrag leisten können, gehört sich das auch so. Aber trotzdem ziehe ich den Hut vor jedem Spieler, denn es ist immer eine Entscheidung auf Geld zu verzichten. Uns Spielern und Trainern geht es gut in der Corona-Zeit, wir können arbeiten, wir bekommen unseren Lohn, deshalb sollten wir auch etwas zurückgeben.

Wird Ihnen in solch einer Situation der Erfolgsdruck bewusst, weil beispielsweise ein Abstieg auch Entlassungen zur Folge hätte?

Das würde implizieren, dass man Angst hat, etwas zu verlieren. Darüber sollte man nicht nachdenken – Angst hemmt und macht mutlos. Mir ist eher bewusst geworden, wie privilegiert wir als Fußballer sind. Das sollten wir uns schon immer wieder vor Augen halten.

Am Sonntag geht es gegen Hannover, wie sehen Sie die bisherige Saison von 96?

Sie spielen eine sehr wellenförmige Saison, Erfolg und Misserfolg wechseln sich immer wieder ab. Es ist eine Mannschaft, die vor der Saison ja auch klar gesagt hat, dass sie aufsteigen will, deshalb glaube ich, dass sie nicht so zufrieden sind mit der bisherigen Saison. Sie haben sehr viel individuelle Qualität. Gerade in der Offensive mit Marvin Ducksch, Hendrik Weydandt oder Genki Haraguchi haben sie für diese Liga Ausnahmespieler. Man muss es immer wieder schaffen, diese Spieler in den Griff zu bekommen, um gegen sie Erfolg zu haben. Hannover kann jede Mannschaft schlagen in der Liga, weil sie die individuelle Qualität besitzen.

Klingt nach Wundertüte.

Sie haben gegen den HSV gewonnen und gegen Würzburg verloren. Es liegt an uns, dass wir sie nicht in einen Lauf kommen lassen. Wenn sie in einem Spiel drin sind, können sie richtig gute Sachen machen.

Passt wellenförmig auch zur bisherigen Nürnberg-Saison?

Ja, wobei wir schon relativ konstant in den Leistungen sind, aber nicht in den Ergebnissen. Wir haben immer ordentliche Leistungen gezeigt. Mal reicht das für drei Punkte, mal nicht. Viele Spiele waren einfach sehr eng. Da müssen wir schauen, dass wir diese Spiele häufiger auf unsere Seite ziehen.

Ihr Ex-Verein Leipzig hat am Mittwoch 1:0 gegen Union Berlin gewonnen, das Überraschungsteam der Saison. Was machen die Berliner so gut?

Union ist eine sehr disziplinierte Mannschaft, sie laufen extrem viel, verteidigen sehr kompakt. Und sie sind sehr gefährlich nach Standards. Die Spielweise ist einfach sehr rund, da passt vieles zusammen. Und sie sind sehr effektiv in der Chancenverwertung.

Das klingt nach genau dem Gegenteil von Hertha BSC.

Hertha nutzt die Chancen zur Zeit nicht so, ist weniger effektiv. Das hat man gegen Hoffenheim gesehen, da müssen sie eigentlich per Elfmeter in Führung gehen. Das Spielglück fehlt, bei Union läuft es. Jede Mannschaft braucht Zeit, um sich zu finden. Hertha hat viele Neuzugänge, viel Unruhe gehabt, hatte den Kader erst spät zusammen. Deshalb ist es einfach so, dass der Kader noch Zeit braucht, um zueinander zu finden. Bei Union ist das Team gefestigt.

Zur Person: Jahrgangsbester und Raab-Kandidat

Robert Klauß begann seine fußballerische Laufbahn bei Preussen Eberswalde (damals noch Motor), ehe er 2002 zum FC Straußberg und 2006 nach Markranstädt, dem Vorgängerverein von RB Leipzig, wechselte. 2015 war er Kandidat bei der Spielshow „Schlag den Raab“, verlor aber gegen Stefan Raab und verpasste den Gewinn von 500 000 Euro. Im Jahr 2018 war Klauß Jahrgangsbester bei der Fußballlehrer-Ausbildung.