24. Dezember 2019 / 08:58 Uhr

College-Meister in Kalifornien: Ex-Havelser Valentin Kurz lebt seinen "American Dream"

College-Meister in Kalifornien: Ex-Havelser Valentin Kurz lebt seinen "American Dream"

Tobias Kurz
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Vor einem halben Jahr, trug Valentin Kurz noch das Trikot des TSV Havelse, im November feierte er mit den Gaels die College-Meisterschaft in Kalifornien.
Vor einem halben Jahr, trug Valentin Kurz noch das Trikot des TSV Havelse, im November feierte er mit den "Gaels" die College-Meisterschaft in Kalifornien. © Roland Hermstein / St. Mary's College / privat
Anzeige

Vor einem halben Jahr kickte Valentin Kurz noch in der U19 des TSV Havelse in der Junioren-Bundesliga. Mittlerweile schnürt das 19-jährige Mittelfeldtalent seine Fußballschuhe 9.000 Kilometer von Hannover entfernt - in Kalifornien. In der höchsten amerikanischen College-Liga NCAA 1 feierte er direkt die Meisterschaft in der West Coast Conference.

Anzeige

„Oh, I can't wait to see those faces, I'm driving home for Christmas”, singt Chris Rea in seinem Weihnachtshit “Driving home for Christmas”. Ein Gefühl, dass Kurz im kalifornischen „Exil“ vielleicht besser kannte als jeder andere. “Gerade in den letzten Wochen hatte ich schon großes Heimweh, weil ich mich einfach darauf gefreut habe, alle wiederzusehen.” Den Kontakt mit Familie, Freunden und seiner Freundin kann er ansonsten nur aus der Ferne pflegen, mit neun Stunden Zeitverschiebung.

Ansprüche sind hoch

Seit August lebt er in Kalifornien. Am St. Mary’s College in Moraga studiert er Psychologie. Im Mai bekam Kurz den Zuschlag für ein Stipendium. Fast 90 Prozent der rund 70.000 Dollar Studiengebühren pro Jahr trägt die Universität. Bei guter sportlicher und akademischer Leistung kann sich der Anteil noch erhöhen – bei unzureichenden allerdings auch verringern. Die Ansprüche sind hoch in der höchsten amerikanischen Collegeliga NCAA 1, in der die „Gaels“, wie das Team der St. Mary’s nur genannt wird, antreten.

Das sind die Bilder der Saison 2019/20 in Hannovers Amateurfußball

Harte Landung: Sarstedts Torschütze zum 3:1, Christian Schäfer, prallt hart auf den Boden.  Zur Galerie
Harte Landung: Sarstedts Torschütze zum 3:1, Christian Schäfer, prallt hart auf den Boden.  ©

Sprungbrett TSV Havelse als "richtig gute Möglichkeit"

Leistungsfußball und ein Studium an einem amerikanischen College zu verbinden ist ein Weg, den immer mehr junge Talente einschlagen, die den direkten Sprung nach ganz oben nicht schaffen. In einem der deutschen Nachwuchsleistungszentren kam Kurz, der in der Jugend ein Jahr bei Borussia Dortmund spielte, nicht mehr unter. „Ich wusste schon, dass es nichts mehr wird mit einem NLZ“, weiß Kurz. Deshalb entschied er sich 2018 für das Sprungbrett TSV Havelse.

Ursprünglich kommt Kurz aus Bönen, einer Gemeinde nahe Dortmund. Nach dem Abitur verließ er seine Heimat dann in Richtung Hannover, um in Havelse U19-Bundesliga zu spielen. Die Idee, in den USA zu studieren, war da schon weit gediehen. „Havelse war für mich eine richtig gute Möglichkeit, nochmal auf höchstem Niveau zu spielen.“

"Es war eine geile Zeit in Hannover"

Als reinen Zwischenschritt will er das Jahr nicht bezeichnen, auch wenn sein Abschied von vornherein feststand. „Ich habe mich in Hannover wohlgefühlt, es war hier eine echt geile Zeit.“ Auch wenn die mit dem unglücklichen Abstieg der Havelser aus der U19-Bundesliga endete. Nur das um drei (!) Treffer schlechtere Torverhältnis gegenüber dem Niendorfer TSV besiegelte den direkten Gang zurück in die Regionalliga. „Auch wenn wir nicht viel gewonnen haben, wir haben gezeigt, dass wir mit fast allen Gegnern mithalten konnten“, erinnert sich Kurz zurück.

Mit der A-Jugend des TSV Havelse traf Valentin Kurz (Mitte) auf Gegner mit deutlich besseren Möglichkeiten - wie RB Leipzig.
Mit der A-Jugend des TSV Havelse traf Valentin Kurz (Mitte) auf Gegner mit deutlich besseren Möglichkeiten - wie RB Leipzig. © Christian Hanke

Schwieriger Start in den ersten Wochen

Und nicht nur sportlich bewertet er den Umzug nach Hannover als Bereicherung, sondern auch für die persönliche Entwicklung. „In Hannover habe ich einen großen Schritt in die Selbstständigkeit gemacht, das hat mir auch in Amerika extrem geholfen“, sagt er. Denn die Integration in den USA lief erst einmal holprig. „Die ersten Wochen waren nicht so einfach.“

"Da ging es mir teilweise nicht so gut"

Vor allem die Sprachbarriere machte Kurz zunächst zu schaffen. „Vor allem bei Gesprächen in der Gruppe konnte ich erstmal nicht mitreden. Man versteht zwar, was die anderen sagen, aber es hat einfach zu lange gedauert, bis ich mir etwas zurechtgelegt hatte“, erzählt Kurz. „Das fühlt sich einfach komisch an, weil man ja auch etwas beitragen will. Da ging es mir dann teilweise auch nicht so gut.“

Ab dem fünften Spiel immer in der Startelf

Mit der Zeit und vor allem mit Beginn des Studiums im September klappte die Eingewöhnung immer besser. „Dadurch habe ich nochmal neue Leute abseits des Fußballs kennengelernt. Mit vielen lebe ich auch zusammen auf dem Campus, das macht richtig Spaß, weil man sich jeden Tag sieht.“

Mit dem erhöhten Wohlfühlfaktor ging auch sein sportlicher Durchbruch bei den „Gaels“ einher. Dass er in den ersten vier Spielen lediglich als Joker zum Einsatz gekommen war, enttäuschte ihn ein wenig. Doch ab dem fünften Spieltag war der spielstarke Rechtsfuß auf der Sechserposition nicht mehr wegzudenken, stand in jedem der folgenden 14 Spiele in der Startelf - keine Selbstverständlichkeit als „Freshman“.

Mehr Sport aus Hannover

Collegefußball anders als in Deutschland

„Ich musste mich erstmal an den Collegefußball gewöhnen, die Art und Weise wie gespielt wird, ist anders als in Deutschland. In den USA wird deutlich athletischer und insgesamt schneller gespielt, mehr eins-gegen-eins. Dafür ist das technische Niveau oft gar nicht so hoch“, berichtet er und nennt als eindrückliches Beispiel die Gonzaga Bulldogs, gegen die die „Gaels“ mit 3:0 gewannen: „Die konnten laufen wie sonstwas, hatten elf Top-Athleten auf dem Platz – aber wussten nicht, wie man mit Konzept Fußball spielt.“

Seine Spielintelligenz kommt Kurz daher besonders zugute. Eine Stärke, mit der er herausstach und somit auch seinen Anteil am großen Erfolg der „Gaels“ hatte. Die St. Mary’s marschierten mit Kurz unaufhaltsam durch die West Coast Conference (WCC) und feierten hochverdient die Meisterschaft. „Ein richtig geiles Erlebnis. Das war mein erster richtig großer Titel, den ich gewonnen habe“, schwärmt Kurz.

Wahl ins "Freshman Team of the Year"

In den US-weiten Playoffs folgte dann zwar in der Runde der letzten 32 das Aus gegen Santa Barbara – den Stolz über die eindrucksvolle Saisonbilanz von 14 Siegen aus 16 Spielen konnte das aber nur kurz schmälern. Zumal es für Kurz nach der Saison noch eine besondere Auszeichnung gab. Der 19-Jährige wurde in das „Freshman Team of the Year“ der WCC gewählt. „Es ist natürlich schön, Anerkennung zu bekommen“, meint Kurz. „Aber mir ist wichtiger, dass wir als Team die Conference gewonnen haben. Das ist ein viel größerer Erfolg.“ Gleichwohl ist ihm bewusst, dass er sich mit seinen Leistungen schon im ersten Jahr in den Fokus gespielt hat.

Profitraum lebt noch - aber Kurz ist realistisch

Dass der Traum vom Fußballprofi über den Umweg USA noch lebt, gibt Kurz zu. „Ich glaube, dass es möglich ist“, sagt er. „Ich konnte in Havelse schon sehen, was fehlt zu anderen Spielern – aber auch, dass es nicht viel ist.“ Omnipräsent ist der Gedanke an eine Fußballkarriere aber keineswegs. „Ich will mich so aufstellen, dass ich das Studium fertig mache und einen Job in meinem Berufsfeld finden kann. Dann kann ich mich immer noch umschauen“, sagt er. „Wenn man Glück hat, kann es klappen. Aber ich sehe das schon realistisch.“

"Jetzt kann ich alles erstmal ein bisschen sacken lassen"

All das liegt allerdings ohnehin noch in ferner Zukunft. Zunächst mal will er die ereignisreichen letzten Monate in Ruhe verarbeiten und die freie Zeit in der Heimat genießen. „Es ist schon ein bisschen anders als früher, wieder zuhause zu sein. Aber es ist auf jeden Fall schön. Jetzt kann ich alles erstmal ein bisschen sacken lassen.“ Um dann ab Januar wieder weit weg von der Familie seinen eigenen „American Dream“ zu leben.