27. November 2020 / 06:00 Uhr

Kaum Symptome und dennoch Spätfolgen? Die schleichende Corona-Gefahr im Sport

Kaum Symptome und dennoch Spätfolgen? Die schleichende Corona-Gefahr im Sport

Uwe Herzog
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Herzmuskelentzündung des deutschen Eishockey-Nationalspielers Janik Möser könnte eine Spätfolge einer Corona-Infektion sein. Sportwissenschaftler Wilhelm Bloch spricht über die Gefahren des Virus für Sportler.
Die Herzmuskelentzündung des deutschen Eishockey-Nationalspielers Janik Möser könnte eine Spätfolge einer Corona-Infektion sein. Sportwissenschaftler Wilhelm Bloch spricht über die Gefahren des Virus für Sportler. © imago images/ActionPictures/dshs-koeln.de/Montage
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Kann eine Corona-Infektion trotz nur milder Symptome zu Spätfolgen bei Profisportlern führen? Sportwissenschaftler Wilhelm Bloch spricht mit Blick auf das aktuelle Beispiel von Eishockey-Profi Janik Möser über die Gefahren. 

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Noch sind Fragen offen. Doch bereits jetzt sind die behandelnden Ärzte von Janik Möser überzeugt, dass die Herzmuskelentzündung des 25-jährigen Verteidigers von Eishockey-Klub Wolfsburg Grizzlys auf eine Corona-Infektion zurückzuführen ist. Dabei sei die Infektion selbst mild verlaufen. Der Kölner Sportwissenschaftler Wilhelm Bloch zeigt sich besorgt: „Das Virus ist heimtückisch“, sagte Bloch gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Doch was bedeutet die Diagnose für andere Sportler? Könnte ein leichter „Corona-Schnupfen“ ohne starke Symptome sich am Ende lebensbedrohlich auswachsen, wie es die ärztlichen Untersuchungen bei DEL-Profi Möser nahelegen? Er selbst hat derzeit Trainingsverbot. Vor wenigen Tagen erst stellten Ärzte die beunruhigende Diagnose: Myokarditis. Das Besondere daran: Möser hatte keine Beschwerden. Nur durch ein Routine-EKG und eine anschließende MRT an der Charité in Berlin kam die gefährliche Herzerkrankung ans Licht.

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Nach Überzeugung von Grizzlys Mannschaftsarzt Axel Gänsslen hätte es schlimm enden können, wenn die Erkrankung unbemerkt geblieben wäre, wie er dem RND sagte. „Eine virusinduzierte Herzmuskelentzündung kann im schlimmsten Fall zum plötzlichen Herztod, zu dauerhaften Rhythmusstörungen oder sogar zu herzinfarktähnlichen Problemen führen. Aber auch ein krankhaft vergrößerter Herzmuskel mit chronischer Herzschwäche kann daraus entstehen.“

Studie mit 2000 Profisportlern startet

Wird Corona damit zu einer „schleichenden Gefahr“ für den Leistungssport? Um möglicherweise unbemerkten Organschäden nach Corona-Infektionen bei Profisportlern auf die Spur zu kommen, startet das Bundesinstitut für Sportwissenschaft nun eine groß angelegte wissenschaftliche Studie: Rund 2000 Kaderathleten werden in den kommenden drei Jahren besonders gründlich „auf Herz und Nieren“ gecheckt.

Studienleiter Andreas Nieß von der Uni Tübingen: „Es sind zwölf sportmedizinische Zentren in Deutschland beteiligt. Eine Gruppe mit 500 Athleten rekrutiert sich aus Sportlern, die nach unseren Schätzungen bis zum Abschluss der Studie eine Covid-19-Erkrankung durchgemacht haben werden. Die zweite Gruppe umfasst weitere 1500 Leistungssportler, die zur jährlichen Routineuntersuchung zu uns kommen. Wir fahnden nach Folgeschäden von Covid-19, aber auch nach der Durchseuchungsrate in den Kadern und der bereits vorhandenen Immunität bei Sportlern.“ Ziel sei es, den „Return-to-Sport“ nach Covid-19-Erkrankungen zu optimieren.

Die Studie ist in ihrer Art weltweit einzigartig: Umfangreiche Laboranalysen und Belastungstests sollen erstmals Aufschluss darüber geben, wie gefährlich Corona für Profisportler ist. Dabei werde auch das häufig auftretende Müdigkeitssyndrom eine Rolle spielen, so Nieß. Die Krux: Bislang werden Corona-Infektionen im deutschen Leistungssport nicht systematisch erfasst. Dadurch könnten auch mögliche Spätschäden an Blutgefäßen oder Organen wie Herz, Nieren und Gehirn unerkannt geblieben sein. Nur selten werden Fälle wie der von Möser bekannt.

Olympionik Stäbler: 20-prozentiger Leistungsverlust der Lunge

Auch Olympioniken wie Frank Stäbler kämpfen mit schweren Folgen nach einer Covid-19-Erkrankung: Bei dem 31-jährigen Weltmeister im Ringen wurde ein 20-prozentiger Leistungsverlust der Lunge festgestellt. Für Sportmediziner Bloch keine Ausnahmeerscheinung: „Wir untersuchen infizierte Sportler, darunter auch weniger schwere Fälle. Wir schauen uns aber auch Gewebeproben von Verstorbenen an. Dadurch sehen wir die ganze Bandbreite der Schäden, die das Virus verursacht. Wenn es zu einer Lungenentzündung kommt, sind häufig dauerhafte Schädigungen am Gewebe zu beobachten“.

Unterdessen haben sich Möser und sein Verein mit einem Appell an alle Sportler gewandt: Niemand solle Corona auf die leichte Schulter nehmen. Zudem stellte die Deutsche Eishockey Liga neue Verhaltensregeln für Spieler auf, die künftig positiv getestet werden oder gar erkranken.