21. März 2020 / 10:45 Uhr

VDV-Geschäftsführer Baranowsky über Fußballer-Kurzarbeit, Gehaltsverzicht und auslaufende Verträge im Juni

VDV-Geschäftsführer Baranowsky über Fußballer-Kurzarbeit, Gehaltsverzicht und auslaufende Verträge im Juni

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Wir werden auch diese Pandemie überstehen: Ulf Baranowsky von der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) bleibt optimistisch. 
"Wir werden auch diese Pandemie überstehen": Ulf Baranowsky von der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) bleibt optimistisch.  © imago images /Noah Wedel,Andreas Gebert/dpa
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Die Corona-Krise hat auch den Fußball hart getroffen: Ligen, Klubs und Spieler müssen wirtschaftliche Einbußen hinnehmen. Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler, kurz VDV steht dieser Tage zahlreichen Profis beratend zur Seite. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Geschäftsführer Ulf Baranowsky über Auswirkungen, Probleme und Lösungen.

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Seit über 16 Jahren arbeitet Ulf Baranowsky für die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV), die Fußballspieler während und nach der Karriere begleitet, berät und organisiert. Im Interview spricht der 45-jährige Geschäftsführer über finanziellen Druck in Zeiten der Corona-Krise, er zeigt mögliche Chancen auf und erklärt, was das alles für Spieler mit auslaufendem Vertrag bedeutet.

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Herr Baranowsky, wie groß ist dieser Tage der Klärungsbedarf bei Fußball-Profis?

Schon beträchtlich. Wir sprechen mit sehr vielen Mitgliedern, von der Bundesliga bis runter zur Regionalliga. Am Freitag haben viele Profis besorgt angerufen: Müssen die Spiele am Wochenende wirklich sein? Das hatte sich durch die Aussetzungen in der Bundesliga und der 2. Bundesliga am Nachmittag dann schnell erledigt, und wir begrüßen ganz ausdrücklich die Priorisierung des Gesundheitsschutzes. Die akuten Anrufe erreichen uns jedoch hauptsächlich aus der 3. Liga und den Regionalligen.

Worum geht es dabei?

Insbesondere um Kurzarbeit und Gehaltsverzicht. Es gibt da unterschiedliche Herangehensweisen der Klubs. Einige bieten recht faire Lösungen an, beispielsweise wird das Kurzarbeitergeld durch den Klub aufgestockt. Da sind die Spieler und andere Klubangestellte natürlich eher bereit, gemeinsam zur Problemlösung beizutragen. Leider machen wir aber auch negative Erfahrungen.

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Welche sind das?

Bei einem Regionalligisten mit niedriger Gehaltsstruktur hieß es beispielsweise: Morgen wird einzeln bei der Vereinsführung angetanzt. Jeder bringt seinen eigenen Stift mit. Entweder wird die Kurzarbeitklausel unterschrieben und auf einen Großteil des ohnehin schon geringen Gehaltes verzichtet – oder es gibt die Kündigung.

So etwas kommt vor?

Das sind Extreme, die wir leider erleben – auch, wenn sie rechtlich unzulässig sind. Hier wird vereinsseitig versucht, die kompletten Personalkosten der Spieler einzusparen, indem einerseits die Spieler auf einen beachtlichen Teil des Geldes verzichten sollen und andererseits Vater Staat beziehungsweise der Arbeitsagentur die restliche Last aufgebürdet wird. Bei allem Verständnis für den finanziellen Druck mancher Klubs sollte aber schon das Bemühen erkennbar sein, faire Lösungen zu suchen.

Was passiert in so einem Fall?

Bei Kurzarbeit Null, was einer Betriebsschließung gleicht, erhält ein kinderloser Spieler, analog zum Arbeitslosengeld, 60 Prozent seines Geldes. Das wären auch bei Spitzenverdienern der Bundesliga aufgrund der Deckelung maximal rund 2.200 Euro monatlich. Ein Spieler in der Regionalliga, der beispielsweise 1.800 Euro brutto im Monat verdient, würde so gerade einmal 780 Euro Kurzarbeitergeld erhalten. Dass dann eine große Drucksituation entsteht, ist klar. Darum besteht bei den Betroffenen großer Beratungsbedarf.

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Wie helfen Sie?

Wir gehen mögliche Szenarien durch und skizzieren dabei als Worst Case auch die Insolvenz mit anschließender Arbeitslosigkeit. Die Betroffenen hätten dann drei Monate lang Anspruch auf Insolvenzgeld und anschließend zwölf Monate auf Arbeitslosengeld. Da unabhängig von einer Pandemie am Saisonende immer zahlreiche Spieler aufgrund auslaufender Verträge arbeitslos werden, bieten wir in den Sommermonaten traditionell unser VDV-Proficamp an. Zudem helfen wir mit arbeitsrechtlichem und psychologischem Support und bereiten die Spieler durch einen Karrierecoach auf die nachfußballerische Berufslaufbahn vor. Wir gehen sehr zuversichtlich an die Sache heran.

Gehaltsverzicht?
"Öffentlicher Druck
ist nicht angemessen"

Worin liegt Ihre Hoffnung?

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In der laufenden Saison haben wir, unabhängig von Corona, beispielsweise bereits vier Klubinsolvenzen begleitet. Es gibt viele Wege, um eine Tiefphase zu überstehen und gestärkt zurückzukommen. Wir werden auch diese Pandemie überstehen.

Dabei wird bereits öffentlich ein Gehaltsverzicht diskutiert.

Es gibt zahlreiche Stellschrauben, Personalkosten sind nur eine davon. Viele Spieler haben bereits signalisiert, ihren Klubs entgegen zu kommen. Es ist aber nicht angemessen, dass öffentlicher Druck auf einzelne Berufsgruppen ausgeübt wird. Dadurch wird zu Unrecht unterstellt, dass Fußballer nicht zu Solidarität bereit wären. Sie werden quasi aufgefordert, sich einzeln öffentlich zu erklären. Derartige Diskussionen tragen nicht zu einer Problemlösung bei.

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Ist die Fußball-Blase nun geplatzt?

Nicht überall war es eine Blase. Wir müssen differenzieren zwischen den einzelnen Ligen und den einzelnen Klubs. Insbesondere in der 3. Liga und in den Regionalligen treffen Spielausfälle und Geisterspiele die Klubs wirtschaftlich besonders hart. Aufgrund der zahlreichen Insolvenzen in diesen Ligen, die wir begleitet haben, fordern wir schon seit langer Zeit eine strenge Lizenzierung sowie geeignete Sicherungsinstrumente. Profifußball ergibt nämlich nur dann Sinn, wenn Ligen und Klubs über ausreichende Mittel verfügen. Zudem ist es mit Blick auf die Kurzarbeiterproblematik bisher versäumt worden, das System durch tarifvertragliche Lösungen krisenfester zu machen. Das ist vielleicht eine Lehre, die man aus der Krise ziehen kann und eine Chance, sich da in Zukunft besser aufzustellen.

Baranowsky: "Gleicht einer Operation am offenen Herzen"

Werden nun die Millionensummen auf dem Transfermarkt geringer?

Stand jetzt ist davon auszugehen, dass es zu Anpassungen kommen wird. Inwieweit sich die Systeme nach der Pandemie wieder erholen werden, kann nicht sicher prognostiziert werden. Gegenwärtig wird versucht, die Lage zu stabilisieren. Es gleicht ein wenig einer Operation am offenen Herzen.

Was passiert mit Spielern, deren Vertrag zum 30.6. ausläuft, falls die Saison immer noch läuft?

Dann wären Vertragsanpassungen denkbar, sofern alle Beteiligten zustimmen. Das ist am heutigen Tag jedoch ein eher hypothetisches Problem, das auf der Prioritätsskala relativ weit unten steht. Es ist jedoch davon auszugehen, dass ein Großteil der Neuverträge geringer vergütet sein wird.