14. November 2020 / 05:30 Uhr

Teil-Lockdown droht, Ablehnung in der Bevölkerung: Japan im Olympia-Pessimismus

Teil-Lockdown droht, Ablehnung in der Bevölkerung: Japan im Olympia-Pessimismus

Felix Lill
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Austragung der Olympischen Spiele in Tokio ist nach wie vor für Juli 2021 geplant.
Die Austragung der Olympischen Spiele in Tokio ist nach wie vor für Juli 2021 geplant. © 2020 Getty Images
Anzeige

Die meisten Japaner glauben aufgrund der anhaltenden Corona-Krise nicht mehr an die Austragung der Olympischen Spiele in Tokio. Die Organisatoren halten derweil an den Plänen fest . Ende Juli des kommenden Jahres soll das größte Sportevent der Welt starten.

Die Lage war schon mal besser in Japan. Aktuell ist das Land auf dem Weg in einen Teil-Lockdown. Auf der Nordinsel Hokkaido beschloss die Regierung, dass Bars und Restaurants größerer Städte schließen sollen. Auch wenn Japan mit gut 100.000 Infektionsfällen relativ wenige Fälle von Covid-19 registriert hat, fürchtet man sich vor der nächsten Ansteckungswelle. Mit gut 1600 Neuinfektionen verbuchte das Land am Donnerstag einen Rekordwert. Sportveranstaltungen dürfen bis Februar nur mit einer Stadionauslastung von bis zu 50 Prozent durchgeführt werden.

Anzeige

Was danach kommt, steht in den Sternen. Nach derzeitigem Plan sollen Ende Juli 2021 die Olympischen Spiele in Tokio starten. Kurz nachdem das größte Sportevent der Welt Ende März dieses Jahres verschoben worden war, hatte IOC-Vertreter John Coates gesagt, man wisse im Oktober vermutlich mehr. In den folgenden Monaten beteuerten die Organisatoren, dass „Tokyo 2020“ nicht ausfallen werde. „Wir sind so weit, es auf jeden Fall im nächsten Jahr zu machen“, sagte Yoshiro Mori, der Präsident des Tokioter Organisationskomitees, im September. Zuletzt nannte er die Ausrichtung „ein Muss für die Menschheit“.

Mehr vom SPORTBUZZER

Von einer Entscheidung war im Oktober dennoch keine Rede. Aktuell wird vor allem getestet, wie Olympische Spiele in Zeiten der Pandemie gelingen können. In einem Baseballstadion in Yokohama wurden Zuschauerbewegungen simuliert, anhand derer Infektionsrisiken bestimmt werden sollen. Anfang November wurde ein internationales Turnturnier veranstaltet – unter rigiden Auflagen. Nach Euphorie klingt derzeit dennoch wenig. Hitoshi Oshitani, Virologieprofessor und Mitglied des Krisenstabs von Japans Regierung, sagte: „Ich glaube, nach derzeitigem Stand wäre es schwierig, die Olympischen Spiele zu veranstalten.

Die Begeisterung ist den Menschen in Japan vergangen. Seit dem Ausbruch der Pandemie haben Umfragen wiederholt gezeigt, dass eine Mehrheit gegen eine Austragung ist. Selbst die Mehrheit befragter Unternehmen offenbart diese Haltung – was überrascht, da Olympische Spiele ökonomische Megaevents sind. Die Spiele von Tokio werden so mehr und mehr zum Spagat zwischen Realität, Wünschen, Hoffnungen und Meinungen.

Mehrheit der Japaner rechnet mit Olympia-Absage

Dabei ist es nicht nur die Mehrheitsmeinung, die gegen „Tokyo 2020“ spricht. Viele Menschen sind wütend über die Kosten, die um ein Vielfaches höher liegen als veranschlagt und größtenteils mit Steuergeldern finanziert werden müssen. Ungeachtet ihrer Wünsche halten es zudem kaum noch Japaner für wahrscheinlich, dass es die Sommerspiele geben wird. Ende Oktober ergab eine Umfrage, dass 84 Prozent in Japan erwarten, es werde zu einer Absage kommen.

Dieses Gefühl wird seit Wochen durch Gerüchte genährt. Seit Ende Oktober behauptet etwa der in Japan bekannte Investigativjournalist Ryu Homma aus internen Kreisen zu wissen, dass die Spiele von Tokio ausfallen werden. In seinem Videoblog erklärt er: „Die Information kommt vom Organisationskomitee. Die haben Dentsu kontaktiert.“ Dentsu ist die größte PR-Agentur in Japan, die zwischen dem IOC und den japanischen Organisatoren schon bei der Tokioter Bewerbung eine wichtige Vermittlerrolle spielte. „Es wurde aber noch nicht öffentlich gemacht“, sagt Homma weiter. Schließlich kommt IOC-Präsident Bach an diesem Sonntag zum Besuch in Tokio an, unter anderem will er sich mit Japans seit Kurzem regierenden Premierminister Yoshihide Suga treffen. Von Suga wiederum wird erwartet, dass er bald Neuwahlen ausrufen könnte, da er sein Amt nur durch den krankheitsbedingten Rücktritt seines Vorgängers Shinzo Abe angetreten hat. „Man überlegt sich jetzt Optionen“, behauptet Journalist Ryu Homma zur Frage, was die klügste Kommunikationsstrategie zur angeblichen Olympiaabsage angehe. Sollte es Neuwahlen geben, würde man wohl eher bis nach der Wahl damit warten.


Hommas Angaben sind von der Gegenseite nicht bestätigt. Das Tokioter Organisationskomitee kommentiert auf Anfrage: „Eine solche Entscheidung ist nicht getroffen worden.“ Auf die Frage, worüber Bach dieser Tage in Tokio sprechen möchte, haben die Organisatoren nicht geantwortet. Bach selbst sagte, eine Olympiaabsage werde man nicht diskutieren. Er bleibt stattdessen optimistisch: „Seien Sie sicher, dass wir einen Werkzeugkasten von Maßnahmen gegen Corona für alle erdenklichen Szenarien entwickeln.“