30. März 2020 / 19:57 Uhr

Freizeit ohne Fußball: Ein Quartett und seine Erfahrungen - und der gemeinsame Wunsch

Freizeit ohne Fußball: Ein Quartett und seine Erfahrungen - und der gemeinsame Wunsch

Ole Rottmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Sebastian Westenfeld ist mit seiner Freundin Annalisa und Hund Juno (oben links, Bilder im Uhrzeigersinn) derzeit häufig am Kanal unterwegs. Nils Gottschalk (rotes Trikot) hält sich daheim eigenverantwortlich fit, damit er bald wieder auf dem Fußballplatz stehen kann. Während Timo Struckmeier die gemeinsame Zeit mit Sohn David genießt, gerät Martin Kummer (blaue Jacke) gegen seinen Sohn Max beim Tischtennis ins Schwimmen.
Sebastian Westenfeld ist mit seiner Freundin Annalisa und Hund Juno (oben links, Bilder im Uhrzeigersinn) derzeit häufig am Kanal unterwegs. Nils Gottschalk (rotes Trikot) hält sich daheim eigenverantwortlich fit, damit er bald wieder auf dem Fußballplatz stehen kann. Während Timo Struckmeier die gemeinsame Zeit mit Sohn David genießt, gerät Martin Kummer (blaue Jacke) gegen seinen Sohn Max beim Tischtennis ins Schwimmen. © privat / Rico Person
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Kein Fußball – das ist Herausforderung und Chance zugleich: Vier Angehörige von Mannschaft aus der Region haben dem SPORTBUZZER erzählt, was sie mit der ungewohnten Freizeit anstellen und ob sie glauben, dass alles so weitergeht wie zuvor, wenn irgendwann der Alltag wieder eingekehrt ist.

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Timo Struckmeier, Trainer der U19 des JFV Calenberger Land

David hat schnell gemerkt, dass etwas anders ist. Schließzeiten im Kindergarten gab es ja auch sonst schon mal, aber eine weitere Sache war ihm bald aufgefallen. „Papa, warum fährst du gar nicht mehr zum Fußball?“, fragte der aufgeweckte Dreijährige seinen Vater Timo Struckmeier neulich. Wie soll man einem kleinen Jungen die momentane Situation erklären?

Vor dieser Herausforderung stand der Trainer der ­A-Junioren des JFV Calenberger Land dieser Tage – und trat die Flucht nach vorn an. „Wegen Corona“, sagte er ihm. Doch David wollte es genauer wissen. „Wo wohnt denn Corona?“, insistierte er mit kindlicher Logik. „Und deshalb wohnt Corona jetzt gerade auf unserem Spielplatz“, berichtet Struckmeier lachend. Damit erübrigen sich auch weitere Nachfragen danach, warum einer von Davids Lieblingsorten seit Tagen mit rot-weißem Flatterband für Besucher gesperrt ist.

"Ich lernen meinen kleinen Sohn gerade besser kennen"

Dass Struckmeier derzeit viel zu Hause ist, sieht er trotz der misslichen Lage positiv. „Ich lerne meinen kleinen Sohn gerade besser kennen“, sagt der 40-Jährige. Neben seinem Job im Außendienst sowie viermaligem Training pro Woche bleibt sonst meist nicht viel Raum für familiäre Aktivitäten: „Ich war zeitlich am Limit.“ Neulich fand David einen bunten Ball im heimischen Garten – eine dieser quietschbunten Plastikkugeln mit zahlreichen Noppen an der Oberfläche. „Guck mal Papa, der sieht aus wie Corona“, sagte er. Vielleicht wird er später ja einmal Virologe.

Mehr Berichte aus der Region

Martin Kummer, Trainer des TuS Garbsen

„Wir drehen gerade unseren Garten auf links“, sagt Martin Kummer. Das hatte der Trainer des TuS Garbsen schon länger geplant. Zaun, Platten, Teich – eine Runderneuerung des kummerschen Grundstücks in Letter. „Mittlerweile liegen wir sogar etwas vor dem Zeitplan“, sagt Kummer schmunzelnd. Wann hat man so eine Aussage rund um eine Baumaßnahme eigentlich zuletzt gehört?

Doch es ergeben sich neue Herausforderungen. „Wir haben nur noch für drei Tage Material“, sagt Kummer. „Und unser bestellter Fertigpool, der jetzt eigentlich kommen sollte, kann aufgrund der derzeitigen Situation nicht geliefert werden.“ Doch er und seine Lieben machten aus der Not eine Tugend: „Wir haben statt des Pools erst mal die Tischtennisplatte in die Grube gestellt“, sagt Kummer. „Es ist eine schöne Zeit, wenn man als Familie mal enger zusammen ist“, ergänzt der Bezirksligatrainer, „aber für den Fußball ist es natürlich beschissen.“

"Wird vermutlich wie an Silvester mit den guten Vorsätzen sein"

Ob sich für danach etwas ändern wird? „Nein, ich glaube zwar, da träumen viele von“, sagt Kummer, „aber letztlich wird es auch danach immer um weiter, höher, besser gehen, wenn alle wieder auf die Menschheit losgelassen werden.“ Dennoch sei es derzeit schön zu beobachten, wie viele enger zusammenrückten. „Aber nachher wird es vermutlich wie an Silvester mit den guten Vorsätzen sein, und alles wird genauso weitergehen.“ Spricht es – und schlägt in seinem Tischtennisbecken gegen Sohn Max auf.

Das sind die Bilder der Saison 2019/20 in Hannovers Amateurfußball

Harte Landung: Sarstedts Torschütze zum 3:1, Christian Schäfer, prallt hart auf den Boden.  Zur Galerie
Harte Landung: Sarstedts Torschütze zum 3:1, Christian Schäfer, prallt hart auf den Boden.  ©

Sebastian Westenfeld, Teammanager des FC Eldagsen

Sebastian Westenfeld hatte zuletzt ein paar Tage frei – unabhängig von der Pandemie. „Ich bin das erste Mal seit langer Zeit im Urlaub mal wieder eine Woche nur zu Hause gewesen“, sagt der Teammanager des Landesligisten FC Eldagsen. Den geplanten Skiurlaub in Österreich mit seiner Freundin konnte er nicht antreten. Also ging auch er Sachen an, zu denen man sonst nicht kommt. „Mit dem Hund viel draußen am Mittellandkanal gewesen, die Balkondielen abgeschliffen und drei Bücher gelesen“ zählt er als Programm der freien Tage auf. „Das war schon okay, aber wenn das jetzt noch sechs Wochen so geht ...“

Vor allem fehlt der Sport, sowohl der eigene als auch der, den man als Zuschauer konsumiert. Hier sieht Westenfeld auch irgendwann Pro­bleme auf (s)eine Mannschaft zukommen. „Ohne Kontakt ist so ein Teamspirit auf Dauer nur schwer aufrechtzuerhalten“, sagt der Eldagser. „Das geht nur, wenn man nebeneinander in der Kabine sitzt und lacht. Wir müssen aufpassen, dass das nicht verloren geht.“

"Weißt leider schon vorher, was in den nächsten drei Minuten passiert"

Um auch in der sportfreien Zeit ab und an mal einen rollenden Ball zu sehen, habe er daheim die „HSV-Classics“ geschaut. Erinnerungen an bessere Zeiten also, was sowohl auf den Verein aus Norddeutschland als auch auf die gesamte Situation rund um den derzeitigen Shutdown zutrifft. „Aber du weißt leider schon vorher, was in den nächsten drei Minuten passiert“, sagt Westenfeld lachend. Echtes Fußballfeeling und Anspannung kommen dabei natürlich nicht auf. Etwas Nervenkitzel gab es zumindest bei seiner Thrillerlektüre. „Aber auch da war schnell vorhersehbar, wie es weitergeht“, sagt der 33-Jährige.

Das sind die Helden der Woche aus der Region Hannover in der Saison 2019/20

Zum Saisonauftakt in der Bezirksliga 2 erlebte <b>Marius Fennel</b> mit der SG Blaues Wunder ein Wechselbad der Gefühl. Erst lief gegen Iraklis Hellas fast nichts zusammen, dann wendete der 29-Jährige mit zwei Treffern das Blatt. Doch in der Nachspielzeit gab es noch den Ausgleich. Die beiden Tore - per Direktabnahme aus 20 Metern und nervenstark vom Punkt - und 40,6 Prozent der Stimmen machten ihn zum ersten Held der Woche der Spielzeit 2019/20. Zur Galerie
Zum Saisonauftakt in der Bezirksliga 2 erlebte Marius Fennel mit der SG Blaues Wunder ein Wechselbad der Gefühl. Erst lief gegen Iraklis Hellas fast nichts zusammen, dann wendete der 29-Jährige mit zwei Treffern das Blatt. Doch in der Nachspielzeit gab es noch den Ausgleich. Die beiden Tore - per Direktabnahme aus 20 Metern und nervenstark vom Punkt - und 40,6 Prozent der Stimmen machten ihn zum ersten Held der Woche der Spielzeit 2019/20. ©

Nils Gottschalk, Spieler des Mellendorfer TV

Nils Gottschalk, der Torjäger des Kreisligisten Mellendorfer TV, gibt zu: „Klar ist es schön, mal zu Hause zu bleiben. Aber die sozialen Kontakte fehlen einem schon schnell.“ In seiner Mannschaft seien sie an­gehalten, den Rhythmus von dreimaligem Training pro Woche weiterhin – jeder für sich – beizubehalten. „Aber letztlich ist dafür jeder selbst verantwortlich, wir haben keinen speziellen Plan bekommen“, sagt der 28-Jährige, der den Balkon nun häufiger nutzt als sonst.

Auch hinsichtlich dessen, wie sich das Miteinander nach dem Ende des Ausnahmezustands verändern könnte, appelliert er an die Verantwortung jedes Einzelnen. „Vielleicht sollten alle ihr Konsumverhalten überdenken“, sagt Gottschalk. „Und ob es wirklich immer das neueste Handy sein muss.“

"Ehrlich gesagt, gehe ich nicht von aus"

Hoffnung, dass sich nachhaltig etwas ändert? Da ist der Angreifer eher defensiv: „Das ist natürlich schwer zu sagen, aber ehrlich gesagt gehe ich nicht davon aus.“ Zumindest auf der großen Bühne, bei der es auch um viel Geld gehe, sei das eher kompliziert. Doch im Kleinen besteht Hoffnung: „Vermutlich werden manche zunächst an bestimmten Dingen, die vorher normal waren, mehr Spaß haben als zuvor.“ Und da ist letztlich jeder für sich selbst gefragt. Ähnlich wie beim Heimtraining des MTV.