24. November 2020 / 17:13 Uhr

Nicht nur knapp 1000 96-Mitglieder weniger: Corona hat die Sportvereine fest im Griff

Nicht nur knapp 1000 96-Mitglieder weniger: Corona hat die Sportvereine fest im Griff

Christoph Hage
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Stillstand: Das Vereinssportzentrum von Hannover 96 und damit auch die Stamme sind seit dem 2. November dicht.
Stillstand: Das Vereinssportzentrum von Hannover 96 und damit auch die Stamme sind seit dem 2. November dicht. © Florian Petrow
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Die Pandemie hat die Sportvereine fest im Griff und lässt nicht locker. Es ist beinahe egal, wo man in den letzten Wochen des Corona-Jahres 2020 hinhört. Hatten sich die Klubs vom ersten Lockdown erholt, trifft sie das zweite bundesweite Sportverbot umso härter. Viele Mitglieder sind schlicht nicht mehr bereit, Geld ohne Gegenleistung zu zahlen. Solidarität hin oder her. Die Perspektive? Schwierig.

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Auch vor dem größten Sportverein in Niedersachsen macht diese Entwicklung nicht halt. „Wir kommen von ungefähr 23 000 Mitgliedern“, sagt Robin Krakau, Vorstandsmitglied von Hannover 96, „und sind, Stand jetzt, bei knapp 22 000.“ Ein Großteil der Austritte seien Fördermitglieder, „das führen wir größtenteils auf die Entwicklung bei den Fußballern und natürlich Corona zurück“, sagt Krakau.

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"Es ist einfach schade"

Dabei hatte sich vor allem das Vereinssportzentrum gerade erholt, befand sich mit „mehr als 1000 Mitgliedern im Fitnessstudio“ auf dem aufsteigenden Ast. „Im Sommer sind wir von einem starken Anstieg gesegnet gewesen, es ging in die richtige Richtung, was unsere Planzahlen für 2020 betrifft“, sagt Krakau. Und jetzt? Stillstand. „Es ist einfach schade um die positive Entwicklung. Und natürlich müssen wir schauen, wie lange diese Situation noch anhält.“

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"Menschen müde ob der unklaren Zukunftsperspektive"

Der zweite Lockdown sei zur Unzeit gekommen, betont Hajo Rosenbrock. Ende vergangenen Jahres hatte sein Verein 7100 Mitglieder, „jetzt sind es 6400, weil die Menschen müde ob der unklaren Zukunftsperspektive sind“, sagt der Vorsitzende des TKH. Und das trifft alle. Durchschnittlich 10 Prozent seien den größeren deutschen Breitensportvereinen verloren gegangen, meint Rosenbrock: „Neueintritte nicht mitgerechnet. Und ob diese Menschen jemals zurückkommen, ist fraglich. Auch Ehrenämtler lernen gerade, dass es sich ohne Belastungen besser leben lässt.“

Deutlich besser ist der TuS Bothfeld durch das Corona-Jahr gekommen. „Wir haben circa 50 Mitglieder verloren, wobei das nicht heißt, dass 50 Leute ausgetreten sind“, sagt Martin Möller, zweiter Vorsitzender beim Verein aus dem Nordosten Hannovers. „Das ist nominell höher, aber nicht eklatant. Wir haben mit mehr gerechnet.“ Zumal ein Ende ja abzusehen sei: „Ich glaube, die meisten vernünftig denkenden Deutschen sind in diesen Tagen verhalten optimistisch, was die Zukunft angeht“, sagt Möller.

"Bei vielen Mitgliedern fehlt mir die Solidarität"

Rita Girschikofsky appelliert mit gewohnt deutlichen Worten an die Mitglieder. „Von der Krankenkasse kriegt man auch kein Geld zurück, wenn man gesund bleibt“, sagt die Vorsitzende des Stadtsportbundes, „diese Solidarität fehlt mir bei vielen Mitgliedern.“ Die Vereine hätten sich in den zurückliegenden Monaten ein Bein ausgerissen, um den Betrieb am Laufen zu halten. „Ich finde, das haben sie nicht verdient, dass die Mitglieder ihnen jetzt den Rücken kehren.“

Auch die hannoversche Politik sieht Girschikofsky in der Verantwortung: „Es kann nicht sein, dass Automobilhersteller mit Millionen unterstützt werden und die Sportvereine in die Röhre gucken.“ Dass den Klubs die Hallengebühren bis zum Ende des Jahres erlassen worden seien, sei nicht mehr als ein erster Schritt. „Warum wird das nicht auf das erste Quartal 2021 ausgeweitet?“, fragt Girschikofsky.

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"Das hat eine Austrittswelle eingeläutet"

2400 Mitglieder hat der VfL Eintracht – noch. „Den letzten Shutdown haben wir gut kompensieren können, viele Mitglieder haben sich solidarisch gezeigt“, berichtet Geschäftsführerin Mareike Wietler. „Leider hat die jetzige Situation eine Austrittswelle eingeläutet. Wir rechnen mit 200 Austritten zum Jahresende, was einen Mitgliederschwund von 8 Prozent bedeuten würde.“

Auch der VfL habe finanzielle Hilfe der Stadt und des Landes in Anspruch genommen. „Wir haben lange überlegt, ob wir uns bewerben sollten. Allerdings sind die Vereinsstrukturen unter den gegeben Umständen mit der derzeitigen finanziellen Lage nicht aufrechtzuerhalten“, sagt Wietler. Dabei sei das genau das Ziel, „um der ungewohnten Situation mit Corona proaktiv begegnen zu können“.

"Dann hätten wir den Laden schon dichtmachen können"

Sogar 24 Prozent, also knapp ein Viertel, sind dem Post SV weggebrochen. In Zahlen: „Wir hatten seit dem März 280 Kündigungen“, sagt der Vorsitzende Sascha Wichert. Und das hat Folgen. „Mit Blick auf die Zukunft weiß ich nicht, wie es weitergeht. Wenn wir den Corona-Zuschuss von der Stadt in Höhe von 15 000 Euro nicht bekommen hätten, hätten wir den Laden schon dichtmachen können.“

Das Vereinsleben ist das größte Plus aller, „und das können wir derzeit halt nicht darstellen“. Zumal der Post SV seine älteren Mitglieder beispielsweise mit den mittlerweile kostenlosen Onlineangeboten schlicht nicht erreiche.

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Um in Kontakt zu bleiben und ein Stimmungsbild einzuholen, hatte der Klub im Juni die Mitglieder befragt. „70 Prozent haben angegeben, dass sie bei uns sind, weil sie die Geselligkeit und das Vereinsleben schätzen, 75 Prozent, dass sie die Übungsleiter gut finden und 60 Prozent, dass sie die Infrastruktur gut finden“, berichtet Wichert. Alles Punkte, die der Post SV seinen Mitgliedern momentan nicht bieten kann.

Aus schwindenden Mitgliederzahlen resultieren finanzielle Probleme und Zukunftssorgen. Trotz manch schlafloser Nacht scheint der Kampfgeist jedoch ungebrochen zu sein. Es wird auch eine Zeit nach Corona geben. Die Vereinslandschaft dürfte dann aber eine andere sein.