07. April 2020 / 18:11 Uhr

Coronavirus: Auch Profis der BG Göttingen sind in Kurzarbeit

Coronavirus: Auch Profis der BG Göttingen sind in Kurzarbeit

Eduard Warda
Göttinger Tageblatt
„Die Einnahmen aus den Heimspielen fehlen natürlich“: BG-Geschäftsführer Frank Meinertshagen kann sich die Fortsetzung der Saison vorstellen.
„Die Einnahmen aus den Heimspielen fehlen natürlich“: BG-Geschäftsführer Frank Meinertshagen kann sich die Fortsetzung der Saison vorstellen. © Pförtner
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Auch Basketball-Bundesligist BG Göttingen wird von der Corona-Krise gebeutelt. Im Tageblatt-Interview spricht Veilchen-Chef Frank Meinertshagen über BG-Profis in Kurzarbeit, das Szenario eines Saisonabbruchs und die Möglichkeit der Zahlungsunfähigkeit

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Die Zukunft ist unklar – sportlich wie finanziell: Ausgerechnet in jener BBL-Spielzeit, in der die BG Göttingen seit langer Zeit mal wieder die Chance auf die Playoffs hat, wird die Saison wegen der Corona-Krise unterbrochen. Im Tageblatt-Interview äußert sich Frank Meinertshagen, Geschäftsführer des Basketball-Bundesligisten BG Göttingen, über die Situation bei den Veilchen, die Szenarien und die Perspektive.

Wo befinden Sie sich momentan?

Ich sitze im Basketball-Zentrum im Büro.

Für den Geschäftsstellenbetrieb ist ja Kurzarbeit angemeldet worden, fühlt man sich da so ein wenig wie Kevin allein zu Haus?

Ja, so in die Richtung geht das.

BG-Geschäftsführer Frank Meinertshagen im Sommerinterview.
Frank Meinertshagen © Christina Hinzmann / GT
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Für welchen Zeitraum ist Kurzarbeit beantragt worden?

Wir haben Kurzarbeit bis Ende Juni angemeldet, also bis zum Ende des Geschäftsjahres. Wir müssen jetzt gucken, wie sich die Situation entwickelt. Wenn die Saison im Mai wieder aufgenommen werden sollte, reagieren wir flexibel darauf.

Wie sieht es mit den Verträgen der Basketballprofis aus?

Wir haben für die Profis ab April Kurzarbeit angemeldet. Sie haben bis März alle das volle Gehalt bekommen, arbeiten aber nun de facto gar nicht mehr, können weder trainieren noch spielen. Sie erhalten Kurzarbeitergeld, dass wir aber nicht aufstocken, weil wir es schlicht und einfach nicht können.

Wie sieht es für Headcoach Johan Roijakkers aus?

Der ist auch in Kurzarbeit und kommt genau wie die Geschäftsstellenmitarbeiter auf zehn Stunden pro Woche.

Aber was macht er jetzt, wenn der sportliche Bereich ruht?

Johan nimmt sich in den ersten Zügen der kommenden Saison an und bildet sich fort: Er sieht sich in der Aufzeichnung andere Ligen und Spiele an oder beschäftigt sich mit neuen Trainingsmethoden. Man kommt als Trainer zu Sachen, die man sonst nicht schafft.

"Dann wären wir irgendwann am Rande der Zahlungsunfähigkeit."

Wie steht es um die finanzielle Situation der BG Göttingen?

Die Einnahmen aus den Heimspielen fehlen natürlich. Wenn die Fans, die Tickets gekauft haben, und Sponsoren alles zurückfordern würden, wäre die Situation schwierig zu bewältigen. Dann wären wir irgendwann am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Aber die grundsätzliche Frage ist doch: Wie lange hält das an? Wenn sich die Situation zum Start der Saison 2020/21 im Oktober nicht geändert hat, wird es schwierig. Die nächsten Wochen kommen wir über die Runden, aber wenn die nächste Saison nicht wieder losgeht, kann ich für nichts garantieren.

Was wiegt schwerer: keine Tickets mehr zu verkaufen oder Sponsoringausfälle zu verkraften?

Die Ticketeinnahmen machen rund 20 Prozent unseren Gesamtetats aus, noch wichtiger sind aber die Sponsoringeinnahmen. Bisher hat es allerdings viele positive Rückmeldungen gegeben, viele Sponsoren verzichten auf ihre Forderungen. Aber eigentlich müssten wir jetzt schon über die kommenden Saison reden. Das ist schwer für die Sponsoren, und das kann ich total nachvollziehen, da ihnen aufgrund des Coronavirus die Planungssicherheit im eigenen Unternehmen fehlt.

Das heißt, die Planung für die kommende Saison ruht?

Wir haben teilweise positive Rückmeldungen für die kommende Spielzeit, aber wir können noch keine Aussage treffen, und das ist einfach schwierig.

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Welche Szenarien gibt es momentan, wie könnte es weitergehen?

Es ist momentan nur schwer einzuschätzen, wo die Reise hingeht. Am unwahrscheinlichsten ist, dass wir die Saison mit Zuschauern zu Ende spielen. Dann gibt es noch zwei Optionen: ohne Zuschauer zu spielen oder gar nicht mehr. Und dazu kann ich gar nichts sagen, weil das Geschehen momentan zu dynamisch ist.

Bis Ende April passiert erst mal nichts, so ist es beschlossen. Das heißt, es geht frühestens Mitte Mai wieder los – wie groß wäre dann im Hinblick auf die Folgesaison der Termindruck?

Wir müssten bis weit in den Juni spielen, aber das wäre machbar. Allerdings müssten wir die Spieler wieder herkriegen. Danach muss trainiert werden. Insofern halte ich eher drei als zwei Wochen Vorlauf für nötig. So wie es aussieht, müssten sich die US-Amerikaner auch noch zwei Wochen lang in Quarantäne begeben. Diese Zeit würde dann noch dazu kommen.

Welche Möglichkeit hielten sie, auch in finanzieller Hinsicht, für besser – Geisterspiele oder Abbruch?

Wenn wir Mitte Mai starten würden, hielte ich es grundsätzlich für besser zu spielen als abzubrechen. Es würde für positive Schlagzeilen sogen und wäre für die Fans ein gutes Zeichen in diesen Zeiten. In finanzieller Hinsicht könnten wir einem großen Teil der Sponsoren, die TV-relevante Werbung schalten, die versprochene Gegenleistung bieten, und da müsste das Fernsehen natürlich mitziehen, sonst macht es keinen Sinn. In sportlicher Hinsicht wären die Mannschaften wahrscheinlich nicht aufgestellt wie früher, denn die wenigsten Teams sind ja noch voll besetzt. Aber es wäre ein positives Signal, und wir würden wieder ein wenig zur Normalität zurückkommen. Das alles hängt allerdings von der Corona-Entwicklung ab.

"Bayreuth und Bamberg haben sich bereits positioniert."

Wie sehen das die anderen BBL-Klubs?

Bayreuth hat ja bereits das ganze Team nach Hause geschickt. Das haben wir, in Absprache mit den anderen Klubs nicht gemacht, und ich finde das auch nicht gut: Beim ersten Treffen am 16. März haben wir uns alle geschworen, solidarisch zu sein. Dann gehen wir aus dem Raum raus, und Bayreuth hat schon fast alles Spieler entlassen. Insofern haben wir natürlich nicht Einsparungen in der Größenordnung wie Bayreuth (laut „Spiegel“ 450.000 Euro, Anm. d. Redaktion) vornehmen können. Bayreuth und Bamberg haben sich bereits positioniert und sind gegen die Fortsetzung des Spielbetriebs, aber da gibt es in der Führungsebene der Klubs auch eine personelle Vernetzung. Wie die Stimmung bei den anderen ist, weiß ich nicht.

Die BG hat die Verträge mit den US-Amerikanern Osetkowski, Anderson und Ruoff aufgelöst. Es bleibt aber dabei: Sollte es weitergehen, stünden die im Mai auf der Matte?

Es gibt vertraglich eine beidseitige Option, es hängt aber auch davon ab, wie sich die Situation in den USA weiterentwickelt. Und dann gibt es, wie gesagt, noch die Quarantäne, die wahrscheinlich eingehalten werden müsste.

Im Basketball spielt Größe eine Rolle, aber vielleicht auch generell im Profisport: Bewältigen finanzstarke Klubs die Corona-Zwangspause besser als kleine?

Die finanzielle Größe spielt schon eine Rolle, vor allem aber die Größe der Rücklagen. Ein Beispiel: Alba Berlin hat noch zwölf Heimspiele zu absolvieren, und die Einnahmen sind garantiert schon verplant. Da kann ich nicht sagen, dass ein kleinerer Klub automatisch einen Nachteil hat. Insofern ist jeder Verein individuell zu betrachten.

Seit dieser Saison schreibt die BBL einen Mindestetat von drei Millionen Euro vor, und gerade in dieser Zeit, in der vielleicht finanzielle Klimmzüge gemacht worden sind, erfolgt die Zwangspause. Waren die Klubs in dieser Situation besonders angreifbar?

Im Gegenteil: Neu ist seit dieser Spielzeit auch, dass das positive Eigenkapital mindestens 250.000 Euro betragen muss. Das heißt, dass alle BBL-Klub eine entsprechende Rücklage haben. Der Mindestetat von drei Millionen Euro ist auf keinen Fall schädlich. Aber die Klubs greifen jetzt ihre Rücklagen an, und wir werden darüber reden müssen, ob wir in der kommenden Saison nicht übergangsweise die vorgeschriebene Höhe des positiven Eigenkapitals reduzieren müssen.

"An der Hackordnung wird sich nichts ändern."

Hätte man aus heutiger Sicht bessere Vorkehrungen für den Fall der Fälle treffen müssen?

Gegen eine Pandemie kann man nichts machen. Mit einem gewissen Abstand, wird man sich sicherlich das Geschehen anschauen und sich fragen: Wie ist es gelaufen, und was hätten wir besser machen können?

Es machen im Hinblick auf krisenfeste und weniger krisenfeste Klubs Mutmaßungen die Runde, nach denen die Würfel im Hinblick auf die BBL-Vorherrschaft neu gemischt werden könnten. Was halten Sie davon?

Der eine oder andere Klub wird sicherlich mehr Schwierigkeiten haben, aber im großen und ganzen gehe ich davon aus, dass sich an der Hackordnung nichts ändern wird.

Momentan dauert die Hängepartie also noch an – was macht „Kevin allein zu Haus“ den ganzen Tag im Basketball-Zentrum?

Arbeit ist tatsächlich noch ein bisschen da, und der März war unfassbar stressig. Jetzt wird es ein bisschen ruhiger. Wir haben den Geschäftstellenmitarbeitern frei gestellt, ob sie ins Basketball-Zentrum kommen oder von zu Hause arbeiten wollen. Deshalb ist auch manchmal noch jemand anders da.

Die Fans der BG stehen wieder mal einträchtig hinter ihrem Klub. Sie fordern kein Geld zurück, und viele von ihnen haben sogar schon den Erwerb von Dauerkarten für die kommende Saison fest zugesagt. So etwas muntert auf, oder?

Wenn hier das Telefon klingelt, dann sind es überwiegend positive Rückmeldungen. Rückforderungen kommen nur ganz, ganz selten vor. Ich finde die Aktion der Fans wirklich ganz toll, und das ist definitiv auch gut für die Moral.