25. August 2020 / 14:56 Uhr

Damals war's: 18 .500 Fans der BSG Chemie Leipzig feiern Wolfgang Lischke in Unterhose

Damals war's: 18 .500 Fans der BSG Chemie Leipzig feiern Wolfgang Lischke in Unterhose

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Wenn Fans einem Fußballer sprichwörtlich an die Wäsche gehen. Wolfgang Lischke erlebt das am 30. Juni 1979.
Wenn Fans einem Fußballer nicht nur sprichwörtlich an die Wäsche gehen. Wolfgang Lischke erlebt das am 30. Juni 1979. © Westend-Presseagentur / Pampel
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In diesem Jahr feiert eine der traditionsreichsten Spielstätten des Leipziger Fußballs ihren 100. Geburtstag – der Alfred-Kunze-Sportpark. Unzählige Fußballspiele fanden seither dort statt und zogen die Massen in ihren Bann - erst die TuRa, dann Chemie, später der FC Sachsen und nun wieder die BSG Chemie. Wir stellen in einer zehnteiligen Reihe die spannendsten und denkwürdigsten Spiele vor.

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Leipzig. Es war das letzte Spiel der Oberliga-Aufstiegsrunde 1979. Am 30. Juni ging es um alles, 18.500 Zuschauer wussten: Es wird knapp. Denn die BSG Chemie Leipzig hatte nicht die beste Ausgangsposition. Nach einer Punkteteilung zum Start gegen den FC Vorwärts Frankfurt in Leutzsch (2:2), siegte man zwar gegen die ZSG Bau Rostock und Motor Suhl, blieb aber in Cottbus (0:0) und Frankfurt (0:1) tor- und punktlos. Als nach einem offensichtlich parteiischen Auftritt von Schiedsrichter Prokop in Suhl, der mit einem 0:1 und einem Platzsturm durch hunderte Chemie-Anhänger endete, Motor Suhl plötzlich die bessere Ausgangsposition hatte, war das große Zittern angesagt.

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Blinder Wunderheiler soll helfen

Mindestens ein Punkt musste im Rückspiel gegen Cottbus her, Suhl musste in Frankfurt verlieren. Keine leichte Aufgabe, zumal Chemies Torjäger Wolfgang Lischke permanente Verletzungsprobleme hatte und seinen 13 Liga-Toren in jenen Aufstiegsduellen kein einziges hinzufügen konnte.

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„Ich hatte mich am Knöchel verletzt und war stark gehandicapt. Wir haben dann die Hilfe des bekannten blinden Wunderheilers Arnold Staudinger aus dem Erzgebirge gesucht und siehe da: Er bekam mich wieder hin“, erinnert sich Lischke. Zumindest für die Zeit des Spiels reichte die Wirkung, danach stellte sich wieder der Schmerz ein: „Es tat höllisch weh.“ Gegen Cottbus durfte der Heiler wieder ran und bekam Lischke mit 15 Akkupunkturnadeln rechtzeitig fit. Der lief zu Hochform auf. In der 18. und 20. Minute traf er ins Lausitzer Tor, und als zur Halbzeit der Stand von 5:0 für Frankfurt über die Transistorradios bekannt wurde, wurden die Chemiker unkonzentriert und verspielten in Vorfreude ihren Vorsprung beinahe noch, retteten aber das 2:2 über die Zeit.

Kurzes Abenteuer Oberliga

Dann brachen alle Dämme. Die Fans enterten die Zäune und stürmten das Spielfeld, um mit ihren Idolen zu feiern. Besonders auf Wolfgang Lischke, der damals sogar in einem eigenen Fanlied besungen wurde („Oh mein Wolfgang, schieß noch eins“), hatten es die begeisterten Anhänger abgesehen. Bar jedes Kleidungsstückes, nur die Unterhosen waren ihm geblieben, rettete sich Lischke in beherztem Slalomlauf in die Kabine, ehe er völlig entblättert wurde. Das Foto seines Laufes bekam Kultstatus, als es in der Saitirezeitschrift „Eulenspiegel“ abgedruckt wurde.

Wolfgang Lischke im Sprint um seine Unterhose. Bis in die Kabine konnte er das Textil verteidigen.
Wolfgang Lischke im Sprint um seine Unterhose. Bis in die Kabine konnte er das Textil verteidigen. © Privat

Das Abenteuer Oberliga endete mit dem sofortigen Abstieg der BSG, die ihre besten Spieler nach den Beschlüssen der DDR-Sportpolitik an die Leistungszentren abgeben musste. Dutzende talentierte Nachwuchs- und Männerspieler wechselten zum 1. FC Lok, ohne dass es die geringste Entschädigung dafür gab. Etliche wurden Auswahlspieler oder kickten lange in der Oberliga, wie etwa Zötzsche, Altmann, Baum und viele andere.

Die siebziger Jahre brachten den Leutzschern noch viele Höhepunkte, doch es war ersichtlich, dass die DDR-Sportpolitik (im negativen Sinne) Früchte trug. Nur fünf Saisons der siebziger Jahre spielten die Grün-Weißen in der Oberliga. Den Rest verbrachten sie in Liga zwei.