11. September 2020 / 11:06 Uhr

Damals war's: Als die BSG Chemie Leipzig Rekorde aller Art pulverisierte

Damals war's: Als die BSG Chemie Leipzig Rekorde aller Art pulverisierte

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Mai 1983, 2. Liga: Chemie-Spieler Frank Kühne vergibt eine Riesenchance gegen Rostock, 20 000 Zuschauer leiden mit.
Mai 1983, 2. Liga: Chemie-Spieler Frank Kühne vergibt eine Riesenchance gegen Rostock, 20 000 Zuschauer leiden mit. © Thomas Härtrich
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Der Alfred-Kunze-Sportpark feiert 100. Geburtstag. Unzählige Fußballspiele zogen die Massen in ihren Bann – TuRa, Chemie, der FC Sachsen und nun wieder die BSG Chemie hatten und haben in Leutzsch ihre Heimstätte. Wir stellen in einer zehnteiligen Reihe die denkwürdigsten Spiele vor. Heute: die achtziger Jahre. 

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Leipzig. Die BSG Chemie war durch die sportpolitischen Maßnahmen der DDR endgültig in die zweite Reihe des hiesigen Fußballs gerückt. Begann das Jahrzehnt mit einer Oberliga-Saison 1979/80 und drei Serien in der Liga, konnte man in Leutzsch Mitte der 80er zweimal hintereinander in der höchsten Spielklasse, der Oberliga, mitspielen. Bis zum Ende des Jahrzehnts dümpelte man in Liga 2, weil man nun mittlerweile nicht mal mehr die abtrainierenden Altstars von Lok erhielt, die es wegen besserer Bezahlung und gelenkter Kaderpolitik eher nach Böhlen oder Markkleeberg zog.

Ideale Mischung aus Talenten und Routiniers

Chemie absolvierte immerhin drei denkwürdige Saisons, die stimmungs- und zuschauertechnisch an die großen Jahre erinnerten. Denkwürdig besonders die Liga-Saison 1982/83, als man alle möglichen Zuschauerrekorde pulverisierte. Die Leutzscher hatten endlich eine Truppe, die ganz oben angreifen und um den Aufstieg mitspielen konnte.

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Mit Saumsiegel und Bellot, Norman Schubert, Illge, Leitzke, Reimer, Weiß, Andreßen, Fritzsche, Fritsche, Kaubitzsch, Stieglitz, Graul, Barth und Breitkopf hatte man eine ideale Mischung aus Talenten und Routiniers zusammen. Von Beginn an gab es einen harten Zweikampf mit Vorwärts Dessau. Die mit dem späteren Chemiker Uwe Ferl aufgepeppte Armeetruppe wäre in der anderen der fünf Ligastaffeln souverän Erster geworden, nur eben nicht in der Staffel C, wo Chemie dominierte.

Kulminationspunkt war das Aufeinandertreffen der Kontrahenten in Leutzsch. 17.500 (!) Fans bevölkerten den damaligen Georg-Schwarz-Sportpark, Chemie gewann 2:0 und der eigentlich stocksteife Fernsehmoderator Uwe Grandel machte sich in Leutzsch unsterblich durch den Satz: „Nach dem Tor von Reimer hatten viele eine Träne im Augenwinkel“. Unglaubliche Zuschauermassen zogen die Grün-Weißen damals an: 12.500 gegen Chemie Buna Schkopau, 15.000 und 13.500 in den Duellen gegen Chemie Markkleeberg, 11.000 gegen Stendal.

Erfolgreichste Profimannschaft Europas

Auch auswärts waren Massen unterwegs, wie man es kaum kannte: 6000 nach Dessau und Schkopau, Tausende zu den Fahrten in den Harz. Und dann kam die Aufstiegsrunde – und neue Rekorde. Jeweils 20.000 Fans kamen gegen Schifffahrt/Hafen Rostock und Stahl Brandenburg ins Stadion, Chemie war nicht zu stoppen. Allein 10.000 Leipziger fuhren am 1. Mai 1983 nach Gera, wo ihrer Elf ein 2:0-Sieg gelang. Mittelfeldspieler Matthias Weiß bezeichnete diese Saison und die darauffolgende, als man den Klassenerhalt in den unvergessenen Relegationsspielen gegen Union Berlin schaffte, als „die wichtigste und erfolgreichste für Chemie seit der 64er, als Chemie Meister wurde“.

Zwar nur in der 2. Liga, dafür aber mit einer Niederlage und zwei Remis als erfolgreichste Profimannschaft Europas in jenem Jahr. Trainer Wolfgang Müller ist inzwischen verstorben, die Mannschaft sieht sich selten. Im Stadion werden ab und an Stieglitz, Schleier, Leitzke, Graul und Kaubitzsch gesichtet, Harald Bellot ist als Torwartrainer Teil des Teams der aktuellen BSG Chemie.