29. März 2022 / 07:42 Uhr

Damals war's: Westmark, Ferngläser-Verkauf und "Schmuggel" dank Europapokal

Damals war's: Westmark, Ferngläser-Verkauf und "Schmuggel" dank Europapokal

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Perry Bräutigam heute und damals. Links posiert er vor der Leipziger Nikolaikirche und rechts konnte der damalige Schlussmann von Carl Zeiss Jena das Tor von Friedhelm Funkel im UEFA-Cup-Spiel (1986) gegen Bayer 05 Uerdingen nicht mehr verhindern.
Perry Bräutigam heute und damals. Links posiert er vor der Leipziger Nikolaikirche und rechts konnte der damalige Schlussmann von Carl Zeiss Jena das Tor von Friedhelm Funkel im UEFA-Cup-Spiel (1986) gegen Bayer 05 Uerdingen nicht mehr verhindern. © Modla / Imago/Horstmann
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Als RB Leipzigs Club-Repräsentant ist Perry Bräutigam weit über die Grenzen der Messestadt hinaus im Einsatz. Das galt auch für die aktiven Zeiten des Torhüters, der im europäischen Wettbewerb mit dem FC Carl Zeiss Jena nicht nur sportlich Spannendes erlebt hat. Auch neben dem Platz ging es bisweilen mehr als aufregend zu. Im Interview mit LVZ-Sportchefin Antje Henselin-Rudolph erinnert sich der gebürtige Altenburger an allerlei Anekdoten.

Leipzig. Mindestens zwei Spiele in der Europa League hat RB Leipzig in den kommenden Wochen vor der Brust. Einer, der weiß, wie europäischer Wettbewerb geht, ist Perry Bräutigam. Der RB-Repräsentant, der am Dienstag seinen 59. Geburtstag feierte, erlebte die kontinentale Fußballbühne in den 80er Jahren mit dem FC Carl Zeiss Jena. Im Interview erinnert er sich an torreiche Partien, Extra-Prämien und Angst an der Staatsgrenze.

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SPORTBUZZER: Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Auftritte im UEFA-Pokal?

Perry Bräutigam: Meine ersten Spiele habe ich mit Carl Zeiss Jena gegen Bayer 05 Uerdingen in der Saison 1986/87 gemacht. Wir haben dort 0:3 verloren. Zu Hause sind wir dann nach einem sehr guten Spiel, in dem wir 60 Minuten lang alles versucht haben, ein bisschen eingebrochen und haben noch 0:4 verloren. Das war die Ära Funkel, Bierhoff, Witeczek. Uerdingen hatte im Vorjahr Dynamo Dresden weggefiedelt. Das war eine starke Truppe.

Auch damals haben Spieler stark auf europäische Spiele hingefiebert. Wie bitter ist dann so eine deutliche Pleite im Hin- und Rückspiel?

Gar nicht. Für mich war das ein absolutes Highlight. Für solche Momente habe ich als Kind angefangen zu spielen. Wir konnten ja dank Westfernsehen ein bisschen “nach drüben“ gucken. Meine Vorbilder waren unter anderem Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Uli Hoeneß, Gerd Müller – deswegen bin ich als Kind Bayern-Fan geworden. Im Europapokal war es möglich, solchen Größen zu begegnen. Natürlich hast du dir ganz viel vorgenommen, wolltest richtig gute Spiele machen. Und dann passiert das. Die haben uns da schon ziemlich an die Wand gespielt, so wie sie es im Vorjahr mit Dresden gemacht hatten.

Sieben Gegentore in zwei Spielen sind reichlich, gerade aus Torwartsicht. Waren von diesen Toren welche verhinderbar?


Das Kuriose war, dass mir alle eine gute Leistung bescheinigt haben. Oliver Bierhoff hat im Hinspiel eines seiner ersten Tore überhaupt gemacht, Rudi Bommer verwandelte einen Elfmeter und dann hat Friedhelm Funkel getroffen, der später noch mein Trainer war. In Jena haben sie uns dann ausgekontert. Ich denke, es war keine richtige Lusche dabei, die ich hätte halten müssen oder können.

Wie muss man sich Spiele im europäischen Wettbewerb in den Achtzigern abseits des Platzes vorstellen?

Wir sind einen oder zwei Tage vorher angereist. Gespielt wurde mittwochs, meistens zeitgleich. Diese Aufsplittung der Termine, die heute gang und gäbe, gab es damals nicht. Wenn unsere Jungs heute mit großer Delegation unterwegs sind, sind die einheitlich gekleidet. Wir sind in Zivilklamotten geflogen. Da hatte jeder sein Zeug von daheim an. Heute fahren Busse und Zeugwarte vor, nehmen Trainings- und Spielklamotten mit. Wir haben das selbst in Kisten gepackt, und diese dann in den Bus und dann manchmal auch in den Flieger getragen. Das war alles noch deutlich anders. Da gab es auch keinen so großen Staff rund ums Team. Wir hatten einen Mannschaftsleiter, der sich um Formalien und Gepäck gekümmert hat. Die Spieler mussten mit anfassen, die Jüngeren zuallererst. Heute ist alles viel professioneller organisiert und wird auch medial ganz anders begleitet. Wenn wir aus dem Ausland zurückkamen und ein Journalist hielt dir am Flughafen ein Mikrofon entgegen, war das eine Seltenheit.

DURCHKLICKEN: Bilder aus der Karriere von Perry Bräutigam

25. August 1986: Die Mannschaft des FC Carl Zeiss Jena beim Fototermin für die Saison 1986/87. Obere Reihe von links: Jürgen Raab, Thomas Ludwig, Heiko Peschke, Jörg Burow, Andreas Bielau, Jens-Uwe Penzel und Mario Röser. Mittlere Reihe von links: Assistenztrainer Jürgen Werner, Robby Zimmermann, Thomas Schmiecher, Perry Bräutigam, Karsten Härtel, Jürgen Köberlein, Andreas Krause und Trainer Lothar Kurbjuweit. Vordere Reihe von links: Wolfgang Schilling, Matthias Pittelkow, Henry Lesser, Stefan Böger und Gert Brauer. Auf dem Foto fehlen Stefan Meixner, Volker Probst und Michael Stolz. Zur Galerie
25. August 1986: Die Mannschaft des FC Carl Zeiss Jena beim Fototermin für die Saison 1986/87. Obere Reihe von links: Jürgen Raab, Thomas Ludwig, Heiko Peschke, Jörg Burow, Andreas Bielau, Jens-Uwe Penzel und Mario Röser. Mittlere Reihe von links: Assistenztrainer Jürgen Werner, Robby Zimmermann, Thomas Schmiecher, Perry Bräutigam, Karsten Härtel, Jürgen Köberlein, Andreas Krause und Trainer Lothar Kurbjuweit. Vordere Reihe von links: Wolfgang Schilling, Matthias Pittelkow, Henry Lesser, Stefan Böger und Gert Brauer. Auf dem Foto fehlen Stefan Meixner, Volker Probst und Michael Stolz. ©

Wenn Sie unterwegs waren: Bus oder Flugzeug?

Je nachdem. Nach Uerdingen sind wir mit dem Bus gefahren. Das war natürlich eine längere Anreise von Jena aus. Dann mussten wir über die Grenze. Das war nicht immer ganz einfach. Bei den älteren Grenzbeamten kam da schon Neid auf, wenn sie uns junge Burschen gesehen haben. Wir mussten uns Sprüche anhören, vor allem auf der Rückreise: „Ist denn einer weggeblieben?“ Natürlich wurden wir dann auch sehr genau durchgecheckt, zum Beispiel wurde nach Zeitschriften gesucht, der Bus von unten geprüft.

Aber es gab auch Flugreisen?

Wenn wir geflogen sind, dann immer Linie. Das galt auch für die Nationalmannschaft. Charterflüge waren die absolute Ausnahme. Die gab es einmal, als wir mit Jena 1988 bei Sampdoria Genua gespielt haben. Zeitgleich musste der 1. FC Lok Leipzig beim SSC Neapel ran. Da gab es einen gemeinsamen Charterflug. Erst wurden wir in Genua abgesetzt, Lok flog weiter nach Neapel. Auf dem Rückweg wurden wir dann eingesammelt, um die Reise möglichst effizient für beide Mannschaften zu gestalten.

Heute gibt es für Spieler teilweise hohe Prämien für das Erreichen der nächsten Runde in Europa. Wie war das damals?

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Also mal zur Einordnung – heute kann ich da ja entspannt drüber reden. Als ich damals von Hans Meyer nach Jena geholt worden bin, habe ich im Monat 650 Mark bekommen. Dann konnte ich mich nach oben arbeiten. Als ich Auswahlspieler war, lag mein höchster Verdienst bei 1200 Mark monatlich. Der Durchschnittsverdienst in der DDR lag so bei 500 bis 600 Mark. Prämien gab es natürlich auch. Die kamen dann von Wolfgang Biermann, dem Chef des Carl-Zeiss-Werkes, das international hoch angesehen war. In der Liga gab es nur ein paar Mark. Aber weil Carl Zeiss bei europäischen Spielen ja auch Botschafter nach außen war, konnte es da pro Runde schon bis zu 1000 Mark extra geben.

Sachprämien gab es also nicht?

Nein. Aber noch etwas anderes. Unser Club-Vorsitzender war gut befreundet mit Wolfgang Biermann. Wenn wir ins sogenannte kapitalistische Ausland gefahren sind, haben wir einen Packen Ferngläser von Carl Zeiss mitgenommen. Die waren im Ausland sehr teuer. Unser Vorsitzender hat diese dann - wenn er mit uns unterwegs war - im Paket verkauft, natürlich günstiger als im Laden. Das Geld, was er so eingenommen hat, hat er an uns Spieler verteilt. Wir haben ja ein Tagesgeld von 15 Westmark oder der jeweiligen Landeswährung bekommen. Durch den Verkauf der Ferngläser hat jeder nochmal 50 oder 60 Westmark zusätzlich bekommen.

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Wofür ging dieses Westgeld drauf?

Wir Spieler haben ein bisschen gespart, uns bei der nächsten Gelegenheit einen Videorecorder oder CD-Player gekauft und den dann herübergeschmuggelt. Da saßen wir dann im Bus – im Flieger konntest du das nicht machen – und hatten Angst aufzufliegen. Ich habe mir den Karton unter die Füße gestellt, eine Decke drübergelegt und so getan, als wäre das eine Tasche.

Der Videorecorder hatte ohne Kassetten aber wenig Nutzen.

Die haben wir natürlich auch noch besorgt. Auf dem Schwarzmarkt gab es was. Da hatten wir schon unsere Quellen. Manches wurde dann überspielt. Da konnte man das Bild gar nicht richtig sehen, weil ein Gries-Schleier darüber lag. Aber die ersten Actionfilme mit Stallone und Schwarzenegger - die haben wir alle geguckt.

Zurück in die Gegenwart. RB hat ein Mammutprogramm vor sich: acht Spiele in einem Monat, darunter das Viertelfinale in der Europa League gegen Atalanta Bergamo. Was raten Sie den Spielern?

Ja, es sind in der Tat viele Partien und intensive Wochen im April. Trotzdem sollten die Jungs jedes Spiel genießen, jedes Mal mit einem Lächeln im Gesicht auf den Platz gehen, einfach weil es so großartig ist, auf diesem Niveau Fußball spielen und sich mit so hochkarätigen Gegner messen zu können. Sie stehen noch in drei Wettbewerben. Diese Situation und Chance kommt nicht so oft.