01. Mai 2019 / 06:00 Uhr

Premier-League-Aufsteiger Farke: „In Deutschland wartet man darauf, dass Trainer-Talente abstürzen“ 

Premier-League-Aufsteiger Farke: „In Deutschland wartet man darauf, dass Trainer-Talente abstürzen“ 

Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Daniel Farke ist mit Norwich City in die englische Premier League aufgestiegen.
Daniel Farke ist mit Norwich City in die englische Premier League aufgestiegen. © Getty
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Daniel Farke ist mit Norwich City in die Premier League aufgestiegen und wird dort zweiter deutscher Trainer neben Jürgen Klopp. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der 42-Jährige über den „sensationellen“ Aufstieg, die Qualität im englischen Fußball und die Wertschätzung deutscher Trainer im In- und Ausland.

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SPORTBUZZER: Herr Farke, herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg. Es heißt, dass Jürgen Klopp ihnen die Daumen gedrückt hat. Hat er auch schon gratuliert?

Daniel Farke: Vielen Dank, der Aufstieg ist ein außergewöhnliches Erlebnis für alle, die involviert waren. Jürgen hat mit einigen meiner Spieler in Dortmund und Mainz zusammengearbeitet. Er hat erwähnt, dass das erste Ergebnis, auf das er in England schaut, das von Norwich ist. Ich bin mir sicher, dass er die Daumen gedrückt hat. Er ist momentan darauf konzentriert, mit Liverpool erfolgreich zu sein. Er ist also nicht dazu gekommen, einen Kuchen zu backen – aber das wird ja vielleicht noch folgen.

Ist er für sie ein Vorbild, als erster deutscher Trainer, der in England erfolgreich war?

Wenn man auf dem Niveau arbeitet, hat man kein Vorbild mehr. Jürgen ist ein Weltklassetrainer. Er hat über lange Zeit Qualität abgeliefert – in Mainz, in Dortmund und jetzt in Liverpool. Er ist Meister geworden, Pokalsieger, stand in Champions-League-Endspielen und leistet in Liverpool unfassbare Arbeit. Ich bin weit davon entfernt, mich mit anderen zu vergleichen. Ich denke auch, dass unser Ansatz verschieden ist.

Die kennt man doch: Diese Spieler stehen in Norwich unter Vertrag

Daniel Farke hat Norwich City in die Premier League geführt. An Bord sind zahlreiche Deutsche und Spieler mit Bundesliga-Vergangenheit. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt die Bundesliga-Importe der „Canaries“ in der Galerie. Zur Galerie
Daniel Farke hat Norwich City in die Premier League geführt. An Bord sind zahlreiche Deutsche und Spieler mit Bundesliga-Vergangenheit. Der SPORTBUZZER zeigt die Bundesliga-Importe der „Canaries“ in der Galerie. ©
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Sie haben gesagt, sie würden gern immer 100 Prozent Ballbesitz haben.

Es gibt den Ansatz, zu pressen und im Umschalten gut zu sein. Unsere Vorstellung dagegen ist, im Ballbesitz kreativ zu sein. Wir werden immer unzufrieden sein, wenn der Gegner den Ball hat.

Premier-League-Neuling Farke: „Es war nicht mein Ziel, Trainer zu werden“

Ist es Zufall, dass vier der fünf deutschen Trainer in der Premier-League-Historie beim BVB waren?

Jürgen Klopp ist Liverpool-Trainer, weil er eine sehr hohe Qualität hat und damals in Dortmund sehr erfolgreich gearbeitet hat. Wenn das der Fall ist, interessieren sich die besten Vereine für dich. Was meinen Wechsel nach England betrifft, war es Zufall, dass ich für den BVB tätig war.

2015 waren sie noch Trainer des SV Lippstadt in der fünften Liga. Was hätten sie demjenigen gesagt, der ihnen binnen vier Jahren den Sprung in die Premier League prophezeit hätte?

Das weiß ich gar nicht. Ich hatte nie einen Karriereplan. Es war nicht mein Ziel, Trainer zu werden. Ich habe mir das zunächst gar nicht vorstellen können.

Daniel Farke übernahm Norwich City im Sommer 2017.
Daniel Farke übernahm Norwich City im Sommer 2017. © imago images / ActionPictures

Sie waren erst Sportdirektor.

Ich habe Betriebswirtschaft studiert und die Trainerscheine nur gemacht, um Kompetenzen zu erwerben. Ich hatte nach meiner Karriere das Glück, hauptamtlich auf vergleichsweise geringem Niveau arbeiten zu können. Spätestens beim Fußballlehrer war klar, dass ich Trainer werde. Ich bin vorbereitet, auf absolutem Topniveau zu arbeiten.

„Wir gehen die Premier League weder aufgeregt noch mit unfassbarer Vorfreude an“

Dazu haben Sie jetzt Gelegenheit.

Das dürfen wir jetzt, das haben wir auch bisher schon. So riesig sind die Unterschiede bei allem Respekt auch nicht. Wir wissen, dass die Premier League eine noch größere Herausforderung ist, aber wir gehen sie weder aufgeregt noch mit unfassbarer Vorfreude an. Es ist fast schon Normalität.

Sie haben den Aufstieg als „komplett unerwartet“ bezeichnet. Sie sind seit 2017 an Bord, haben mit Sportdirektor Stuart Webber den Verein auf links gezogen. Fast die komplette Mannschaft ist neu, auch hinter den Kulissen hat sich vieles verändert.

Ich habe mich für Norwich entschieden, weil es die größte Herausforderung war. Es gab auch in Deutschland gute Alternativen auf Topniveau. Mich hat gereizt, einen Traditionsverein zu führen. Euphorie und Erwartungshaltung sind riesig. Die Realität sah lange anders aus. Norwich war in Sachen Finanzen und Kaderstruktur in einer schwierigen Lage. Es ging darum, dem Verein gemeinsam mit Sportdirektor Stuart Webber eine Identität zu geben – Spielidee, Arbeitsethos und Werte, für die wir stehen wollen. Wir haben in den letzten 20 Monaten einen Transferüberschuss von mehr als 60 Millionen Euro erwirtschaftet, das ist rekordverdächtig in Westeuropa. Hier in England wird sehr viel in Ablösesummen und Gehälter investiert. Wir sind ein Klub, der sich aus sich selbst heraus finanzieren muss, weil unsere Eigentümer keine Investoren sind, die Unsummen in den Verein pumpen. Wenn du dieses Paket als erster ausländischer Trainer der Klubgeschichte und Nichtmuttersprachler bewältigst, dann bist du im Fußball auf alles vorbereitet.

Mehr zum Aufstieg

Was bedeutet der Aufstieg?

Schon im zweiten Jahr die Rückkehr in die Premier League zu realisieren ist sensationell. Hier in England wird im Blätterwald vom „Wunder von Norwich“ gesprochen, weil wir alle Regeln, die dieses Geschäft vorgibt, gebrochen haben – dass man erfahren sein muss, dass man viel Geld ausgeben muss, dass man mit einer jungen Truppe nicht konstant sein kann in der härtesten Liga der Welt. Es ist ein großer Stolz, den ich für alle Beteiligten empfinde. Wir sind drei, vier Jahre vor unserer Planung.

„Als Bundesligist hast du 34 Spieltage plus ein, zwei Pokalrunden – hier musst du alle drei Tage liefern“

Sie haben die Liga angesprochen: 46 Spiele, zwei Pokale, potenziell Play-offs. Wie hat das ihre Arbeit verändert?

Wir haben in beiden Jahren jeweils über 50 Pflichtspiele gehabt. Das ist auf dem Niveau von Bayern und Dortmund, wenn sie ins Champions-League- und Pokalfinale kommen. Es ist einfacher, wenn du als Bundesligist 34 Spieltage plus ein, zwei Pokalrunden hast. Man kann sich Woche für Woche konzentriert auf den Gegner vorbereiten. Hier muss man alle drei Tage abliefern. Es ist eine gute Schule.

In ihrem Kader erkennt man viele Deutsche oder Spieler mit Bundesliga-Vergangenheit. Zufällig?

Der Reisepass spielt keine Rolle. Entscheidend sind drei Dinge: Qualität, Charakter und Identifikation mit unseren Zielen. Wir haben eine klare Idee, wie wir spielen und arbeiten wollen. Der erste Blick geht immer in den einheimischen Markt, weil die Spieler keine Eingewöhnung brauchen. Dieser Markt ist aber finanziell überhitzt. Wir können nicht mitbieten, müssen deshalb kreativ sein. Wir scouten viel im Ausland; auch in Deutschland, wo ich ein gutes Netzwerk habe.

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Dennoch werden sie sich verstärken – müssen Bundesligisten um ihre Leistungsträger fürchten?

Die Möglichkeiten sind nach dem Aufstieg zwar besser, aber in der Premier League gibt es andere Hausnummern. Im Budget werden wir von 20 Klubs auf Platz 20 stehen. Erneut lautet die Aufgabe, den Mount Everest zu besteigen. Aber wir haben keine Angst und werden nicht durchdrehen.

„Die Premier League ist ohne Zweifel die beste Liga der Welt“

International stellen die englischen Klubs die deutschen in den Schatten. Ist die Premier League die beste Liga der Welt?

Die Premier League ist ohne Zweifel die beste Liga der Welt. Natürlich helfen die TV-Gelder. Aber der Erfolg hat sich angebahnt. England hat zuletzt viele Titel im Juniorenbereich gewonnen, weil man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und in die Entwicklung von Talenten investiert hat. Mit Verzögerung ziehen jetzt Klubs und Nationalmannschaft nach. Das war in Deutschland auch so, wo die Fehler der 1990er dazu geführt haben, dass es ab 2010 Erfolge gab – mit dem Champions-League-Titel der Bayern und der WM 2014. Der englische Fußball macht vieles richtig. Ich bin überzeugt, dass eine Gegenbewegung folgen wird, Erfolg führt oft zu Stagnation. Diese Entwicklung haben wir in Deutschland erlebt. Ich glaube aber, dass wir dabei sind, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Wir müssen sagen: Die Engländer haben uns überholt. Auch, weil der Pool der Talente riesig ist.

In Deutschland gibt es Kritik an ihrer Trainergeneration und der Jugendarbeit. Felix Magath hat im SPORTBUZZER vor einem „Trend zur Verwissenschaftlichung“ gewarnt. Was sagen sie dazu?

Das kann man nicht pauschal beurteilen. Es gibt in allen Nationen gute und schlechte Trainer. Die deutsche Ausbildung wird im Ausland viel positiver beurteilt, als das in Deutschland der Fall ist. Als Trainer muss man sehr komplexe Fähigkeiten in Menschenführung und Taktik haben, wenn man auf Topniveau arbeiten will. Tendenziell hat das zur Folge, dass wir Spezialisten ausbilden, bei denen die anderen Bereiche vielleicht nicht so ausgereift sind.

Mehr zum Magath-Interview

Zum Beispiel?

Wenn ein junger Trainer nicht aktiv gespielt hat und mit 21 Coach wird, dann hat er mit 30 zwar eine große Erfahrung. Aber du kannst von deiner Persönlichkeitsstruktur im Normalfall gar nicht so ausgereift sein, eine Profitruppe unter Druck zu führen.

„Die Wertschätzung für Trainer ist in England wesentlich größer“

Ist die Wertschätzung dem Trainerberuf gegenüber im Ausland eine andere?

So nehme ich das wahr. Ich kann für England sprechen: Hier ist sie wesentlich größer als das, was momentan in Deutschland abgeht, wo ich das Gefühl habe, dass viele Personen aus dem Geschäft und der Öffentlichkeit darauf warten, dass ein Trainer nicht erfolgreich ist und abstürzt. Wir haben in Deutschland die Tendenz, uns an diesem Misserfolg oder dem Scheitern vielleicht nicht unbedingt zu erfreuen, aber dass der Respekt vor dieser Position häufig nicht so dargebracht wird. Da ist es normal, dass Trainer – so sie denn die Wahl haben – sagen: Wir bevorzugen, da zu arbeiten, wo dieser Wertigkeit Rechnung getragen wird. Es gibt in Deutschland Vereine, die ihre Trainer schützen und für sie da sind. Man hat aber das Gefühl, dass es angenehmere Jobs gibt, wenn das nicht der Fall ist.

Wie ist das in England?

Die Presse ist streng, der Druck hoch. Ich bin seit zwei Jahren hier und fast der dienstälteste Trainer der Liga. Nur: Der Ton macht die Musik. Ich empfinde die Berichterstattung und den Umgang der Fans hier oft als scharf, aber fair und nicht von Neid und Missgunst geprägt. Wenn man in England gearbeitet hat, braucht einem in Deutschland vor keiner Aufgabe bange zu sein. Der Umgang allerdings ist hier ein Stück weit respektvoller.

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