04. Februar 2016 / 17:49 Uhr

Dardai: "Ich war ein kleines Monsterchen"

Dardai: "Ich war ein kleines Monsterchen"

Jens Masslich
Dresdner Neueste Nachrichten
Pal Dardai (r.) im Gespräch mit MAZ-Reporter Stephan Henke.
Pal Dardai (r.) im Gespräch mit MAZ-Reporter Stephan Henke. © Tanja M. Marotzke
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Bundesliga: Der Hertha-Coach zieht im exklusiven Interview Bilanz über sein erstes Jahr und verrät seine beste Entscheidung.

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Vor genau einem Jahr leitete Pal Dardai als Nachfolger von Jos Luhukay das erste Training bei Hertha BSC. Von einem Abstiegskandidaten hat er den Fußball-Bundesligisten auf Rang drei geführt. Im exklusiven MAZ-Interview erzählt er vor dem Spitzenspiel am Samstag (15.30 Uhr, Olympiastadion) gegen den Zweiten Borussia Dortmund von den Ratschlägen seines Vaters Pal Senior, heiteren Momenten beim Lauftrainingslager in Bad Saarow (Oder-Spree) und seinen schwersten Momenten als Hertha-Trainer.

Herr Dardai, was ging Ihnen auf der Autofahrt zur Hertha-Geschäftsstelle durch den Kopf, nachdem sie in der Nacht zum 5. Februar 2015 ins Büro von Manager Michael Preetz gebeten wurden?

Pal Dardai: Nicht viel. Da habe ich mir schon gedacht, dass sie nicht einfach irgendeinen Rat wollen, sondern mir etwas sagen oder anbieten wollen. Ich habe zugehört und gesagt, ich gehe nach Hause und schlafe eine Nacht darüber. Am nächsten Tag habe ich noch ein Kopfballspiel-Einzeltraining für einen Jugendspieler gemacht, weil ich es ihm versprochen habe. Und am Nachmittag habe ich das erste Training geleitet.

Da Sie sich schon gedacht haben, worum es geht, hatten Sie schon mit Ihrer Frau gesprochen?

Dardai: Meine Frau hat erste Liga Handball gespielt, sie hat Ahnung, wie die Sache läuft. Wir haben nur gedacht, das könnte etwas viel sein. Hertha-Trainer, ungarische Nationalmannschaft, schon hart. Es war ein sehr schwieriges erstes halbes Jahr, das ist eine geistige Belastung. Als Sportler gehst du nach Hause, oft ist dein Körper müde. Du isst, du schläfst, alles wunderbar. Diese geistige Müdigkeit ist etwas anderes.

Wenn Sie solche Entscheidungen treffen, sind Sie da eher Bauch- oder Kopfmensch?

Dardai: Ich höre auf meine innere Stimme, auf meinen Bauch. Das war beim Angebot der ungarischen Nationalmannschaft genauso. Meine Frau, mein Vater, meine besten Freunde, alle haben mir abgeraten. Mein Vater hat richtig mit mir geschimpft, er meinte: Du machst deine Karriere kaputt. Aber ich habe es doch gemacht – und war erfolgreich, ich bin so ein sturer Bock (lacht).

Wer gibt sportliche Ratschläge?

Dardai: Ich lasse mich da nicht manipulieren. Ich rede nur mit meinem Vater, mit Rainer (Widmayer, Co-Trainer, d.Red.) und mit dem Manager.  Wozu? Warum? Das bringt nichts. Ein Beispiel: Mein Vater hat immer erzählt, als er in Ungarn in der 1. Liga gespielt hat, da haben sie jahrelang gesagt: Der Mannschaftsarzt macht die Wechsel. Der sitzt neben dem Trainer und sagt: Pal macht nur Fehlpässe. Und als Trainer denkst du irgendwann, das stimmt. Aber der Trainer hat ihn in einem Spiel nicht ausgewechselt und mein Vater machte in der 90. Minute das Siegtor. Der Trainer stand auf und sagte: Siehst du, Docki, deswegen wechsle ich nicht Pal aus (lacht). Du sollst dich nicht so viel mit dem beschäftigen, was andere sagen.

Fällt es Ihnen dann schwer, Entscheidungen abzugeben?

Dardai: Bis die Kollegen kommen, reden Rainer und ich schon miteinander, was wir machen. Und am Ende fühle ich mich bestätigt von ihm oder nicht. Aber die Entscheidung ist am Schluss eh meine, weil ich die Verantwortung habe.

Die Hertha hat allerdings entschieden, dass Sie nicht mehr Nationaltrainer von Ungarn sein können. Wie hätten Sie entschieden?

Dardai: Ich hätte sehr gerne bis zum Ende der EM-Qualifikation weitergemacht und vor der EM aufgehört. Es dauerte ein paar Tage, bis ich es verkraftet habe, aber es war auch logisch. Und jetzt ist es wunderbar, weil Ungarn es mit Bernd Storck geschafft hat.

Am Anfang der Saison hat die Mannschaft einige Tore nach Standardsituationen kassiert. Sie haben es dem Team überlassen, ob es weiter Manndeckung praktizieren möchte oder im Raum. Warum?

Dardai: Wenn ich sage, die Manndeckung ist besser und das Team hat aber damit so viele negative Erfahrungen, dann musst du mit der Mannschaft reden. Das ist Vertrauenssache und wir müssen gemeinsame Lösungen suchen. Ich habe in meiner Karriere nur manngedeckt, deshalb habe ich die vier Spieler gefragt, die es schon gemacht haben.  Die Jungs haben gesagt sie wollen es versuchen. Und es hat auch funktioniert.

Haben Sie als Spieler einen Trainer erlebt, der Ihnen solche Entscheidungen überlassen hat?

Dardai: Nein! Es gab mal einen Trainer, der hat angesagt, welches System wir spielen. Während des Spiels habe ich dem Team gesagt, wir machen das nicht. Wir haben dann gewonnen und der Trainer meinte: Pal, alles okay, wenn ihr euch besser damit fühlt, ist es gut. Das ist wichtig. Die Jungs stehen auf dem Platz, nicht ich. Ich sollte nur eingreifen, wenn sie sich nicht wohlfühlen oder Chaos auf dem Platz herrscht. Es ist nicht schlimm, wenn du zu den Jungs offen bist. Ich habe Vertrauen zu ihnen und sie, denke ich, auch zu uns.

Was haben Sie in diesem Jahr gelernt?

Dardai: Sehr vieles macht heutzutage die Fitness aus. Das habe ich letztes Jahr sofort gesehen. Die Mannschaft war nicht fit. Heute ist alles Sprint, alles Tempo, da hast du keine Zeit in Ruhe auszuatmen. Das habe ich von der Tribüne oben nicht mehr so mitgekriegt. Dieses Pressing ist jetzt ganz anders. Erst von unten habe ich gesehen: Man, das ist krass. Da musste ich mich schon umstellen.

Was war die beste Entscheidung?

Dardai: Dass ich Rainer Widmayer angerufen habe. Ich habe damals unter ihm trainiert und ganz anders darauf geachtet, weil ich wusste, ich will Trainer werden. Ich habe gesehen, wie er arbeitet und wusste: Mit dieser Art und Weise, wie er ist, so einen Trainerkollegen wünsche ich mir. Er war die erste Wahl.

Was war der schönste Moment?

Dardai: Das war kein Spiel, sondern das Lauftrainingslager in Bad Saarow. Dass die Jungs am Schluss sogar Spaß daran hatten, obwohl sie so müde und so kaputt waren. Die Jungs haben dafür einen Riesenrespekt verdient und profitieren heute davon.

Was war der Schlimmste?

Dardai: Einem Spieler zu sagen, dass er nicht im Kader steht. Jedes Abschlusstraining, ich hasse das. Es tut mir jedes Mal weh, einen Spieler zu Hause zu lassen. Ich war auch Spieler. Ich war ein kleines Monsterchen. Ich wollte immer spielen.

Haben Sie damit gerechnet, dass die Mannschaft ihre Vorstellungen so schnell verinnerlicht?

Dardai: Ich war fest davon überzeugt, dass wir zehn Punkte mehr holen als letztes Jahr. Das kann jeder bestätigen, ich bin jetzt nicht überclever, sondern das habe ich vorher immer gesagt.

Sie haben gesagt, dass in dieser Saison nicht die Platzierung, sondern die Entwicklung wichtig ist. Ist Hertha zu früh  zu gut?

Dardai: Wir stehen auf dem dritten Platz, weil die anderen großen Teams zu viele Fehler gemacht haben. Und wir sind eine fleißige Mannschaft gewesen, haben fleißig Punkte gesammelt. Normalerweise liegt man mit unserer Punktzahl auf Platz fünf bis sieben – und darüber könnten wir auch stolz sein. Aber natürlich versuchen wir, das jetzt zu verteidigen, auch wenn das schwierig wird.

Wie hätten Sie reagiert, wenn Ihnen jemand gesagt hätte: In einem Jahr bestreiten Sie das Spitzenspiel gegen Dortmund?

Dardai: Willst du mich verarschen (lacht).

Pal Dardai: Herthas Rekordspieler

  • Pal Dardai wurde am 16. März 1976 in der ungarischen Stadt Pécs geboren.
  • Nach Stationen bei Pécsi MSC und Budapesti VSC wechselte er 1997 zu Hertha BSC.
  • In dieser Zeit entwickelte er sich bei den Berlinern zum Stammspieler im Mittelfeld und Liebling bei den Hertha-Fans.
  • Mit seinem 281. Bundesligaspiel löste er Michael Sziedat als Rekord-Bundesligaspieler von Hertha BSC ab.
  • Im deutschen Fußball-Oberhaus absolvierte der Ungar 286 Spiele, insgesamt stand er in 373 Pflichtspielen für die Berliner auf dem Platz. Sein letztes Spiel für Hertha bestritt er am 15. Mai 2011 gegen den FC Augsburg.
  • Nach seiner Karriere war er Jugendtrainer im Verein, vor seinem Wechsel zu den Profis bei der U15.
  • Zwischen September 2014 und Juli 2015 trainierte er auch die ungarische Nationalmannschaft, für die er als Aktiver 61 Spiele absolvierte.
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