02. Januar 2019 / 14:24 Uhr

Darts-WM im "Ally Pally": Eine feucht-friedliche Parallelwelt

Darts-WM im "Ally Pally": Eine feucht-friedliche Parallelwelt

Roman Gerth
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Darts-Fans aus aller Welt schauen sich das Finale der WM 2018 im Alexandra Palace an. 
Darts-Fans aus aller Welt schauen sich das Finale der WM 2018 im Alexandra Palace an.  © imago/PA Images
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Redakteur Roman Gerth war für den SPORTBUZZER beim Finale der Darts-WM im "Ally Pally" in London. Was er dort erlebte, wird er so schnell nicht vergessen. Ein Erlebnisbericht. 

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„Wirklich?“, fragt mich der Taxi-Fahrer ungläubig. „Hier, in London?“

Farhaan ist Mitte 30, ein Brite indischer Herkunft. Er ist Sport-Fan, lauscht im Radio einem Spiel der Premier League, bis er merkt, dass sein Fahrgast Deutscher ist. Fortan schwärmt er von Marco Reus und Mario Götze. Farhaan bringt mich zum Alexandra Palace. Doch er hat keinen Schimmer, was ich dort will.

Ich denke mir: Das muss einfach Zufall sein, dass ein Sportbegeisterter in London nicht weiß, was heute im „Ally Pally“ los ist. Ich weiß es dafür umso besser:

Dort, auf einer Anhöhe im Stadtbezirk Haringey in Londons Norden, feiern Zehntausende die Darts-WM. Das Fest der Pfeilewerfer elektrisiert die Darts-Fans jedes Jahr von Mitte Dezember bis zum Neujahrstag - dem Tag des Finals.

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Vor allem aus Deutschland, aber auch aus den Niederlanden, kommen Feierwütige in die englische Hauptstadt, um Teil des Spektakels im Darts-Palast zu sein. In Großbritannien überträgt Sky Sports das Event, in Deutschland erreicht Sport1 ein großes Publikum mit der Berichterstattung aus dem „Ally Pally“. Auch DAZN zeigt das bedeutendste Turnier dieser Sportart seit diesem Jahr. Doch obwohl Darts mittlerweile große mediale Aufmerksamkeit genießt - vor allem die WM - bleibt London von dem Hype weitgehend unberührt. Doch was genau schaue ich mir da an?

Es ist die besondere Aura - ausschließlich im direkten Umfeld des Veranstaltungsortes - die aus dem Kneipensport ein Mega-Event werden lässt, das medial extrem gut funktioniert. Es ist nach wie vor eine Parallelwelt, in der die Pfeilewerfer wie Helden gefeiert werden, wenn sie auf der Bühne stehen und dem großen Ziel nachjagen, möglichst drei Pfeile ins Triple-20-Feld zu schmettern. „Onehundred and eighty“, klingt es dann durch den Saal.

Darts-WM: Die verrücktesten Kostüme der Fans im Ally Pally

Die verrücktesten Kostüme der Fans im Ally Pally Zur Galerie
Die verrücktesten Kostüme der Fans im Ally Pally © Getty
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Scharenweise verkleidete Darts-Fans

Erst auf dem Weg nach oben auf den Hügel, einige hundert Meter vor dem Palast, begegnen einem erstmals Verkleidete. Im "Ally Pally" angekommen, wird die Verwandlung, der Eintritt in den Darts-Kosmos, endgültig komplett. Buden und Attraktionen im Vorraum, es fließt massenweise Bier. Friedliche Partystimmung. Eine Mischung aus Fasching und Oktoberfest.

Bereits bevor die Sport-Stars die Bühne betreten, herrscht Ekstase. Der Einlauf der Gladiatoren wird von der PDC wirkungsvoll inszeniert, die Fans sind hautnah dabei. Die Menge tobt, erhebt sich, grölt. Denn die Voraussetzungen an diesem Abend sind wie gemalt. Der junge Engländer Michael Smith, ein Publikumsliebling im Darts-Palast, ist der Außenseiter in seinem ersten WM-Endspiel. Im Duell gegen den Favoriten, den Weltranglistenersten Michael van Gerwen, der seinen dritten Weltmeistertitel gewinnen möchte.

Erst scheint alles für van Gerwen zu laufen. Als der „Bully Boy“ Smith sich aber zurückkämpft, hallen Sprechchöre mit seinem Namen durch den „Ally Pally“. Doch ohne Erfolg: „MvG“ gewinnt 7:3, das Feuerwerk beginnt. Und dann, plötzlich, stimmten all die, die wenige Minuten vorher noch Smith lautstark unterstützt hatten, Gesänge für den Sieger an: „Ohhh, Michael van Gerwen!“ Verrückte Welt.

Es geht darum, gemeinsamen Spaß zu haben

Es geht um gemeinsamen Spaß. Darts verbindet, Engländer feiern mit Deutschen, trinken Bier, scherzen. Und außerdem geht es an diesem Abend um umgerechnet 580 000 Euro für den Sieger!

Trotzdem menschelt es zwischen den Kontrahenten, es geht extrem fair zu. Trotz der Anspannung nehmen sich Smith und van Gerwen in den Pausen Zeit für Smalltalk miteinander.

Es passt ins Bild, dass die Dartspieler so nahbar sind. Das beste Beispiel: van Gerwen lässt sich nach dem Sieg kurz feiern, post mit dem Pokal vor der Menge. Er telefoniert kurz. Anschließend spaziert er an den Medienvertretern vorbei, grüßt seine Fans auf den Rängen - und verschwindet hinter dem schwarzen Vorhang, der ihn von der Feiergemeinde trennt.

Vor der Bühne toben derweil noch immer die verkleideten Kermits, Gefängnisinsassen und Pizza-Lieferanten auf den Tischen.

Dann geht es raus, raus aus dem Darts-Party-Tempel. Schreiende Menschen laufen an einem vorbei. Einige sind betrunken. Um die reale Welt wieder zu erreichen, braucht man nur etwa fünf Minuten, läuft schnell den Berg hinunter. Und ist dann auch raus aus der Parallelwelt „Ally Pally“.

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<b>Phil Taylor</b>: 14 Titel bei der PDC Darts-WM (1995, 1996, 1997, 1998, 1999, 2000, 2001, 2002, 2004, 2005, 2006, 2009, 2010, 2013) Zur Galerie
Phil Taylor: 14 Titel bei der PDC Darts-WM (1995, 1996, 1997, 1998, 1999, 2000, 2001, 2002, 2004, 2005, 2006, 2009, 2010, 2013) ©

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