22. Mai 2019 / 17:43 Uhr

Darum gibt's so einen Meister wie den VfL Wolfsburg nie wieder

Darum gibt's so einen Meister wie den VfL Wolfsburg nie wieder

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Vor zehn Jahren wurde der VfL Wolfsburg deutscher Meister
Vor zehn Jahren wurde der VfL Wolfsburg deutscher Meister © imago/HJS
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Vor zehn Jahren gab es den letzten Sensations-Tiltel in der Fußball-Bundesliga. So wie der VfL Wolfsburg 2009 Meister wurde, wurde danach niemand mehr Meister. Und wird es so schnell auch niemand mehr werden.

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Mit Schwung klatscht die Hand des mächtigen Mannes auf den Rücken des sichtlich überraschten Ordners, dem das Grinsen dabei aber nicht verrutscht. Martin Winterkorn ist an diesem frühen Abend des 23. Mai 2009 mittendrin in der Traube von Menschen, die sich im Kabinengang der Volkswagen-Arena um den Hals fallen. Es sind keine Fans und keine Fremden, die sich da ihren Emotionen hingeben, es sind Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des VfL Wolfsburg, Hilfskräfte, Spieler der zweiten Mannschaft, Freunde und Angehörige der Profis. Man kennt sich, man begrüßt sich ansonsten eigentlich bestenfalls mit Handschlag, aber heute ist alles anders. Heute lacht man sich an, umarmt sich, manche schreien. Winterkorn ist Chef eines VW-Konzerns, für den Fußball jahrzehntelang nicht mehr als eine von vielen Leibesertüchtigungen war. Jetzt ist er auch ein bisschen deutscher Meister. Die Zeremonie draußen auf dem Feld, die Übergabe der Schale an Josué, ist schon ein bisschen her, DJ Ötzi hat sein „Hey, Baby!“ gesungen, das Konfetti war zu Boden geschwebt, die Spieler erleben in der Kabine gerade den Übergang vom triumphalen Nachmittag zur rauschhaften Nacht. „Das hätten Sie nicht gedacht, was?!“, ruft Winterkorn, als seine Handfläche den nächsten Rücken findet. Er erwartet keine Antwort auf diese Frage.

Natürlich hätte das keiner gedacht, auch nicht die WAZ, die am ersten Spieltag der Saison 2008/09 auf der ersten Sportseite eine große Meisterschale abbildete, darüber die Überschrift „Diesmal wollen wir sie auch!“ Was aus heutiger Sicht fast prophetisch anmutet, war damals eher nüchterner zu betrachten. Tatsächlich zählte der VfL Wolfsburg erstmals in seiner Bundesliga-Geschichte zum erweiterten Kreis der Favoriten auf den Titel. Gewiss hinter Bayern, dem HSV, Hertha oder dem spektakulären Aufsteiger Hoffenheim, aber immerhin. Überhaupt hier und da einmal genannt zu werden, wenn es um die Meisterschaft geht, war ja schon allerhand für einen Klub, der seit dem Aufstieg in die Bundesliga zwar nicht oft enttäuscht hatte, der aber auch nur wenige Spielzeiten vorweisen konnte, bei denen am Ende mehr herausgesprungen war als vorher gedacht. Aber Meister? Wolfsburg? Nee.

34 Spieltage 2008/09 zum Durchklicken: Der VfL-Weg zum Titel

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In den ersten zehn Jahren seines Bundesliga-Daseins hatte sich der VfL eher bedächtig entwickelt. Das Erreichen des UEFA-Cups 1999, die Umwandlung in eine GmbH 2001, die neue Arena 2002 – das waren zwar alles Meilensteine für die Entwicklung des Profi-Fußballs in Wolfsburg, über den ganz großen Wurf wurde aber nur geredet. Franz Beckenbauer sprach schon zur Jahrtausendwende davon, dass Wolfsburg ein großer Konkurrent werde, „wenn VW mal ernst macht“, aber VW beschränkte sich erst einmal auf Lippenbekenntnisse, Vorstandsmitglied Peter Hartz gab die Champions League als langfristiges Ziel aus, der VfL-Aufsichtsrats-Vorsitzende Lothar Sander wollte sich „an Manchester United“ orientieren. Doch niemand füllte diese Worte mit Inhalt. Als 2003 Trainer Wolfgang Wolf nach fünf Jahren gehen musste und ihm ein Jahr später Manager Peter Pander nach 13 Amtsjahren folgte, waren Wolfsburgs Profifußballer vielmehr erst einmal damit beschäftigt, das Vakuum zu füllen und den Bundesliga-Standort zu erhalten.

Dann kam der 12. Mai 2007. Am vorletzten Spieltag der Bundesliga-Saison machte der VfL aus einem 0:2 in Aachen noch ein 2:2, schaffte damit zum zweiten Mal in Folge gerade so den Klassenerhalt. Winterkorn war vor Ort und erklärte: „Eine dritte Saison, in der wir zittern müssen, ist zu verhindern.“ Weil er der allererste VW-Chef war, der sich wirklich für Fußball interessierte und weil er die Abläufe des Geschäfts als Aufsichtsrats-Mitglied des FC Bayern kannte, hatten seine Worte nicht nur Gewicht – er hatte auch eine Idee für den VfL. Wenn auch zunächst eine etwas vage.

Felix Magath, den Winterkorn vom FC Bayern kannte, sollte es richten. Zunächst war nicht ganz klar, in welcher Funktion, bis man sich schließlich darauf einigte, dass der einstige HSV-Spielmacher als Manager, Trainer und Geschäftsführer dem VfL eine revolutionäre Dreifaltigkeits-Führung geben sollte. Weil dieser VfL zudem eine Tochtergesellschaft von Volkswagen ist, entstand eine Machtkonstellation, wie sie der Fußball vorher und hinterher nie erlebt hatte: Der Trainer hatte nur den Sponsor als Vorgesetzten. Und der gab genug Geld, um Mannschaft und Verein komplett rundzuerneuern.

Alles guckt auf einen Mann - Felix Magath in Wolfsburg
Alles guckt auf einen Mann - Felix Magath in Wolfsburg © imago sportfotodienst

So bastelte sich Magath ab Sommer 2007 den VfL so zurecht, wie er sich den idealen Verein vorstellte. Auf dem Trainingsplatz und in den Büros wurde Personal ausgetauscht. Neue Spieler stießen zur Mannschaft, darunter mit Edin Dzeko, Grafite, Jan Simunek, Josué, Marcel Schäfer, Sascha Riether, Christian Gentner und später im Winter Diego Benaglio gleich acht Akteure, die eine Saison später zu den Stammkräften einer Meistermannschaft gehören sollten. Magath beteuert zwar, dass er das von VW genehmigte Transferbudget gar nicht ausgereizt habe, aber die Konstellation war dennoch einmalig: Wohl nie zuvor in der Geschichte der Bundesliga war ein zweimal in Folge fast abgestiegener Klub in der Lage, so sehr in einen Neuaufbau zu investieren. Und weil in der Stadt und im VW-Hochhaus alle wussten, dass es sportlich ja kaum schlechter laufen kann, ließ man Magath gewähren – auch als immer klarer wurde, dass der neue Alleinentscheider mit den alten Entscheidern des Vereins eher wenig bis gar nicht redete. Weshalb nach und nach eine Reihe von verdienten Mitarbeitern den Job quittierten oder quittieren mussten – von Pressechef Kurt Rippholz über Co-Geschäftsführer Klaus Fuchs bis Torwarttrainer Jörg Hoßbach. Beliebt machte sich Magath damit nicht, aber das hat ihn auch nie besonders interessiert. Außerdem hatte er den Segen des VW-Chefs, und der ist in Wolfsburg nun einmal der mächtigste Mann der Stadt.

on den ersten vier Liga-Heimspielen der Saison 2007/08 gewann Magaths neuer VfL kein einziges, doch dass die gesamte Hinrunde von seinem Mantra „Die Rückrunde wird besser“ begleitet wurde, brachte ihm nur vorübergehend den Ruf eines Schönredners ein. Denn die Rückrunde wurde tatsächlich besser. Viel besser. Der VfL erreichte den UEFA-Cup, und Magath hatte mit allem, was er tat und sagte, Recht behalten. An dieser Stelle durfte man das Experiment schon als geglückt bezeichnen.

Die Bilder der Partie VfL Wolfsburg - FC Augsburg:

Die Fans des VfL Wolfsburg sind auf dem Weg zur Partie. Zur Galerie
Die Fans des VfL Wolfsburg sind auf dem Weg zur Partie. ©

Vor seiner zweiten Saison in Wolfsburg besserte der geschäftsführende Trainer-Manager den Kader weiter nach, tat das mit Spielmacher Zvjezdan Misimovic und Abwehrmann Andrea Barzagli auch an zwei entscheidenden Stellen. Die Hinrunde 2008/09 verlief dann zwar auch eher lauwarm, doch in der Rückrunde wurde der VfL das Heißeste, was die Liga zu bieten hatte, preschte mit furiosem, hoch attraktivem Offensivfußball und dem besten Sturmduo der Bundesliga-Geschichte zur Meisterschaft. Das 5:1 gegen die Bayern, das 5:0 in Hannover oder das 5:1 am letzten Spieltag gegen Bremen waren Triumphe eines fußballerischen Selbstbewusstseins, das in der Historie des VfL einmalig blieb.

Doch während Fußball-Deutschland verzückt den VfL-Weg zum Titel beobachtete, war hinter den Kulissen längst nicht mehr alles schön. Nicht für Magath, nicht für Winterkorn, nicht für VW. Die Finanzkrise hatte den Konzern schon während der Hinrunde 2008 getroffen, Sparprogramme mussten aufgelegt werden. Hinzu kam der Machtkampf bei VW rund um die gescheiterte Übernahme durch Porsche. Fußball war da vergleichsweise unwichtig, das spürte der oft misstrauische Magath immer wieder. Schon in der Winterpause reifte darum sein Entschluss, Wolfsburg zu verlassen. Als seine Mannschaft dann dem Titel immer näher kam, die Zahl der von den Fans hochgereckten Papp-Meisterschalen bei den Heimspielen immer größer wurde, war er von diesem Entschluss nicht mehr abzubringen.

Machtmänner - Felix Magath und Martin Winterkorn.
Machtmänner - Felix Magath und Martin Winterkorn. © imago sportfotodienst

Magath ging nach der Meisterschaft zu Schalke 04, und in Wolfsburg begriff man mehr und mehr, dass es im Grunde das „Projekt Magath“ war, das den Titel geholt hatte. Der VfL dagegen hatte zwar etwas für den Briefkopf bekommen, sich aber strukturell in dieser Zeit nicht weiterentwickelt, eher im Gegenteil. Die dauerhafte Etablierung in der Spitze der Bundesliga wurde als Ziel ausgegeben, was anderes kann man als amtierender Meister und Champions-League-Teilnehmer ja auch nicht wollen – doch bereit war Fußball-Wolfsburg dafür noch lange nicht. Der erste Leidtragende war Armin Veh, dem man die Magath-Machtfülle übertragen hatte, der diese aber weder ausfüllen konnte noch wollte. Manager Dieter Hoeneß und Trainer Steve McClaren scheiterten anschließend so vehement, dass im März 2011 Magath zurückgeholt werden musste, um wenigstens den Klassenerhalt zu sichern. Sein anschließender Versuch, aus dem VfL Wolfsburg wieder eine Spitzenmannschaft zu machen, war erfolglos. Denn die Ausgangslage von 2007, die Konzentration von Entscheidungsgewalt bei VW und VfL, das gleichzeitige Schwächeln der Konkurrenz und die große Anzahl goldener Griffe auf dem Transfermarkt – all das ist in seiner Kombination nicht wiederholbar. Martin Winterkorn macht längst ganz andere Schlagzeilen, für Felix Magath war Wolfsburg der bisher letzte ganz große Triumph. Der Fußballmarkt hat sich seitdem verändert, die Abstände sind größer geworden, die Wahrscheinlichkeit für Sensationen kleiner.

In den ersten sieben Jahren nach Bundesliga-Gründung wurden vier Klubs Meister, die es vorher noch nie gewesen waren: Werder Bremen 1965, 1860 München 1966, Eintracht Braunschweig 1967 und Borussia Mönchengladbach 1970. Danach schaffte es nur noch der VfL auf diese Liste; ob es Kandidaten wie Bayer Leverkusen und RB Leipzig demnächst gelingen mag, ist nicht absehbar. So einen Meister wie den VfL Wolfsburg 2009 jedenfalls gibt es so schnell nicht wieder.■

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