07. Januar 2021 / 09:49 Uhr

Darum war 2020 für Luna Thiel sportlich "katastrophal" und privat "sehr gut"

Darum war 2020 für Luna Thiel sportlich "katastrophal" und privat "sehr gut"

Daniel Kultau
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
Hat ein überragendes Jahr hinter sich: Sprinterin Luna Bulmahn aus Hannover.
Luna Thiel kehrt ihrem "katastrophalen Jahr" 2020 den Rücken. 2021 soll es auch sportlich wieder bergauf gehen. © Archiv
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Lange war es ruhig um Luna Thiel. Die Deutsche Meisterin über die 400 Meter aus dem Jahr 2019 spricht im Interview mit dem Sportbuzzer Schaumburg über die Gründe und gibt einen Ausblick Richtung Olympia 2021.

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Lange war es ruhig um Luna Bulmahn. Zumindest sportlich. Privat war 2020 dagegen deutlich mehr los. Unter anderem die Hochzeit mit ihrem Henrik am 14. August im historischen Bückeburger Rathaus, die aus der Obernkirchenerin eine Luna Thiel machte. Die Deutsche Meisterin über die 400 Meter 2019 studiert aktuell noch in Hannover und hat, „wenn alles gut läuft“, im Sommer ihren Bachelor in Public Relations in der Tasche.

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Wir unterhielten uns mit der Leichtathletin, die für den VfL Eintracht Hannover antritt. In dem Interview spricht die 21-Jährige über das schwere Jahr 2020, Social Media und blickt auch in Richtung der Olympischen Spiele 2021 in Tokio.

Hallo Frau Thiel. Ist das für Sie noch eine ungewohnte Anrede?
Ja, auf jeden Fall. Ich gehe am Telefon zum Beispiel meistens bei unbekannten Nummern nur mit meinem Vornamen dran, weil ich sonst nicht weiß, ob irgendjemand denkt, dass er sich verwählt hätte, wenn ich Thiel sage. Aber sonst ist es schon normaler geworden, es sind ja schließlich jetzt auch schon knappe fünf Monate. Aber anfangs war es natürlich schon eine große Umstellung.

2019 sind Sie Deutsche Meisterin über die 400 Meter geworden, im vergangenen Jahr wurde es dann ruhig um Sie. Woran lag das?


Für mich war das sportlich gesehen eher ein katastrophales Jahr. Ich hatte Anfang des Jahres Pfeiffersches Drüsenfieber und dann für mich entschlossen, die Hallensaison abzusagen. Das ist aber an sich kein Problem, weil viele Leute die Hallensaison auslassen. Ich konnte mich dann aber motivieren, für draußen zu trainieren, war im Trainingslager, da war auch noch alles super. Aber das Drüsenfieber wurde bei mir erst sehr spät diagnostiziert. Anfangs wurde mir gesagt, dass es Rachenprobleme wären, weshalb ich lange Antibiotika nehmen musste.

Und dadurch habe ich eine Darmkrankheit bekommen, die es mir überhaupt nicht ermöglicht hat, Leistung zu bringen oder überhaupt Sport zu treiben. Durch meinen aufgeblähten Bauch konnte ich dann teilweise nicht mehr richtig atmen, hatte Panikattacken – und mein Zwerchfell wurde einfach eingequetscht. In 99 Prozent der Fälle wird diese Darmkrankheit gar nicht erst erkannt. Von daher kann ich mich glücklich schätzen. Aber dafür lief es ja privat sehr gut, und das hat mich dann auch aus diesem sportlichen Tief geholt.

Wie haben Sie dann den vergangenen Monaten wieder in den Sport reingekommen?

Ich habe eine sehr viel längere Aufbau-Saison jetzt gemacht als viele andere und musste auch langsamer wieder anfangen, um keine Verletzungen zu riskieren. Ich war ja auch länger raus als andere und konnte teilweise nicht mal mehr Treppen steigen. Ich habe nun zusätzlich noch sieben Monate Probiotika genommen, und als dann die Nachricht kam, dass soweit alles erst mal wieder in Ordnung ist, beruhigt einen das dann doch sehr. Ich bin jetzt seit sechs Monaten wieder im Training – und auch trotz der Corona-Pandemie war uns das Training im Olympiastützpunkt in Hannover möglich.

Wie schwierig ist es denn, quasi ein ganzes Jahr zu pausieren und sich dann wieder zurückzuarbeiten?

Es war schon sehr hart für mich, und deswegen habe ich den Aufbau auch sehr weit gestreckt. Die mentale Stärke spielt dabei natürlich auch eine Rolle. Ich bin gespannt, wie die ersten Wettkämpfe jetzt wieder laufen, denn das ist ja auch etwas ganz anderes, als die Tempoläufe im Training. Im Bundeskader-Lehrgang hatten wir einen 400-Meter-Lauf. Das war mein erster Lauf seit Doha (Leichtathletik-WM Ende September in Doha Anm. d. Red.) – und da ging es für mich einfach nur darum, ohne Druck zu laufen und das Feeling wiederzubekommen. Ich möchte einfach nur wieder fit sein und Spaß am Laufen haben.

Da kann man ja fast meinen, dass die Olympia-Verschiebung durch das Coronavirus zur richtigen Zeit kam?
Für mich persönlich war es sportlich wohl ein Glücksfall. Aber für die Gesellschaft und alle anderen Sportler, die vier Jahre auf dieses Ereignis hintrainieren, ist das natürlich richtig doof. Bei mir war es ja eher so, dass ich plötzlich da war und nun ein Jahr zur Vorbereitung Zeit hatte. Ich glaube, es ist für einen Sportler wichtig, wenn man sich nun sagt, dass man ein weiteres Jahr mehr an sich arbeiten und noch stärker werden kann.

In etwas mehr als 200 Tagen würden die Olympischen Spiele beginnen. Ist das ihr Ziel?
Ja, klar. Aber ich gönne es auch allen anderen, denn wir haben aktuell auch eine gute 400-Meter-Spitze. Wir wissen aber auch, dass wir da wohl nur als Staffel hinkommen – und da müssen wir nun als Team arbeiten. Wir müssen einfach schauen, wie wir uns als Staffel entwickeln. Wir sind noch sehr jung, was in Doha ja auch ein Problem war. Da hat uns die Erfahrung gefehlt. Ich bin aber ansonsten auch noch relativ jung und nehme mir sonst 2024 vor, sollte es nicht klappen.

Was bedeutet Olympia denn für Sie?
Für Sportler ist das einfach das Größte, was man erreichen kann. Man arbeitet jeden Tag einfach so hart, und das sehen nur die wenigsten. Da möchte man sich einfach selbst belohnen. Dazu das Olympische Dorf, die Chance, die anderen Athleten zu treffen und kennenzulernen, denen es ähnlich geht, sich gegenseitig anzuspornen – das ist, glaube ich, etwas ganz Schönes.

Die japanische Regierung versucht alles, damit die Spiele stattfinden können. Sollte das Coronavirus bis dahin aber immer noch so vorhanden sein, würden Sie dann nach Tokio reisen? Im vergangenen Jahr hatten sie das ja für 2020 verneint.
Das ist ganz schwierig und zwiespältig zu betrachten. Damals gab es die Option, die Spiele zu verschieben, die ist dieses Mal nicht da. Deswegen würde ich, im Falle einer Nominierung, wahrscheinlich mitreisen, denn es gäbe ja keinen Plan B. Die Spiele würden sonst ausfallen. Aber wir wissen ja alle nicht, wie sich das Virus in Zukunft entwickeln wird. Deswegen müssen wir einfach den Gesundheitsstand abwarten.

Wenn man Sie auf Instagram verfolgt, dann sieht man immer wieder, dass Sie mit Adidas, Foodspring und der Bemer Group drei richtig große Sponsoren im Rücken haben. Wie läuft so was ab? Kommen die Firmen auf einen zu?
Also Adidas sucht seine Athleten selbst aus, je nachdem, wie stark der Sportler in dieser Saison war. Weil ich einen sehr erfahrenen Trainer habe und eine Athletin in meiner Trainingsgruppe, die selbst schon viele Jahre bei Adidas ist, ist das so ins Rollen gekommen. Bei Foodspring und Bemer hatte ich Vitamin B. Mein Mann ist im Marketing tätig und hat eine eigene Managementfirma. Er kennt sich im Sportbereich sehr gut aus – und das hat mir dann natürlich geholfen.

Wie einfach oder schwer fällt es Ihnen denn, Dinge von sich über Social Media preiszugeben?
Was ich bisher noch nicht gemacht habe, ist vor der Kamera zu reden. Da sehe ich mich noch nicht so. Ich weiß nicht, ob die Zeit noch irgendwann kommt. Was aber ansonsten die Fotos angeht, da kann ich ja selbst bestimmen, was man zu sehen bekommt, und damit habe ich nicht so große Probleme. Aber es gibt auch Tage, an denen ich mir denke: ‚Jetzt habe ich darauf gar keine Lust. Heute ist nicht der Tag, an dem du viel von dir preisgeben möchtest.‘ Solche Tage gibt‘s natürlich auch mal. Als Sportler ist man nun mal nicht der typische Influencer.

Für Fußballer ist das wahrscheinlich kein Thema. Aber ist es für Sie möglich, den Sport als Profi zu betreiben, ohne Social-Media-Nutzung?
Es wird immer schwerer, weil man als Sportler auch einfach eine besondere Ausrüstung braucht. Und wenn man seinem Körper nach dem Training das geben möchte, was er braucht, dann muss man einfach auch mehr investieren. Und da ist es natürlich gut, wenn man einen passenden Sponsor an seiner Seite hat. Anders ist das in der Leichtathletik leider nicht zu stemmen. Profi-Fußballer haben das in der Regel nicht nötig, über diesen Weg noch etwas finanziell reinzubekommen. Als Bundeskader-Athlet bekommen wir finanzielle Unterstützung, aber haben ja auch neben dem Sportlerleben noch unser Privatleben – und da müssen wir auch unsere Miete bezahlen. Der DLV macht, was er kann, und da kann man sehr dankbar sein, aber es ist nicht vergleichbar mit einer anderen Sportart, in der es sich mehr rentiert.

Geben Sie uns zum Abschluss noch einen Ausblick in ihre nächsten Wettkämpfe.
Die Hallensaison wird bald starten. Das hoffen wir zumindest und sind sehr froh darüber, denn wir müssen als Staffel Erfahrung sammeln. Dann kommen die Deutschen Meisterschaften am 20. und 21. Februar, und vorher stünden Sportfeste an, die die einzelnen Bundesländer organisieren. Bei der Hallen-EM in Polen soll es eine deutsche Staffel geben, da geht aber nur, wenn die Top-Vier richtig gute Zeiten laufen. Das ist unser Ansporn. Im Mai ist dann die Staffel-WM in Polen und Ende Mai die Team-EM. Da können überall Staffeln gelaufen werden, was für uns Generalproben für Olympia sein sollen.
Interview: Daniel Kultau