28. September 2021 / 08:31 Uhr

Das Drama von Eindhoven: Der Hallesche FC 50 Jahre nach der Feuernacht

Das Drama von Eindhoven: Der Hallesche FC 50 Jahre nach der Feuernacht

Frank Müller
Leipziger Volkszeitung
Das Hinspiel mit dem damaligen HFC-Kapitän Klaus Urbanczyk konnte stattfinden. Vor dem Rückspiel in Eindhoven geschah die Katastrophe.
Das Hinspiel mit dem damaligen HFC-Kapitän Klaus Urbanczyk konnte stattfinden. Vor dem Rückspiel in Eindhoven geschah die Katastrophe. © Privat
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Es hätte ein großer Tag in der Vereinsgeschichte werden sollen. Doch in der Nacht vor dem Europapokal-Spiel bei der PSV Eindhoven brach im Hotel des Halleschen FC vor 50 Jahren ein verheerendes Feuer aus. Mehr als zehn Menschen kostete dieses Unglück das Leben – darunter auch ein Spieler des HFC.

Halle. Es war die größte Katastrophe, die dem DDR-Fußball widerfuhr. Die Rede ist nicht von den gescheiterten Qualifikationen für Welt- oder Europameisterschaften, sondern von der Brandkatstrophe, die der Hallesche FC Chemie heute vor 50 Jahren im niederländischen Eindhoven durchlitt.

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Die Hallenser gehörten über weite Phasen nicht zu den DDR-Spitzenclubs, stiegen sogar einige Male aus der Oberliga ab. Umso euphorischer war man an der Saale, als sich der HFC 1970/71 als Oberliga-Dritter für den UEFA-Cup, dem 1971 aus dem Messe-Cup hervorgegangenen Vorläufer der Euro League, qualifizierte. Der Gegner der 1. Runde hieß PSV Eindhoven. Im Hinspiel trennten sich die Hallenser zu Hause im damaligen Kurt-Wabbel-Stadion vor 35.000 Zuschauern 0:0 von den Niederländern.

Doch zum Rückspiel sollte es nicht kommen. In der Nacht zum 28. September 1971 brannte das Hotel, in dem die Gäste untergebracht waren. Mit tragischen Folgen: Wolfgang Hoffmann kam dabei ebenso wie elf weitere Hotelgäste ums Leben. Besonders tragisch war, dass der 21-Jährige nur als Ersatz für Stürmer Werner Peter nachgerückt war, dem man, weil früh schon Vollwaise, Fluchtgedanken in den Westen unterstellte. Deshalb durfte Peter unter einem Vorwand nicht mitfahren.

Sprung aus dem zweiten Stock

Etliche Spieler verletzten sich zudem schwer. So auch HFC-Kapitän und Auswahlspieler Klaus Urbanczyk, der zuvor noch einige Gäste gerettet hatte. Dann sprang er durch eine Scheibe, um den Flammen zu entkommen. Dabei erlitt er etliche Schnittwunden und stürzte in die Tiefe. Torwart Helmut Brade, der später Trainer bei seinem Ursprungsverein in Krostitz wurde, erlebte das mit. „Ich lag mit meinem Torwartkollegen Volkhard Jany in der vierten Etage. Kurz nach fünf Uhr wurden wir durch laute Geräusche und Helligkeit wach. Auf dem Balkon sah ich unter uns Flammen hochschlagen“, erinnert er sich. „Ich habe Volker geweckt, dann sind wir auf ein Vordach gesprungen und weiter am Blitzableiter hinab. Ich weckte auch noch eine Familie.“

Zu den Schwerverletzten zählte der hochtalentierte Erhard Mosert. „Ich war der Annahme, das schon stark verrauchte Hotel nicht mehr anders verlassen zu können und bin barfuß aus dem zweiten Stock ins Dunkle gesprungen, lag dann bewusstlos auf einem Vordach, von wo aus ich irgendwie noch über zwei Meter runter bin. Man hat mich dann auf der Straße gefunden“, schildert Mosert die dramatischen Momente. Er erlitt einen fünffachen Fußbruch und erreichte - wie auch Urbanczyk - nie wieder sein altes Leistungsvermögen. Urbanczyk konnte einem Notarzt stark blutend noch seine Blutgruppe zurufen, bevor er ohnmächtig wurde. Dies rettete ihm vermutlich das Leben. Er lag vier Wochen im Krankenhaus, wo ihn die seine Angehörigen nicht besuchen durften, weil die DDR-Oberen auch bei ihnen „Fluchtgefahr“ witterten.

Das Rückspiel kam angesichts der Umstände nicht mehr zustande. Da die UEFA es nur wenige Tage nach der Katastrophe ansetzen wollte, verzichte der HFC auf Geheiß des DDR-Fußball-Verbandes DFV darauf.