16. Oktober 2020 / 09:43 Uhr

Das Galopp-Geflüster von Clemens Meyer: Große Oper Scheibenholz

Das Galopp-Geflüster von Clemens Meyer: Große Oper Scheibenholz

Clemens Meyer
Leipziger Volkszeitung
Kult-Schriftsteller Clemens Meyer beim virtuellen Aufgalopp auf der Pferderennbahn „Scheibenholz“ im Mai 2020
Bühne frei am Scheibenholz: Sport trifft auf Kultur. © André Kempner
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Clemens Meyer schreibt abermals im SPORTBUZZER, auch in Coronazeiten, über seine Leidenschaft, den Galoppsport. Der Schriftsteller freut sich auf einen opernreifen Renntag, die Stars auf der Bühne, die Arbeit hinter den Kulissen und ein filmreifes Fotofinish.

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Leipzig. Eine Galopprennbahn gleicht in gewisser Hinsicht einem Opernhaus- nicht nur die Solisten sind wichtig, auch das Orchester, der Chor, die Komparsen, die Kostümabteilung, Dirigent sowieso, ein Rädchen greift ins andere..., Arbeit auf der Bühne und hinter den Kulissen.

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Bevor die Stars, Pferde und Jockeys, über die Bahn fliegen können, kommt die Startmannschaft zum Zuge. Die Pferde müssen in die Boxen, manchen macht das gar nichts aus, das wird auch geübt im Training, aber dennoch muss auch mal mit angepackt, das Pferd geleitet und geführt werden, mehr als 500 Kilo, da ist Vorsicht geboten, die Pferde sind auf den Punkt trainiert. Die ungefähr 8 Starthelfer sieht man selten, aber ohne sie geht’s nicht. Der Starter steht neben der Maschine auf einem Podest mit einer Flagge, per Funk ist man in Kontakt mit der Rennleitung, das sind zwar nicht die Dirigenten, aber die Aufpasser. Manchmal muss auch noch der Hufschmied zur Startstelle, weil ein Eisen locker geworden ist, der Tierarzt schaut sowieso immer, ob die Pferde in race-condition sind, dann klingelt’s, dann rumst’s, Fahne oben, Boxen auf, sie laufen wieder!

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Rennkommentator Gunther Barth (Rennvereinsmitglied!) auf der Tribüne sieht alles am besten, mit Fernglas und aufm Monitor, hat vor Jahrzehnten sogar in Honkong und Australien auf den Rennbahnen hospitiert, um die Kunst des Kommentierens zu ergründen.

Publikumrenntag auf großer Bühne

Dann gibt’s den Zielrichter, mit oder ohne Fotofinish, im Büro des Rennvereins werden die Ergebnisse sofort zum Dachverband nach Köln weitergeleitet, der Totoleiter (Meyer heißter, so wie ich) verwaltete währenddessen die Millionen und die Totomitarbeiter, die Jockeys werden in der Waage versorgt vom Jockeydiener (ein traditionsreicher Beruf und bei jedem Renntag unentbehrlich), die Klopfer verbessern den Zustand des Geläufs zwischen den Rennen, die Rennleitung passt immer noch auf, die Jockeys werden gewogen, der Auswieger prüft, während die Zuschauer zuschauen, jubeln, wetten (und so dem Totomeyer den Umsatz machen, die Rennbahn kriegt Prozente, von denen dann die Oper bezahlt werden muss, Mäzene gibt’s zum Glück auch noch ein paar, die Rennfamilie rückt zusammen).

Die Technik rödelt den ganzen Tag, zig Kameras, Leinwand, Monitore. Security passt auf, Pferde werden gesattelt und geführt, der Führring moderiert, der Ringsteward läutet die Glocke. Publikumsrenntag, große Oper Scheibenholz.