14. Februar 2020 / 12:43 Uhr

Das kleine Fußball-Wunder: Mügeln-Ablaß mit Streit ohne Niederlage

Das kleine Fußball-Wunder: Mügeln-Ablaß mit Streit ohne Niederlage

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
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Beim 8:2 gegen Belgern platzt der Knoten – der 19-jährige Ben Dechert (l.) trifft doppelt. © Gerhard Schlechte
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Vom letzten Platz auf Rang sechs: Matthias Streit ist mit dem SV Mügeln-Ablaß noch ungeschlagen.

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Ablaß. Manchmal braucht eine verunsicherte Fußball-Mannschaft einen Impuls von außen, um wieder aufzublühen und mit Top-Leistungen sich selbst und die Konkurrenz zu verblüffen. Oft gibt ein Trainerwechsel den Anstoß. So geschehen beim SV Mügeln-Ablaß in der Nordsachsenliga. Nach sechs Spieltagen dümpelte das Team auf dem letzten Platz. In die Winterpause gingen die Obstländer als Sechster. Aus Abstiegsgefahr war ein Rang im vorderen Mittelfeld geworden, aus Verzagtheit und Resignation Aufbruchstimmung und Euphorie.

Das kleine Wunder trägt einen Namen: Matthias Streit. Seit der 38-Jährige Anfang Oktober das Traineramt übernahm, hat seine zuvor sieglose Truppe kein Spiel mehr verloren, aber sechs gewonnen. Ausbeute ohne den neuen Coach: ein Punkt, 8:19 Tore. Bilanz mit ihm: 19 Zähler, 29:10 Treffer. Erstellt man eine separate Streit-Tabelle der letzten sieben Liga-Runden, liegt Mügeln-Ablaß auf Platz zwei, punktgleich mit Spitzenreiter Hartenfels Torgau. Was um aller Welt hat der Mann nur mit seinem Team angestellt, um diese Leistungs-Explosion zu bewirken?

Alles nur Psychologie

„Ich glaube, ich habe meinen Jungs den Spaß am Fußball zurückgeben. Nach dem ersten Sieg lief es dann fast von allein“, sagt Matthias Streit bescheiden. Alles nur Psychologie, allein das Ergebnis aufbauender Gespräche und seelischer Streicheleinheiten? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. „Na ja, an einigen Stellschrauben habe ich schon gedreht“, räumt der Trainer ein, „ich habe unser Spielsystem etwas verändert und die Mannschaft deutlich offensiver ausgerichtet.“

Eine erstaunliche Aussage. Normalerweise stabilisiert ein neuer Coach im Abstiegskampf erst mal die Abwehr. Motto: Hinten dicht und vorne hilft der liebe Gott. Nicht so Matthias Streit. Vielleicht liegt das daran, dass Stürmerblut in seinen Adern fließt und er früher selbst lieber Tore geschossen als verhindert hat. Er begann als Sechsjähriger in Ablass mit dem Fußballspielen, ist seinem Verein immer treu geblieben und hat dann in der ersten Mannschaft gekickt, zeitweise in der damaligen Bezirksklasse, bis er 31 war, ein Achillessehnen-Riss das Stoppzeichen setzte und er seine Karriere in der „Zweiten“ ausklingen ließ. Nebenbei trainierte er die jetzige C-Jugend, in der sein Sohn Nevio mitmischt. „Ich habe die Kinder betreut, seit sie klein waren, und werde das auch weiterhin tun.“

Hatte nicht geplant Herren-Trainer zu werden

Dass er mal Herren-Trainer wird, war eigentlich nicht geplant. Doch Streit hat sich die Heimspiele in der Nordsachsenliga stets angeschaut und mitgelitten, als die Mannschaft nach dem guten vierten Platz in der vergangenen Saison immer größere Probleme bekam und schließlich im Herbst 2019 regelrecht abstürzte. „In so einem Dorf wird viel geredet, das kriegt man schon mit, und das hat mich nicht kalt gelassen.“

Der Tiefpunkt war am 28. September erreicht. Beim 1:2 zu Hause gegen Schenkenberg hatte Mügeln-Ablaß die fünfte Niederlage im sechsten Saisonspiel kassiert, die Not war groß und Streit vernahm Hilferufe. „Einige Spieler haben bei mir angefragt, ob ich nicht zunächst mal ein Training leiten kann, und da wollte ich nicht ablehnen, das war eine Herzensangelegenheit. Die Mannschaft hat dann super mitgezogen, die Trainingsbeteiligung wurde besser, und so ging es eben weiter mit mir und den Jungs.“

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Allen war bewusst, dass sich in der dreiwöchigen Pause vor dem nächsten Spiel etwas ändern muss. Auch Vereins-Chef Arne Schütze und Torjäger Paul Erdmann, die sich die Trainer-Rolle geteilt hatten, nachdem sich der langjährige Coach Alexander Herzig aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen hatte. „Für beide war das schwer, weil sie als Torwart und Stürmer oft selbst auf dem Feld standen. Da schaut man ganz anders auf ein Spiel und kann nicht so gezielt Hinweise geben wie jemand, der draußen steht und den Überblick hat“, sagt Streit.

Sein Trainer-Debüt gab er am 19. Oktober gegen Roland Belgern. Ein Heimspiel, ein richtungsweisendes Duell zweier Kellerkinder. „Mir war klar, dass es Hopp oder Top hieß, dass wir was riskieren und mutiger auftreten müssen. Ich wusste ja, dass wir das Potenzial für Angriffsfußball haben.“ Also stellte er um.

Erfolg durch Umformatierung

Aus der Viererkette in der Abwehr wurde eine Dreierkette, aus dem Vierer- ein Fünfermittelfeld. Und Streit beorderte Manuel Becker als zusätzlichen Offensivmann direkt hinter die beiden Spitzen Ben Dechert und Paul Erdmann.

Der Trainer hatte den richtigen Riecher, es war der passende Tag und der passende Gegner. Nach drei Minuten stand es 2:0, zur Pause 4:1, am Ende 8:2 – ein Befreiungsschlag, eine Mannschaft im Torrausch, glückliche Fans. Es passte einfach alles. Erdmann, zuvor nur mit einem Saisontreffer, netzte viermal ein, Dechert erzielte nach langer Durststrecke seine ersten beiden Tore und auch Becker traf. „Durch unser neues System erhielten die Stürmer mehr Bälle und mehr Chancen“, weiß Matthias Streit, „natürlich hat uns die frühe Führung geholfen. Belgern musste aufmachen, wir hatten Platz.“

Knoten ist geplatzt

Der Knoten war geplatzt, und zwar gleich an mehreren Stellen. „Danach wurde alles viel einfacher, das Selbstvertrauen kam zurück“, sagt Streit, „dieses erste Spiel war wie ein Sechser im Lotto.“ Trainer und Mannschaft hatten sich gefunden, das gegenseitige Vertrauen wuchs von Sieg zu Sieg.

Und so darf Streit heute von der positiven Entwicklung vieler Spieler schwärmen. Von Gregor Mayerhofer, der in Hamburg studiert und trotzdem die Abwehr stabilisiert, von Philipp Fischers Fortschritten im defensiven Mittelfeld, vom „Kampfschwein“ Manuel Becker, der inzwischen viermal getroffen hat, und natürlich von seinen Stürmern Paul Erdmann, der mittlerweile bei zwölf Saisontoren steht, und Ben Dechert (5). „Ben ist erst 19, der kann noch viel besser werden.“

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Dem Scheibenschießen gegen Belgern folgte ein ebenso bemerkenswerter 6:1-Erfolg in Schildau. Mit diesem Rückenwind wurde dann auch Süptitz 2:1 bezwungen, nach 0:1-Rückstand, durch späte Tore von Dechert und Erdmann. Wieder hatte Streits Mannschaft eine neue Qualität bewiesen. „Wir sind zurückgekommen und haben uns für den Aufwand noch belohnt, das hat die Jungs beflügelt“, so der Trainer. Beim 3:3 in Dahlen lief es genau andersherum: Die lange führenden Obstländer kassierten kurz vor Schluss den Ausgleich – ein Dämpfer, der aber eine Trotzreaktion bewirkte und Energie freisetzte. Denn aufzuhalten war das Team nun nicht mehr: Ein 3:1 in Doberschütz, ein Derby-4:0 gegen Wermsdorf und ein 3:2 in Zwochau schrieben die Erfolgsgeschichte fort.

Streit reklamiert den Aufschwung keinesfalls für sich allein. Er spricht von Teamwork, ist offen für Anregungen und Wünsche der Mannschaft. „Die Aufstellung bespreche ich mit meinem Co-Trainer Marko Krügel und mit Paul Erdmann. Sie geben Hinweise, ich habe das letzte Wort.“ Was das alles für die Rückrunde bedeutet? „Dass wir unsere Leistungen bestätigen müssen, aber mit großer Zuversicht rangehen. Und alle wissen, dass wir weiter hart arbeiten müssen.“

Saisonziel: Ränge vier bis sechs

Seit Ende Januar ist das Team wieder im Training, Neuzugänge hat Streit nicht. „Dazu fehlen uns die finanziellen Voraussetzungen“, sagt der Coach und mag deshalb auch nicht von einem mittelfristigen Aufstieg in die Landesklasse träumen. „In der Nordsachsenliga oben mitzuspielen ist für uns das Optimum.“ Und so hat Streit in Abstimmung mit der Mannschaft als neues Saisonziel die Ränge vier bis sechs ausgegeben. „Irgendwann werden wir auch wieder verlieren, dann wird sich zeigen, wie weit wir sind.“

Als wichtig bezeichnet er wegen der Rivalität das Derby in Wermsdorf und wäre nicht böse, wenn diesmal Mügeln-Ablaß als bestes Collmteam die Ziellinie überquert, vielleicht auf einem Podestplatz. „Hinter Torgau und Zschortau ist das Rennen offen und Platz drei für uns möglich – wenn wir unseren Höhenflug fortsetzen.“ Streit und seine Jungs sind noch lange nicht satt. Das Fußball-Wunder soll weitergehen.

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