15. März 2022 / 09:59 Uhr

Das letzte Wort kam von ganz oben: "Die Delegierten" behandelt Transfers in der DDR

Das letzte Wort kam von ganz oben: "Die Delegierten" behandelt Transfers in der DDR

Winfried Wächter
Leipziger Volkszeitung
Gemeinsam mit Jürgen Schwarz hat Frank Müller das Buch Die Delegierten geschrieben.
Gemeinsam mit Jürgen Schwarz hat Frank Müller das Buch "Die Delegierten" geschrieben. © Dirk Knofe/Frank Müller
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Transferiert wurde selten - und wenn, dann oft hinter vorgehaltener Hand und aus nicht sehr durchsichtigen Gründen: Wie im DDR-Fußball Spielerwechsel abliefen – das neue Buch „Die Delegierten“ zeigt über 30 Beispiele. Autor Frank Müller stellt es am 18. März gemeinsam mit Damian Halata in der LVZ-Kuppel vor. Wir verlosen Tickets für die Lesung.

Leipzig. Sagte der eine: Schon gehört, der will weg? Entgegnete der andere: Nee, der soll weg. Nichts Genaues wusste der DDR-Fußballfan zunächst nicht, wenn in der DDR-Oberliga ein Spieler künftig für einem anderen Verein spielen wollte oder sollte. Aber der Fan hatte im Buschfunk etwas gehört, und das Interesse war groß, weil solche Wechsel eher die Ausnahme und damit immer etwas Besonderes waren. Da letztlich alles seine Ordnung haben musste, hieß es dann in der offiziellen Vollzugs-Meldung in der Regel für gewöhnlich, der Spieler sei im Interesse seiner Weiterentwicklung delegiert worden, was im DDR-Sprachgebrauch gegenseitiges Einvernehmen suggerierte.

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Politik spielte auch eine Rolle

Frank Müller und Jürgen Schwarz haben ihrem soeben erschienenen Buch daher den naheliegenden Titel „Die Delegierten“ gegeben, in dem sie über drei Dutzend solcher Fälle aufzeigen, die damals zwischen Rostock und Suhl Tagesgespräch waren. Die Unterzeile „Verdeckte Transfergeschäfte im DDR-Fußball“ ist natürlich leseanreizender und trifft den Inhalt auch wesentlich deutlicher. Es wurden tatsächlich Summen gezahlt, die für den DDR-Durchschnittsverdiener unvorstellbar schienen. Lutz Lindemann zum Beispiel hatte 1977 für seinen Wechsel von Erfurt nach Jena eine Umzugsprämie von 15 .000 DDR-Mark erhalten. Der Koffer, den Energie Cottbus dem damaligen Dynamo-Spieler Wolfgang Lischke übergeben wollte, damit der künftig für die Lausitzer Tore schießen sollte, enthielt sogar noch 5000 Mark mehr. Lischke ging dennoch zur BSG Chemie, aber nicht deshalb, weil in Leutzsch mehr gezahlt wurde. Sondern weil er es wollte. Dass auch mit einem Auto gelockt wurde, lässt sich denken. Wer sich wie der Karl-Marx-Städter Dirk Schuster geschickt anstellte, konnte so beim 1. FC Magdeburg einen Lada aushandeln, während es in Zwickau nur einen Trabant gegeben hätte. Jeweils gegen Bezahlung, aber eben ohne die ewig lang erscheinende Wartezeit.

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Fast alle vollzogenen und teilweise auch gescheiterten Wechsel waren ein Politikum. Das letzte Wort hatte in der Regel ein Vertreter der SED-Bezirksleitung. Dort wurde darauf geachtet, dass ihr Fußballclub, also das Leistungszentrum, so stark wie möglich wurde und ambitionierte Vereine wie manche Betriebssportgemeinschaften (BSG) nicht zu stark wurden. Als sich Damian Halata 1988 aus Magdeburg Richtung 1. FC Lok verabschieden wollte, bedurfte es vorher sogar der Zustimmung von ganz oben. SED-Politbüromitglied Egon Krenz musste erst noch seinen Segen geben. Das wäre etwa so, als würde das letzte Wort für den jüngsten Wechsel von Max Kruse von Union Berlin nach Wolfsburg beim für den Sport zuständigen Bundesinnenministerium und damit bei Nancy Faeser (SPD) liegen.

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Lesung in der LVZ-Kuppel

Zahlreichen DDR-Fußballern wurden durch solche politische Einmischung jedenfalls unüberwindbare Steine in den Weg gelegt. Die Dresdner Matthias Müller und Peter Kotte zum Beispiel wussten von den Absichten ihres Mannschaftskollegen Gerd Weber, in den Westen zu ziehen, verrieten ihn aber nicht. Das Thema Leistungsfußball hatte sich für beide ab sofort erledigt – sie wurden nach mehreren Repressalien ausdelegiert. Ralf Heine wurde eine Schwester im Westen zum Verhängnis, Verwandtschaft ersten Grades galt als Fluchtgrund. Also durfte er nicht mehr für den HFC Chemie und später auch nicht für Chemie Leipzig und Chemie Böhlen im Oberliga-Tor stehen.

Müller und Schwarz beschreiben eindrucksvoll die Abläufe im DDR-Fußball. Personelle Veränderungen mussten immer genehmigt werden. Diese Zustimmung wurde selbst großen Namen verwehrt. Die am 19. Januar verstorbene Dynamo-Legende Dixie Dörner wollte seine Laufbahn in Riesa ausklingen lassen. Nichts da, die BSG Stahl wäre zu stark geworden. Delegierungen hatten ihre Grenzen.

Am 18. März liest Frank Müller ab 16 Uhr in der LVZ-Kuppel aus seinem Buch, als Gast dabei ist Damian Halata sowie ein Überraschungsgast. Durch den Abend führt André Böhmer, stellv. Chefredakteur der LVZ. Karten (5 bis 18 Euro) gibt es auf ticketgalerie.de und im LVZ Media Store im Peterssteinweg 19. LVZ-Abonnenten sparen bis zu 50 Prozent.

Hier Tickets für die Lesung gewinnen:

Wer lieber telefonisch am Gewinnspiel teilnehmen möchte: Die Hotline ist unter der Telefonnummer 0341/86092312 am 16. und 17. März jeweils von 10 bis 14 Uhr geschaltet.