04. Juni 2021 / 17:49 Uhr

Das neue Eishockey-Selbstbewusstsein: Deutschland greift nach Gold, Grizzlys Wolfsburg reden offen vom Titel

Das neue Eishockey-Selbstbewusstsein: Deutschland greift nach Gold, Grizzlys Wolfsburg reden offen vom Titel

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
03.06.2021, Lettland, Riga: Eishockey: Weltmeisterschaft, Viertelfinale, Schweiz - Deutschland: Deutschlands Marcel Noebels schießt den Puck am Schweizer Torwart Leonardo Genoni vorbei. Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft gewann das Viertelfinale gegen die Schweiz 3:2 nach Penaltyschießen und spielt damit um die erste WM-Medaille seit 1953. Foto: Roman Koksarov/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Das war frech, das war stark: Marcel Noebels versenkt den Penalty gegen die Schweiz, der Deutschland ins Halbfinale brachte. Grizzlys-Nationalspieler Dominik Bittner (r.) hofft auf einen Schub - und auf Gold. © dpa, City-Press GmbH
Anzeige

Gibt es ein deutsches Eishockey-Wunder wie bei Olympia 2018 -bei der WM hat die deutsche Mannschaft das Halbfinale (Samstag, 17.15 Uhr, gegen Finnland) erreicht. Ein wichtiger Impuls für den Sport in Deutschland meint Nationalspieler Dominik Bittner von Vizemeister Grizzlys Wolfsburg, der sich künftig ähnlich selbstbewusst wie das Nationalteam geben will. 

Anzeige

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft spielt erstmals seit 2010 wieder um eine WM-Medaille. Das ist sicher. Um welche zeigt sich im Halbfinale am Samstag (17.15 Uhr, live bei Sport 1). Als hätte Sebastian Furchner sowas geahnt. Jüngst hatte der Kapitän der Grizzlys Wolfsburg in der neuesten Folge des 3on3-Overtime-Podcasts powered by Sportbuzzer für sich selbst und seine Grizzlys Wolfsburg eine offensivere Herangehensweise an die Formulierung von Zielen angekündigt. Sprich: Man spiele in einer Meisterschaft, also könne man auch sagen, dass man den Titel wolle.

Anzeige

Das war, anders als im Fußball, im Eishockey eine ganze Weile üblich. Akteure sagten offen, dass sie mit ihrem Team den Titel holen wollen. Das wurde weniger. Die Grizzlys, vergangene Saison mit dem Ziel Platz "Play-Offs erreichen" angetreten und Vizemeister geworden, sollten - geht es nach dem Kapitän - ruhig klarer sprechen: "Wer viermal in zehn Jahren im Finale war, der muss nicht propagieren, mitspielen zu wollen, der darf auch sagen, dass er antritt, um Meister zu werden." Und damit fährt Furchner einen ähnlichen Kurs wie das deutsche Nationalteam, das gerade wieder eine Euphorie entfacht wie beim Einzug 2018 ins Olympia-Finale, als mit Björn Krupp und Gerrit Fauser zwei Grizzlys zum Team zählten.

Das DEB-Team hat mit einem 3:2 n. P. gegen die Schweiz am Donnerstag den Einzug ins Halbfinale geschafft, spielt damit mindestens um Bronze. "Unser Ziel ist absolut Gold", sagte Grizzly Dominik Bittner, der als Verteidiger bislang einen Einsatz hatte. Viele Jahre hatte sich Deutschland den Klassenerhalt als Ziel gesetzt, das hat sich gewandelt. Coach Toni Söderholm: "Diese Mannschaft hat ein Stück Eishockey-Geschichte geschrieben. Ich hoffe, das gibt dem deutschen Eishockey wieder einen Push und zeigt, wie gut die Spieler sich entwickelt haben", sagte er im Kicker.



Nach 2018 stieg die Zahl der Neuanmeldungen im Nachwuchs allerorten. Jetzt sorgt das DEB-Team wieder für Furore. Mit Kampf (Sieg nach 0:2-Rückstand), Klasse, wie beim entscheidenden Penalty von Marcel Noebels gegen die Eidgenossen und Emotionen: Dem routinierten Kapitän Moritz Müller kullerten Freudentränen beim Interview nach dem Spiel. Sport1-Kommentator Basti Schwele (selbst mal Eishockey-Profi), der mit Rick Goldmann, ebenfalls Ex-Profi, ein teils tägliches Riesen-Pensum vor dem Mikro lieferte, sprang beim Noebels-Treffer wie ein Derwisch, fiel auf die Knie. Diesen im Bild festgehaltenen Jubel-Ausbruch postete sogar der eher beherrschte Bundestrainer.

Für den Eishockey-Sport könnte der WM-Auftritt des deutschen Teams ein willkommener Schub sein. Die DEL hatte arge Probleme, finanziell durch die vergangene Saison ohne Zuschauer zu kommen. Der Neugier und der Freude am Kufensport tun WM-Erfolge gut. Bittner meint: "Wir hoffen alle, dass das dem deutschen Eishockey wieder einen Push gibt, dass das dem Nachwuchs hilft, dass das Eishockey für Medien und Sponsoren noch interessanter wird, dass es medial auch in den öffentlich-rechtlichen Medien besser begleitet wird. Einfach dass sich viel, viel mehr Leute noch für unseren tollen Sport interessieren."

Es könne klappen. Kritiker sagen zwar, diese WM sei nicht so bedeutend, weil viele Stars fehlen, die in der NHL noch in den Play-Offs spielten und spielen. Aber, so sagt Furchner: "In dem Moment, wo die kommen können, kommen bei uns auch ein Tim Stützle oder ein Leon Draisaitl dazu. Und dann wollen wir mal sehen..." Stützle ist vor einem Jahr von Mannheim als Riesen-Talent zu den Ottawa Senators gewechselt, wurde den hohen Erwartungen gerecht, Draisaitl gilt schon längst als einer der besten NHL-Stürmer. Furchner übers DEB-Team: "Wir müssen uns nicht verstecken, das deutsche Eishockey hat eine große Zukunft."

Grizzlys-Manager Charly Fliegauf sieht es angesichts stetig nachwachsender Talente wie JJ Peterka oder Lukas Reichel ähnlich - und mag auch den offensiven Angang seines Kapitäns: "Man muss sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, große Ziele finde ich gut, es ist auch ein Zeichen von Stärke, wenn man sich traut, das nach außen zu kommunizieren." So möchte es der Kapitän handhaben.

Und was sagt der Bundestrainer? "Ich gönne ihnen alles, was sie jetzt bekommen. Die Reise geht noch weiter, zu dieser Geschichte kommen noch Kapitel hinzu, das ist der allgemeine Wille.“ Das klingt auch nicht nur nach: "Mal gucken, was rauskommt."

Eishockey-WM - Die TV-Termine

Das deutsche Eishockey-Team greift nach einer WM-Medaille. Erstmals seit 2010. Jetzt geht es für die letzten vier verbliebenen Teams ans Eingemachte. Und so läuft es im TV

Am Samstag (17.15 Uhr) geht es im Halbfinale gegen Titelverteidiger Finnland. Sport1 überträgt live, auch im Stream – die Sendung beginnt um 16.30 Uhr. Bereits um 13.15 Uhr treffen Kanada, das fast das Viertelfinale verpasst hätte und die USA aufeinander. 

Das Halbfinale sieht damit alle Teams der Gruppe B. Deutschland hatte im Viertelfinale die Schweiz ausgeschaltet, die USA die Slowakei, Finnland gewann gegen Tschechien und Kanada überraschend nach Verlängerung gegen Russland.

Das Spiel um Platz drei steigt am Sonntag (14.15 Uhr) ), das Endspiel am Sonntag (19.15 Uhr). Sport 1 überträgt jeweils live.