01. Mai 2021 / 15:27 Uhr

Das Phantom von Hannover 96: Wer ist Bernd Blumenthal?

Das Phantom von Hannover 96: Wer ist Bernd Blumenthal?

Nicola Wehrbein
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Hans-Herbert Blumenthal wurde fälschlicherweise zu Bernd Blumenthal.
Hans-Herbert Blumenthal wurde fälschlicherweise zu Bernd Blumenthal. © Picasa / IMAGO/Rust
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Der Name Bernd Blumenthal taucht in einem Sammelalbum der Saison 1973/1974 auf. Er soll Spieler von Hannover 96 gewesen sein, doch ein Bernd Blumenthal hat nie für die Roten gespielt. Die Lösung ist so einfach wie naheliegend.

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Wer ist Bernd Blumenthal? Und wohin ist dieser offenbar sehr talentierte Kicker verschwunden? Fußballfans dürften sich darüber vor langer Zeit ganz gewaltig den Kopf zerbrochen haben. Denn im Bergmann Sammelalbum „Unsere Fußballstars 1973/1974“ ist neben den bekannten Größen der damaligen Bundesligisten auch ein Klebebildchen für Bernd Blumenthal reserviert – als Spieler von Hannover 96, in der speziellen Rubrik „Im weiteren Blickfeld der Bundesliga“. Sein Konterfei prangt in tausenden von Alben. Aber in keiner Fußballstatistik und keinem Spielerportal taucht der Name ansonsten auf. Die Lösung ist so einfach wie naheliegend: Es gibt ihn nicht, diesen Bernd Blumenthal. Gemeint und abgebildet ist in Wirklichkeit Hans-Herbert genannt „Hansi“ Blumenthal. Um ihn geht’s.

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„Da hat sich einer so richtig mit dem Vornamen verhauen“, sagt Hansi Blumenthal lachend – das sei zum Glück nur in dieser einen Ausgabe des Sammelalbums vorgekommen. Wie dieser Fehler passieren konnte und wer damals auf Bernd gekommen ist, wird sich wohl nie klären lassen. „Ich habe mich sehr gewundert und auch etwas geärgert. Aber die Leute aus meinem sportlichen und privaten Umfeld, und auch alle anderen Fußball-Begeisterten wussten ja, dass ich gemeint bin.“

Hans-Herbert Blumenthal (rechts) spielte von 1970 bis 1978 bei Hannover 96 – unter anderem gemeinsam mit Torwart Reinhard Dittel (links).
Hans-Herbert Blumenthal (rechts) spielte von 1970 bis 1978 bei Hannover 96 – unter anderem gemeinsam mit Torwart Reinhard Dittel (links). © IMAGO/Rust

Acht Jahre im 96-Trikot

Ein Bernd existiert nicht in der hiesigen Familie Blumenthal, einen weiteren guten Fußballer gab (und gibt) es durchaus: Neben Hans-Herbert hat sich auch dessen Bruder Werner auf den Plätzen der Region einen Namen gemacht, er ist heute noch als Spielertrainer der Ü60 des TuS Garbsen aktiv. Schwester Renate jagte früher ebenfalls mit Begeisterung dem Leder nach. „Nur unser Bruder Rolf wollte von Fußball nichts wissen“, sagt Hansi Blumenthal, der von 1970 bis 1978 im Dress der Roten verteidigte.

Über die Stationen TSV Kirchrode und Arminia Hannover wechselte Blumenthal zum Amateurteam von Hannover 96. Am 14. Mai 1971 debütierte er unter Trainer Helmuth Johannsen in der 1. Bundesliga – Gegner war der MSV Duisburg. Seinen zweiten Kurzeinsatz hatte er nur zwei Wochen später im Duell mit dem VfB Stuttgart. In der nachfolgenden Saison schnupperte Blumenthal in vier Ligaspielen Profiluft. Mit der Verbandsauswahl von Niedersachsen trumpfte er parallel im Länderpokal groß auf. Auch in der Spielzeit 1972/1973 wurde er bei 96 als Amateur geführt, gehörte aber, ebenso wie etwa Peter Rühmkorb und Reinhard Dittel, dem Profikader an. Jener Reinhard Dittel klebt im Sammelalbum zwischen Karlheinz Höfer und Hans-Herbert alias Bernd Blumenthal.

Erinnerungen an das "Wunder von Wuppertal"

„Aus meiner 96-Zeit ist mir vor allem das Wunder von Wuppertal im Kopf geblieben“, sagt der 72-Jährige. Ein legendäres Ereignis. Die Verträge für die 2. Liga (die damals noch Regionalliga hieß) waren vor dem letzten Spieltag am 9. Juni 1973 in Wuppertal schon unterschrieben. Niemand glaubte mehr so recht an den Klassenerhalt. „Rainer Stiller, Hans Siemensmeyer und Willi Reimann mit einem Doppelpack schossen uns zum 4:0 über den Wuppertaler SV. Und Eintracht Braunschweig verlor zeitgleich mit 1:2 gegen Fortuna Düsseldorf. Daraufhin blieben wir drin und Braunschweig stieg ab“, schildert Blumenthal. „Das war ein sensationeller, unvergesslicher Tag.“ Hannes Baldauf, der im März 1973 den Cheftrainer-Posten übernommen hatte, wurde als „Wunder-Trainer“ gefeiert.

In der nachfolgenden Saison ging es für die Roten tatsächlich runter, als Meister der 2. Liga Nord schaffte das Team aber die sofortige Rückkehr ins Oberhaus. Blumenthal gehörte nicht zu den Stammkräften der Meisterelf, trat jedoch in 13 Ligaspielen an der Seite von Franz-Josef Pauly, Rainer Stiller, Peter Anders, Rolf Kaemmer, Gerd Kasperski, Bernd Wehmeyer, Georg Damjanoff und Co. an – alle genannten Spieler landeten mit Konterfei und Kurzporträt im bergmann-Sammelalbum.

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Wunder wiederholen sich selten. In der Saison 1975/1976 konnte Hannover 96 den erneuten Abstieg nicht verhindern. Blumenthal hatte zumeist mit Kaemmer, Anders und Stiller die Defensive gebildet. Zwei Jahre spielte der Verteidiger noch im Dress der Roten in der 2. Bundesliga, bevor ihn sein früherer Wegbegleiter Hans Siemensmeyer zum TSV Havelse lotste. „Hans hat mich angesprochen, und ich dachte mir: warum nicht.“

Wilhelm Langrehr war 1975 der Coup geglückt, den ehemaligen 96-Kapitän und Nationalspieler als Trainer für die Rot-Weißen zu verpflichten – die Sturmlegende führte den TSV aus der Bezirksliga bis hin zur Oberliga Nord. „In meiner ersten Saison in Havelse sind wir von der Verbandsliga Süd in die Landesliga aufgestiegen und wurden dann gleich Meister der Landesliga West. 1979 haben wir durch ein 3:0 gegen den TuS Hessisch Oldendorf auch den Bezirkspokal geholt“, erzählt Blumenthal, den es nach zwei Jahren beim TSV zu seinem Heimatverein TuS Kleefeld zog. Aber das Abwehrass juckte es noch mächtig in den Füßen, also übernahm er als Spielertrainer die starke Ü32 des HSC Hannover, zu der bekannte Kicker wie Jürgen Stoffregen, Heiko Pahl, Uwe Kathmann, Wolfgang Tickwe und auch sein Bruder Werner zählten. „Das war eine richtig gute Truppe. Wir wurden mehrfach Niedersachsenmeister. Eine schöne Zeit.“

Die aktive Laufbahn von Hansi Blumenthal klang beim TuS Kleefeld aus, vor der eigenen Haustür. „Seit zwei Jahren spiele ich gar nicht mehr. Das Schlüsselbein ist kaputt, ich habe eine Platte in der Schulter. Manche denken ja, sie würden im hohen Alter noch Wunder vollbringen auf dem Platz, das ist nicht meins. Joggen und Spazierengehen, sehr gern, aber aktiv Fußball spielen muss nicht mehr sein. Irgendwann ist mal Schluss.“

Immer noch Autogrammpost

Das sportliche Geschehen bei Hannover 96 verfolgt der 72-Jährige natürlich weiterhin, gern auch als Zuschauer im Stadion. Zu Reinhard Dittel hat er guten Kontakt, sporadisch auch zu Rainer Stiller. Und manchmal sind die rosig-roten Zeiten von einst plötzlich wieder gegenwärtig: „Ganz kurios ist, dass ich immer noch Autogrammpost bekomme, von passionierten Sammlern. Die schicken mir Zeitungsausschnitte, Fotos oder diese Sammelbilder, mit der Bitte, sie unterschrieben zurückzusenden.“

Die Bergmann-Ausgaben gehören längst der Vergangenheit an, 1979 brachte der Panini Verlag sein erstes Bundesliga-Album heraus – und verdrängte in den Folgejahren nahezu alle anderen Sammelbilderverlage vom Markt. Doch damals wie heute lassen die kleinen Sticker der Stars die Herzen vieler Fußballfans höherschlagen, diese Sammelleidenschaft erfasst Jung und Alt. Und manch eine(r) hütet die Alben über Jahrzehnte wie einen Schatz. Auch um irgendwann festzustellen, dass Bernd in Wirklichkeit Hans-Herbert heißt.