08. Mai 2020 / 19:29 Uhr

Das prägt: Tim Winter betreute Behinderte in Argentinien

Das prägt: Tim Winter betreute Behinderte in Argentinien

Christian Meyer
Peiner Allgemeine Zeitung
Am Flughafen holten Mitarbeiter der Organisation „Weltwärts“ Tim Winter (ganz links) ab. Der Oberger betreute während seines Freiwilligendienstes in Argentinien Menschen mit geistiger Behinderung.
Am Flughafen holten Mitarbeiter der Organisation „Weltwärts“ Tim Winter (ganz links) ab. Der Oberger betreute während seines Freiwilligendienstes in Argentinien Menschen mit geistiger Behinderung. © Fotos (2): privat
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Er lernte, sich selbst um seine Probleme zu kümmern, mit weniger Geld auszukommen und wurde in seinem Berufswunsch bestärkt: Ex-Leichtathlet Tim Winter aus Oberg betreute im Freiwilligendienst in Argentinien Menschen mit geistiger Behinderung. Die Arbeit genoss er, verzichtet hätte er gerne auf die Probleme mit seinem Gast-Vater.

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„Einmal mit allem und scharfer Soße bitte!“ Nach acht Monaten Freiwilligendienst in Argentinien stillte der Oberger Tim Winter bei seiner Rückkehr in die Gemeinde Ilsede erstmal ein besonderes Verlangen: Den Appetit auf seinen Lieblings-Döner. „Ich bin mit meinen Eltern essen gegangen. Das hatte ich mir gewünscht“, sagt der 19-Jährige schmunzelnd. Der frühere Leichtathlet der LG Peiner Land hat in Cordoba, der zweitgrößten Stadt Argentiniens, Menschen mit geistiger Behinderung betreut. Die Corona-Krise beendete sein Freiwilligendienst-Abenteuer zwar jäh, nämlich vier Monate früher als geplant. Die Schatztruhe an prägenden Erlebnissen ist trotzdem prall gefüllt. Es gab viel Schönes, aber auch Dinge, auf die der 19-Jährige gerne verzichtet hätte.

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Aus dem einstigen Kurzhaar-Schnitt sind lange, lockig-blonde Haare geworden. Verändert hat sich aber noch mehr im Leben des Obergers, der vergangenen Sommer sein Abitur am Gymnasium Groß Ilsede meisterte. „Ich habe gelernt, mit weniger Geld zu leben, mich um meine eigenen Probleme zu kümmern und sie auch anzusprechen. Darin war ich vorher nicht so geübt. Und ich habe Deutschland noch mehr schätzen gelernt. Im Gesundheitssystem zum Beispiel sind wir gut aufgestellt“, stellt der einstige Top-Läufer der LG Peiner Land fest.

Ein Lächeln als Belohnung: Die Bewohner freuten sich über Tim Winters Einsatz
Ein Lächeln als Belohnung: Die Bewohner freuten sich über Tim Winters Einsatz ©

Im christlichen Projekt „Cottolengo Don Orione“ arbeitete der Blondschopf mit Menschen mit geistiger Behinderung, die aus ärmlichen Verhältnissen stammten. Das Magengrummeln der Start-Phase war schnell verschwunden. „Was ich sehr genossen habe, war meine Arbeit. Denn ich habe viel zurückbekommen. Es war schön zu sehen, wie sich die Bewohner gefreut haben, wenn sie mich gesehen haben“, sagt Tim Winter. Gymnastik, Tanz, Planschen im Pool – in der Bewegungstherapie aktivierte er die Bewohner des Heims. Er unterstützte aber auch die Lehrer an der Sonderschule, druckte zum Beispiel Unterrichtsmaterialien aus oder gab Hilfe-Stellungen im Sport-Unterricht. Er übte mit den Schülern zählen und lernte dabei ganz nebenbei selbst immer besser, Spanisch zu sprechen. Er reichte aber auch Essen an oder betreute die Bewohner bei einer Auto-Wasch-Aktion, mit der Geld für die Einrichtung gesammelt wurde.

Die Arbeit zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht, doch es gab auch Dinge, die ihm Bauchschmerzen bereiteten. Dazu gehörte der mühsame Weg zur Arbeit mit Odysseen mit Bus, Fahrrad oder Taxi aber in erster Linie sein Gast-Vater. „Es gab einige Meinungsverschiedenheiten und dadurch kam Angst und Unwohlsein auf“, bedauert Tim Winter. Der Oberger sollte bei Renovierungsarbeiten am Haus helfen. Er strich Wände, klopfte den Fußboden ab, räumte den Wintergarten auf. „Grundsätzlich hatte ich damit auch kein Problem, das hielt ich für selbstverständlich“, betont der 19-Jährige, zumal es in sein Zimmer andauernd reinregnete. Aber das Pensum überlastete ihn. „Ich hatte schließlich schon 7 Stunden im Heim und lange Wege hinter mir“, erläutert er. Der große Knall folgte, als Tim Winter entdeckte, dass der Gast-Vater einfach seine Kleidungsstücke trug. Freunde halfen ihm dabei, nach sechs Monaten die Gast-Familie zu wechseln. Jetzt lächelte Tim Winter auch wieder nach der Arbeit.

Im Fitness-Studio trainierte er gegen das zwischenzeitliche Unwohlsein an, und er tauchte in Argentiniens Höhepunkte ein. Er besuchte Buenos Aires, hörte die typische Cuarteto-Musik, nippte mal ein wässriges Bier auf einem Festival, genoss das Asado-Grillen und verliebte sich ins Tauchen. In Puerto Madryn an der Atlantikküste erwarb er einen Tauchschein. „Unter Wasser atmen und sich frei bewegen zu können, das hat eine kleine Begeisterung in mir geweckt“, sagt der Ex-Leichtathlet.

Eine neue Leidenschaft: Tim Winter entdeckte das Tauchen
Eine neue Leidenschaft: Tim Winter entdeckte das Tauchen ©

Die Luft für sein Freiwilligendienst-Abenteuer war im März aber unerwartet raus: Die Corona-Krise sorgte dafür, dass das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit ihn aufforderte, vorzeitig nach Deutschland zurückzukehren. Das abrupte Ende bedauert Tim Winter: „Auf meine eigentliche Rückkehr hatte ich mich natürlich gefreut, weil ich meine Familie und Freunde wiedersehen kann. Dann kam es allerdings viel zu plötzlich, denn es fühlte sich so unvollständig an“, sagt der Oberger.

In Deutschland erwarteten Tim Winter Einschränkungen durch die Corona-Schutzmaßnahmen, doch die nervten ihn weniger als befürchtet. „Ich habe es genossen, viel Zeit mit der Familie zu verbringen und mal wieder in einem Zimmer alleine zu schlafen. Zum Schluss hatte ich mir in Cordoba das Zimmer geteilt. Nur leider konnte ich meine Großeltern nur von weitem sehen.“

Sein Fazit nach acht Monaten Freiwilligendienst: „Es hat sich gelohnt, ich würde es nochmal machen.“ Er habe seinen Horizont erweitert und sei durch die Arbeit im Heim sogar noch in seinem Berufswunsch bestätigt worden. Tim Winter möchte Arzt werden. Bis zum Beginn des Medizin-Studiums im Oktober nun nur zu faulenzen, kommt für ihn nicht in Frage. Eine Ausbildung zum Rettungssanitäter etwa könne er sich gut vorstellen oder ein Praktikum. „Auf jeden Fall möchte ich nicht nichts machen.“

Von Christian Meyer