28. Mai 2020 / 12:44 Uhr

Das Ringen um ein Stück Normalität

Das Ringen um ein Stück Normalität

Stefan Ehlers
Ostsee-Zeitung
Endlich wieder Training auf der Ringermatte: Steven Ecker, die Zwillinge Josefine und Angelina Purschke sowie Europameisterin Rebekka March (v.l.) vom SV Warnemünde.
Endlich wieder Training auf der Ringermatte: Steven Ecker, die Zwillinge Josefine und Angelina Purschke sowie Europameisterin Rebekka March (v.l.) vom SV Warnemünde. © Fotos: Stefan Ehlers
Anzeige

Wohngemeinschaften gegründet, Anträge geschrieben und Konzepte eingereicht – die Top-Ringer des SV Warnemünde haben erfolgreich um eine Trainingserlaubnis gekämpft. Steven Ecker, Josefine und Angelina Purschke, Rebekka March und Louisa Scheel hoffen, bald wieder kämpfen zu dürfen.

Anzeige
Anzeige

Auf einmal waren alle Türen zu. Mitte März wurde die Sportschule Frankfurt/Oder und das dazugehörige Internat geschlossen wurden. Rund 500 Schüler, zumeist Spitzensportler, mussten ihre ­Sachen packen und die Heimreise antreten.

Dazu gehörten auch 18 Ringer aus Mecklenburg-Vorpommern, ­allen voran Europameisterin Rebekka March, die Zwillingsschwestern Josefine und Angelina Purschke, Louisa Scheel sowie Steven Ecker. Die Top-Talente des SV Warnemünde – allesamt Hoffnungsträger für die Olympischen Spiele 2024 in Paris – traf die Corona-Pandemie mitten in der Vorbereitung auf die deutschen Meisterschaften.

„Jeder Tag, an dem die Sportler nicht trainieren können, ist im internationalen Wettbewerb eine Katastrophe“, sagt Benno Gallinat, der als Landestrainer hauptsächlich für den weiblichen Bereich verantwortlich zeichnet.

Der 48 Jahre alte Familienvater, der zusammen mit seiner Schwester in einem Doppelhaus in Bad Doberan lebt, bildete Wohngemeinschaften.

Bei den Ringern geht es familiär zu. „Josefine und Angelina sind meine Nichten“, erklärt Gallinat. Die 18 Jahre alten Zwillingsschwestern kehrten in ihr Elternhaus zurück. Angelina brachte ihren Lebensgefährten Steven (19) mit. Die aus Lübtheen stammende Louisa (16) zog bei den Gallinats ein. Die ein Jahr ältere Rebekka wohnt nur wenige hundert Meter entfernt. „Bekki war schon mit uns zusammen im Urlaub. Ihre Mama war die Trauzeugin meiner Frau“, erzählt Gallinat, dessen Carport kurzerhand zur Ersatz-Trainingsstätte umfunktioniert wurde. Doch angesichts der zum Teil kühlen Temperaturen war das keine Dauerlösung.

Gallinat wandte sich an den Verein, erstellte ein Konzept und nahm Kontakt zum Olympiastützpunkt (OSP) auf. Abteilungsleiter Detlef Nuelken war vom Engagement des Coaches angetan und half bei der Suche nach einem Ausweichquartier. Als mögliche Trainingsstätte war zunächst die Laufhalle im Gespräch. „Das war aber logistisch nicht zu machen, dort einen Mattenraum aufzubauen“, sagt der Coach. Er kämpfte weiter, machte eine Zeichnung, erklärte die Gegebenheiten sowie die sozialen Strukturen innerhalb der Trainingsgruppe – und hatte Erfolg.

Abteilungsleiter Stefan Pentschew (47) setzte alle Hebel in Bewegung, damit auch die 13 Landeskader wieder trainieren dürfen. Doch vergeblich. Lediglich die fünf Bundeskader dürfen mit einer Ausnahmeregelung und unter Einhaltung der hygienischen Vorschriften wieder ihr angestammtes Trainingsquartier in der Kopenhagener Straße beziehen. „Es wäre ein kleines Fiasko geworden, wenn es nicht geklappt hätte“, meint Gallinat. Trainiert wird jeweils in zwei Gruppen – nach Wohngemeinschaften getrennt. Die fünf Sportler, allesamt deutsche Meister in ihren Jahrgängen, üben Würfe mit der Puppe oder schwitzen an Kraftgeräten. Partnerarbeit ist nicht erlaubt.

Angelina Purschke beim Techniktraining mit einer Puppe. Partnerarbeit ist derzeit nicht erlaubt.
Angelina Purschke beim Techniktraining mit einer Puppe. Partnerarbeit ist derzeit nicht erlaubt. ©
Anzeige

„So viel Abstand zu halten, ist ungewohnt, wir gehören ja zu den Kontaktsportarten. Aber wir haben ja noch Glück“, meint Josefine Purschke mit Blick auf zahlreiche andere Athleten, die noch nicht wieder trainieren können. Auch Rebekka March ist begeistert. „Wir können hier Bewegungsabläufe machen und haben unser spezielles Equipment. Ich find’s klasse“, schwärmt die amtierende Europameisterin der Kadetten.

Gut gelaunt beim Training: Europameisterin Rebekka March am Arm-Ergo-Gerät Marke Eigenbau. 
Gut gelaunt beim Training: Europameisterin Rebekka March am Arm-Ergo-Gerät Marke Eigenbau.  ©

Wettkämpfe sind bis auf Weiteres abgesagt. „Wir hoffen, dass Meisterschaften nachgeholt werden“, sagt Angelina Purschke. Ihr Freund Steven Ecker fügt hinzu: „Die Turniere fehlen. Es fehlt einem alles. Aber wir müssen weiterkämpfen.“ In der Hoffnung, dass die Junioren und Kadetten Ende des Jahres ihre Weltmeister küren können.

Ecker wechselte der Liebe wegen im Frühjahr aus dem Saarland zum SVW. Im Herbst beginnt er seinen Dienst bei der Sportfördergruppe der Polizei.

Darüber hinaus kehren Tien Nygen-Ho und Gallinats Sohn Eugene (19) nach Rostock zurück. Eugene beginnt eine Ausbildung bei der Feuerwehr und steigt als Übungsleiter ein. Mehr als 70 Mitglieder zählt die Abteilung Ringen des SVW, mehr als 30 von ihnen mischen in der Krabbelgruppe mit.

Der Rostocker stellte eine neue Mannschaft auf die Beine, in der auch Mädchen kämpfen dürfen. „Im Schnitt hatten wir immer 120 bis 150 Zuschauer“, erzählt der Mann, der schon viele Sportler von Anfang an begleitet hat. „Du siehst, wie sie auf die Matte kommen, ihre ersten Schritte machen und sich entwickeln“, sagt Gallinat, der schon viele Talente in Richtung Olympiastützpunkt Frankfurt/Oder ziehen lassen musste. „Das fällt nicht leicht“, bekennt der Coach, der als Techniker im AWO-Pflegeheim WohnOase tätig ist.

Als Heimcoach ist er bei Turnieren dabei. Doch die Taktik geben die Bundestrainer vor. „Das Schönste ist, wenn man das Gefühl hat, dass man trotzdem dazugehört. Und das ist bei uns so“, versichert Gallinat, der einen leichten Aufschwung in seiner Lieblingssportart verspürt. „Wir haben in den vergangenen vier, fünf Jahren etwa zwanzig Titel geholt“, sagt Gallinat nicht ohne Stolz.

Auch außerhalb der Matte tut sich etwas. Die in die Jahre gekommene Sporthalle in der Kopenhagener Straße wird umgebaut. Das neue Trainingsdomizil wird größer und schicker. Für die Warnemünder Ringer ist das eine Supersache – selbst wenn eines Tages wieder die Sportschule in Frankfurt/Oder ihre Türen öffnet.

Metz und Vesper wurden Olympiasieger

Rund 500 Sportler zählt der Ringerverband Mecklenburg-Vorpommern. Die olympische Sportart wird in neun Vereinen betrieben: SV Warnemünde, RV Schwerin, AE Grimmen, Demminer RV, Greifswalder RV, SAV Torgelow, HAC Stralsund, RV Lübtheen und PSV Rostock.

Erfolgreichste Ringer aus MV waren Lothar Metz, Rudolf Vesper und Heinz-Helmut Wehling (alle ASK Vorwärts Rostock). Metz und Vesper – beide inzwischen 81 – wurden 1968 in Mexiko-Stadt Olympiasieger. Metz gewann da- r­über hinaus 1960 Silber und 1964 Bronze. Wehling feierte 1972 mit Olympia-Silber und Bronze 1976 seine größten Erfolge. Der Warnemünder Joachim Grohmann gewann elf Meistertitel – acht als Ringer und drei als Sportakrobat. Nach der Wende glänzte sein Vereinskamerad Siegfried Jozlowski als siebenfacher Senioren-Weltmeister. 

Der SV Warnemünde feierte 2019 den 70. Geburtstag. Die Ringer aus dem Ostseebad bilden zusammen mit Sportlern aus Rostock, Stralsund und Neubrandenburg die Kampfgemeinschaft Küstenringer. Die Norddeutschen wurden im Vorjahr in der Oberliga Brandenburg Staffelsieger.