17. Mai 2021 / 10:12 Uhr

Debatte um Olympia wird hitziger: Wird Tokio zum "Epizentrum neuer Infektionen"?

Debatte um Olympia wird hitziger: Wird Tokio zum "Epizentrum neuer Infektionen"?

Felix Lill
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Olympischen Spiele in Tokio sind wegen der Pandemie von 2020 auf das Jahr 2021 verschoben worden.
Die Olympischen Spiele in Tokio sind wegen der Pandemie von 2020 auf das Jahr 2021 verschoben worden. © Getty Images/Montage
Anzeige

In Japan werden die Debatten um die Austragung der Sommerspiele immer hitziger. Die Gesundheitsexpertin Haruka Sakamoto befürchtet Probleme in den Krankenhäusern. Droht durch die Olympischen Spiele in Tokio der Kollaps des Gesundheitssystems? 

Anzeige

"Das Risiko ist sehr hoch", sagt Haruka Sakamoto, "dass Tokyo 2020 ein Epizentrum neuer Infektionen wird." Rund 11.000 Athleten und Athletinnen werden im Sommer in die japanische Hauptstadt reisen, hinzu kommen Tausende Betreuer und Medienschaffende – die Paralympischen Spiele danach nicht mitgezählt. Dies grenze an Irrsinn, findet die Gesundheitsexpertin der Tokioter Keio Universität. Die Diskussion, ob Tokio die Spiele austragen sollte, ist hitziger geworden. Längst sind es nicht mehr nur Meinungsumfragen, die die Debatte anfeuern. Auch Gesundheitsexperten beziehen Stellung. "Wenn jetzt alles gecancelt wird, bleibt ein großer Schuldenberg. Und für all die Athleten würde der größte Traum zerplatzen", sagt Sakamoto. "Aber aus der Perspektive der öffentlichen Gesundheit sollten die Spiele abgesagt werden."

Anzeige

Ende April sagte Shigeru Omi, der die Taskforce der japanischen Regierung zur Pandemiebekämpfung leitet, im Parlament dies: "Es ist an der Zeit, dass das Organisationskomitee und andere betroffene Parteien eine gründliche Diskussion über die Spiele führen und dabei den Grad der Infektionen und die angespannte medizinische Situation berücksichtigen." Zuvor veröffentlichten Gesundheitsforscher aus Japan und Großbritannien ein Papier mit dem Titel: "Denken Sie über die Olympischen und Paralympischen Spiele noch einmal nach."

Gut zwei Monate vor dem Beginn der Veranstaltung hat deren Gastgeberstadt jede Menge Probleme. Schon derart oft haben die Organisatoren betont, "Tokyo 2020" werde am 23. Juli starten, dass sie sich kaum noch umentscheiden können. Premierminister Yoshihide Suga sagte jüngst im Parlament: "Wir werden unser Bestes tun, um das Leben und die Gesundheit der Menschen zu schützen und ein sicheres Sportfest zu realisieren."

Gesundheitsexpertin befürchtet: Olympia könnte zum Systemkollaps in Tokio führen

Zugleich spricht immer mehr für eine Kehrtwende. An diesem Montag sollte IOC-Präsident Thomas Bach für letzte Besprechungen nach Japan kommen. Kurzerhand aber wurde der Besuch auf Juni verschoben. Schließlich herrscht in Tokio und drei weiteren Metropolregionen der Ausnahmezustand. Zwar ist Japan mit rund 630.000 Infektions- und 11.000 Todesfällen noch relativ milde vom Virus betroffen. Das Gesundheitssystem ist dennoch an seinen Grenzen. "Es gibt kritische Engpässe an Krankenhausbetten", sagte Premier Suga dieser Tage vor der Corona-Taskforce, als er die Fortsetzung der Einschränkungen begründete.

Bisher betrifft dies vor allem die Gegenden um Osaka und Kobe. "In Osaka wurden in der letzten Zeit um die 100 Patienten, die Intensivbehandlung benötigt hätten, wieder nach Hause geschickt", berichtet Haruka Sakamoto. Diesen Systemkollaps befürchten sie und andere Forscher auch für Tokio. "Jedes Jahr werden Menschen mit Hitzeschlag eingeliefert. Die Krankenhausauslastung ist dann immer hoch. Und wenn jetzt noch die Pandemie und der Menschenandrang durch Olympia hinzukommen, befürchten wir einen Kollaps."

Die Sicherheit aller Beteiligten habe "oberste Priorität", versichern dagegen die Organisatoren. Ende April legten sie die zweite Version des sogenannten Playbooks vor, das die Regeln für Athleten und weitere Teilnehmer vorgibt. Alle Athleten sollen demnach täglich getestet werden, die japanische Corona-App installieren und keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Während der Spiele gelten außerhalb der Wettkämpfe Abstandsregeln. Nach der Abschlussfeier am 6. August müssen alle binnen 48 Stunden das Land wieder verlassen. Für die Paralympics gilt das Gleiche. All diese Vorkehrungen sollen Zuversicht spenden. "Bei unseren Diskussionen dieser Tage geht es nicht darum, ob wir die Spiele abhalten können, sondern wie", erklärte Hidemasa Nakamura vom Organisationskomitee. Ass im Ärmel der Organisatoren: schnelle Fortschritte beim Impfen. Vergangene Woche verkündeten die Pharmakonzerne Biontech und Pfizer einen Deal mit dem IOC über die Bereitstellung von Impfstoff für alle Olympiateilnehmer.