08. September 2019 / 15:56 Uhr

Das stille Genie – Zum 110. Geburtstag von Alfred Kunze

Das stille Genie – Zum 110. Geburtstag von Alfred Kunze

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Schlachtenbummler lassen den Meister-Trainer Alfred Kunze hoch, hoch, hoch leben.
Schlachtenbummler lassen den Meister-Trainer Alfred Kunze hoch, hoch, hoch leben.
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Anno 1964 war Alfred Kunze mit dem „Rest von Leipzig“ sensationell DDR-Meister geworden. Seither ist sein Konterfei auf zahllosen Fahnen, Transparenten und Aufklebern zu sehen. Außerdem soll im Oktober eine Biografie des unvergessenen Fußball-Lehrers erscheinen... 

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Leipzig. An diesem Sonntag vor 110 Jahren wurde ein großer Sohn Leipzig geboren – der Fußball-Lehrer und das Leutzscher Idol Alfred Kunze. Sein Name ist allgegenwärtig, denn das Chemie-Stadion ist nach ihm benannt, sein Konterfei findet sich auf Fahnen, Transparenten und Aufklebern. Unsterblich wurde er vor allem durch den Streich, den er mit seiner Chemie-Elf den DDR-Sportfunktionären 1964 spielte, als er mit dem „Rest von Leipzig“ sensationell DDR-Meister wurde.

Die Geschichte ist ausgiebig erzählt: Die vermeintlich besten Spieler der Oberliga-Vereine SC Lok und SC Rotation werden so aufgeteilt, um endlich zählbaren Erfolg zu haben. Die „Bündelung der Kräfte“ bringt den SC Leipzig (im Fußball ab 1966 1. FC Lok) hervor. Der Rest der Spieler muss irgendwo unterkommen und landet letztlich bei der BSG Chemie, der neun Jahre zuvor trotz der Vizemeisterschaft(!) das Oberligaspielrecht entzogen worden war.

Alfred Kunze – als Trainer des SC Lok (nicht zu verwechseln mit dem 1. FC Lok) im Stadion des Friedens tätig – war bei der Auswahl der Spieler beteiligt. Er schaffte es, den Funktionären ein Schnippchen zu schlagen, indem er offensichtliche Fehleinschätzungen nicht korrigierte und sie zu seinen Gunsten nutzte.

Die Tribüne im Alfred-Kunze-Sportpark hat schon bessere Tage gesehen. (@ Dirk Knofe) (2)
Die steinerne Meistermannschaft von 1964 im Alfred-Kunze-Sportpark © Archiv
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Denn es war früh klar, dass er der Trainer jener übrig gebliebenen Spieler sein würde – bei Chemie. Der Rest ist Legende: Die als erster Absteiger gehandelten Außenseiter trumpften durch Trotz, unbändigen Willen und Einsatz sowie zunehmend auch mit Spielwitz auf, gewannen sensationell die Meisterschaft. Ein riesiges Reservoir an kreativen und begeisterungsfähigen Fans tat sein übriges, 10 000 Anhänger fuhren mit zum entscheidenden Spiel nach Erfurt.

Trotz, unbändiger Willen und Einsatz

Kunze, stets bescheiden und zurückhaltend, wurde schon dort gefeiert wie ein Messias, was ihm stets suspekt und anscheinend unangenehm war. 1967 beendete er auf eigenen Wunsch seine Trainertätigkeit bei Chemie, widmete sich fortan an der Sporthochschule DHfK wissenschaftlicher Arbeit. Dort war er 15 Jahre zuvor schon einmal tätig – und entlassen worden. In einer Tagung des Trainerrates hatte er sich sehr offen und kritisch über den 17. Juni 1953 und das politische Klima in der DDR geäußert.

Die Kaderleitung der DHfK schrieb am 4. Februar 1954: „Die im Trainerrat von Alfred Kunze gemachten Äußerungen sind staatsfeindlich und stehen im Widerspruch zu seiner Anstellung bei der DHfK.“ Die Entlassung war besiegelt. Dabei gehörte Kunze, der in einem SPD-Haushalt aufwuchs und selbst stark im Arbeitersport engagiert war, zu den Größen der DDR-Trainerzunft. Er war noch vor der Anerkennung der DDR als Mitgliedsstaat der FIFA Trainer der DDR-Auswahl, die er in mehreren inoffiziellen Spielen betreute.

Nach der Zeit an der DHfK durfte Kunze weiter als Trainer arbeiten, war ein Jahr bei der BSG Chemie (1953/54) und erlebte deren Auflösung aufgrund der ersten Neuordnung des Leipziger Fußballs mit. Er trainierte dann den neugebildeten SC Lok, der im wesentlichen aus den ehemaligen Chemie-Spielern bestand und im Stadion des Friedens spielte. Der SC Rotation kickte in Probstheida.

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Nur ein Jahr dauerte es bis zum nächsten großen Bruch. „Mangelnde politische Erziehung“ und große Unruhe in der Mannschaft, von der viele Spieler den Club verlassen wollten, bewirkten die Entlassung Kunzes und des Starstürmers Rudi Krause. Beide wechselten nach Weimar und brachten die Mannschaft von der dritten in die zweite Liga. Nach einem Jahr bei Wissenschaft Halle kam Kunze zurück zum SC Lok und blieb dort bis zum berühmten Jahr 1963.

„Wer nicht alles gibt, gibt nichts“

Der immer wieder als großartiger Psychologe beschriebene Kunze glänzte durch fachliche Kompetenz und viele Neuerungen im Spielsystem. Seine Bescheidenheit und Menschlichkeit brachten ihm Anerkennung wie kaum einem anderen Kollegen. Sein Motivationsspruch „Wer nicht alles gibt, gibt nichts“ lebt fort im Leutzscher Holz, ist quasi Gesetz im zeitgenössischen Vereinsleben.

Als das Stadion in Leutzsch noch zu seinen Lebzeiten seinen Namen erhielt, konnte es der Namensgeber kaum fassen. „Zu viel der Ehre“, meinte er, konnte es aber mit Stolz annehmen. Alfred Kunze verstarb am 19. Juli 1996. Unvergessen bleibt er. Zudem wird in Kürze eine Biografie über ihn erscheinen: „Das stille Genie“ wird Ende Oktober bei „Backroad Diaries“ herausgegeben und wird weitere Einzelheiten über Alfred Kunzes Leben erzählen.

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