24. Mai 2021 / 18:00 Uhr

Das war´s: Nagelsmann verlässt RB Leipzig ohne Applaus, Konaté vor Abflug

Das war´s: Nagelsmann verlässt RB Leipzig ohne Applaus, Konaté vor Abflug

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Nicht nur RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann (li.) geht: Auch Ibrahima Konaté ist auf dem Sprung.
Nicht nur RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann (li.) geht: Auch Ibrahima Konaté ist auf dem Sprung. © Christian Modla
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Chancen-Wucher, Gegentreffer in der Nachspielzeit: Mit einem 1:2 bei Union Berlin verabschiedet sich Julian Nagelsmann aus Leipzig. Doch auch ein Weiterer wird nicht mehr in der Messestadt weilen: Ibrahima Konaté steht vor dem Absprung nach Liverpool.

Leipzig. Der erste Eindruck ist wichtig, der letzte wichtiger, weil bleibend. Was bleibt nach zwei Spielzeiten von Julian Nagelsmann? Hätte auch ein weniger begabter Übungsleiter RB zweimal in die Champions League, einmal ins Halbfinale der Königsklasse und nach Berlin zum DFB-Pokal-Finale geführt? Überschatten die Verwerfungen rund um den Wechsel des 33-jährigen Fußball-Gelehrten zu den Bayern Anmut, Schönheit und Siege der vorherigen 23 Monate? Entwertet das Nagelsmannsche Herumgeeiere um (k)ein Angebot aus München all die charmanten und fundierten O-Töne des jungen Mannes, die sich wohltuend abgehoben haben von den Gegen-Abend-ist-mit-zunehmender Dunkelheit-zu-rechnen-Langweilern?

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Beim Toreschießen verschlechtert

Blaupause in und gegen Berlin: Berlin, Berlin, sie waren zuletzt zweimal in Berlin und gingen leer aus. Das 1:4 im Pokal gegen den BVB und das 1:2 vom Sonnabend bei Union Berlin förderte vieles zutage, was die Roten Bullen ausgezeichnet, aber auch von ganz großen Würfen (Titeln) abgehalten hat. In den brillanten Phasen spielten Julians Nagelsmänner verwirrend, schnell, hinreißend, selbstverständlich, sorglos, beschwingt. Der Weg war das Ziel und führte oft genug zu selbigem. Zuweilen, wir sind bei den weniger ergiebigen Momenten, wurde aus den Orgien an Kombinationen, Positionswechseln und taktischen Wendemanövern brotlose Kunst - und in Schönheit gestorben. Dann ging vorne keiner oder einer zu wenig rein und die Nummer nach hinten los. Nicht nur beim Berliner Cup-Finale und dem verlorenen letzten Ligaspiel in der Alten Försterei sprachen nahezu alle relevanten Spieldaten für RB. Ballbesitz, Chancen, Gedöns. Nur beim nackten Ergebnis hakte es.

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Das 1:2 bei Union erfüllte mit Blick auf Leipzigs Überlegenheit und Chancen-Wucher den Tatbestand einer neuerlichen Groteske. Justin Kluivert traf zum 1:0 für RB (55.), Marvin Friedrich egalisierte (67.), Max Kruse köpfelte den Berliner Siegtreffer (90 + 2). Nagelsmann: „Wir haben uns fußballerisch in allen Bereichen weiterentwickelt - die Tore sind der einzige Wert, bei dem wir uns deutlich verschlechtert haben.”

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Leipzig war nie die Homebase

Baustelle Sturm: Kann Nagelsmann etwas dafür, dass Erling Haaland in Dortmund und Timo Werner bei Chelsea spielt? Hätte er Alexander Sörloth, Hee-Chan Hwang und Yussuf Poulsen mehr Vertrauen schenken müssen? Dass Haaland zu seinen frühen und durchaus ungelenken Salzburger Tagen ja zu einer Offerte aus Leipzig gesagt hätte, ist lebensnah. Als der BVB und die anderen Großkopferten in der Verlosung waren, ging nix mehr für RB. Werner? War nicht zu halten. Sörloth, Hwang, Poulsen? Verkörpern im Weltbild des Trainers nicht den kompletten und damit idealtypischen Angreifer. Die Abkehr von der Balljagd übers ganze Spielfeld hin zum gepflegten Ballbesitz-Fußball hat Früchte getragen, litt aber unter einem nachgerader tragisch-komischen Missverhältnis zwischen Torchancen und Torjubel. Die Baustelle Sturm hat man bei RB unterschätzt bzw. nicht ausreichend tatkräftig bearbeitet.

Nagelsmann verschenkt seine Trainer-Klamotten: Julian Nagelsmann kam im Stadtbild Leipzig selten bis gar nicht vor. Überliefert ist ein After-Work-Besuch zusammen mit Sportdirektor Markus Krösche in der Vodkaria. In seiner Freizeit setzte sich Nagelsmann auf sein Motorrad, erkundete die Natur. Leipzig war nie die Homebase der Familie Nagelsmann, Frau und Kinder sind in Bayern geblieben. Auch Krösches Familie war nur kurzzeitig in Leipzig. Beider Lebensentwürfe sind: Privatsache. In den Tagen vorm Saisonfinale hat Nagelsmann tütenweise Trainer-Klamotten verschenkt, RB-MitarbeiterInnen glücklich gemacht. Die RB-Bediensteten dürfen weiter Nike tragen, bei den Bayern ist Adidas Ausrüster und strategischer Partner.

Stolze Summe für Konaté

Seid umschlungen, 25 Millionen Euro: Am Sonntag übergab Nagelsmann sein Büro am Cottaweg und seine Vier-Raum-Wohnung in Gohlis mit Zoo-Blick besenrein und düste zu seinen Lieben daheim. „Das Kapitel Leipzig ist für mich beendet“, sagt er. „Es war ein schönes.“ Und aus RB-Sicht ein emotional schwieriges, aber finanziell einträgliches. Die Bayern zahlen 23 Millionen Euro, weitere zwei Millionen Euro schlagen 2022 erfolgsabhängig in Leipzig auf.

Neuer Trainer, andere Spielweise, neues Glück? Der zweifache Salzburger Double-Sieger Jesse Marsch, 47, war 2018/2019 Ralf Rangnicks Assistent in Leipzig, begrüßt die RB-Fußballer am 5. Juli zum Trainingsauftakt. Vom 25. Juli bis zum 1. August wird im Saalfelden-Camp (Österreich) geübt. Ibrahima Konaté wird bei der stückweisen Rückkehr zu den fußballerischen RB-Wurzeln „Pressing & vertikal in die Box“ nicht dabei sein, der 21-jährige Innenverteidiger wechselt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum FC Liverpool, spült via Ausstiegsklausel über 40 Millionen Euro in die Kasse. Viel Geld für einen jungen Mann, der 2017 zum Nulltarif aus Sochaux kam und in der letzten Saison verletzungsbedingt kein großer Faktor bei RB war. Auch Kapitän Marcel Sabitzer, 27, hat eine Ausstiegsklausel. Die ist wiederum so hoch (jenseits der 50 Millionen Euro), dass sie in Pandemie-Zeiten de facto nicht vorhanden ist. Seinen Vertrag verlängert (bis 2025) hat allerdings Sturmtalent Dennis Borkowski, zur Zeit leihweise im Trikot des 1. FC Nürnberg aufläuft.

2019 war Nagelsmann in Gohlis Nachmieter eines gewissen Jesse Marsch. 2021 ist´s umgekehrt.