28. Juli 2018 / 08:23 Uhr

Das Wunder von Huddersfield : Coach David Wagner im Interview

Das Wunder von Huddersfield : Coach David Wagner im Interview

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Huddersfield-Coach David Wagner (l.) und Manchester-City-Cheftrainer Pep Guardiola verstehen sich gut. 
Huddersfield-Coach David Wagner (l.) und Manchester-City-Cheftrainer Pep Guardiola verstehen sich gut.  © imago/Action Plus
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Shootingstar David Wagner über Jürgen Klopp, Pep Guardiola, RB Coach Ralf Rangnick und ein Wiedersehen in den Tiroler Bergen

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Leipzig/Huddersfield. 16. März 1991, kurz vorm Ende der Partie Frankfurt – Bochum holt Eintracht-Trainer Jörg Berger Mittelstürmer Anthony Yeboah vom Feld und bringt einen gewissen David Wagner. Der 19-jährige Deutsch-Amerikaner fällt nicht weiter auf, wechselt im Sommer zum Zweitligisten Mainz 05 (94 Spiele, 19 Tore), macht zwischen ’95 und ’97 auf Schalke 29 Erstligaspiele und übernimmt 2007 seinen ersten Job als Trainer. In Hoffenheim. 2015 zündet Wagner den Nachbrenner, wird Trainer in Huddersfield und reiht 2017 und 2018 zwei Wunder aneinander. Aufstieg in die Premier League und Klassenerhalt in der sexiesten Liga der Welt. Wagner über den himmelweiten Unterschied zwischen dem Dasein als Fußballer und Trainer, die supernetten Pep Guardiola und José Mourinho, den nicht ganz so netten Arsène Wenger, das Champions-League-Drama seines Freundes Jürgen Klopp, die nicht im Ansatz lahme Ente Ralf Rangnick und den Test RB – Huddersfield nächsten Freitag in Seefeld. Übrigens: Autor Guido Schäfer, 53, und Wagner, 46, haben zusammen in Mainz gekickt, duzen sich im wahren Leben. Schäfers Trainerkarriere kulminierte und endete in der vierten rheinhessischen Frauen-Liga, Wagners führt in den Olymp.

Sie haben 30 Bundesligaspiele gemacht und zwei Tore geschossen. Keine heldenhafte Erstliga-Bilanz, Herr Wagner.

Es gibt Fußballer, die die Bundesliga nur aus der Sportschau kennen, Herr Schäfer. Ganz oben habe ich nie richtig Fuß gefasst, die anderen waren einfach besser als ich. Gegen einen Tony Yeboah bei der Eintracht oder Martin Max auf Schalke war ich ein kleines Licht. An richtig guten Tagen hatte ich vielleicht Bundesliga-Niveau. Diese richtig guten Tage waren leider selten. In der 2. Liga war ich gut aufgehoben.

Zwischen Ihrem letzten Einsatz als Fußballer und dem ersten Trainerjob im Hoffenheimer Nachwuchs lagen über fünf Jahre. Was haben Sie mittendrin getrieben?

Ich war begeisterter Vollzeitstudent in Darmstadt, habe Biologie und Sport studiert. Damals war ich weit weg vom Fußball. Kein Stadion, keine Sportschau, nicht mal den Kicker habe ich gelesen. 2007 kam die Droge Fußball zurück. Ich war Ex-Profi, hatte eine sportpädagogische Ausbildung und die Fußball-Lehrer-Lizenz, dachte über eine Zukunft als Trainer nach.

Der Jubel ist gerechtfertigt: David Wagner feiert mit Underdog Huddersfield Town den Klassenerhalt. 
Der Jubel ist gerechtfertigt: David Wagner feiert mit Underdog Huddersfield Town den Klassenerhalt.  © 2018 Getty Images
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Als stimmiges Gesamtpaket.

Dem ein wesentlicher Inhalt fehlte: Erfahrung. Ehrlich gesagt, wusste ich damals nichts von dem Job. Fußballer und Trainer – das sind zwei paar Schuhe. Und die des Trainers sind viel größer.

Sie trainierten dann je ein Jahr die U17 und U19 von 1899 Hoffenheim, waren nah dran am Profitraining von Ralf Rangnick. 2009 war Schicht im Schacht.

Die Verantwortlichen waren wohl nicht zufrieden mit mir. Und dann stand ich da – im kurzen Hemd und arbeitslos.

2011 hat Sie Jürgen Klopp zur U23 des BVB geholt. Ein Freundschaftsdienst aus Überzeugung?

Jürgen und ich sind Freunde, das stimmt. Und wir ticken ähnlich. Er und der BVB waren überzeugt, dass das passt. Und es hat gepasst.

David Wagner und Liverpools Coach Jürgen Klopp verbindet eine innige Freundschaft.
David Wagner und Liverpools Coach Jürgen Klopp verbindet eine innige Freundschaft. © 2018 Getty Images

Durch Ihre Hände gingen 20, 25 junge Fußballer, die heute in der 2. und 1. Liga spielen.

Eher 30 bis 35.

Marcel Halstenberg gehört dazu.

Den haben wir von der U23 von Hannover 96 geholt. Ein toller Junge. Ich habe in Dortmund extrem viel dazugelernt. Auch dank Kloppo. Er sagte immer zu mir: ,Du bist ein guter Typ, bleib einfach du selbst. Ehrlich, authentisch.‘ Ein guter Rat. Alles andere kostet auch zu viel Kraft, ich bin Trainer, kein Schauspieler.

Ihre Trainerkarriere nahm in Huddersfield anno 2015 explosionsartig Fahrt auf. Oder täuscht das?

Das war anfangs eher eine Implosion. Ich habe die beiden ersten Spiele verloren und wir standen auf einem Abstiegsplatz. In der zweiten Liga.

15 Monate später lag Ihnen das halbe englische Königreich zu Füßen. Mai 2017, Wembley-Stadion, Elferkrimi gegen Reading, Aufstieg in die Premier League. Was hat eine der größten Sensationen des englischen Fußballs mit Ihnen gemacht?

Es war der größte Moment meines sportlichen Lebens und der Huddersfielder Geschichte. Wir sind mit einem Keller-Etat in die Saison gegangen, haben 22 unserer 25 Siege mit einem Tor Vorsprung geschafft, sind mit negativem Torverhältnis aufgestiegen. Alle im Club waren offen für Neues, alle haben sich mit allem, was sie haben, eingebracht. Und wir haben gute Transfers gemacht, Männer mit Biss und Mentalität geholt – wie den Ex-Chemnitzer Chris Löwe und Michael Hefele aus Dresden. Natürlich hatten wir auch Glück.

David Wagner (Mitte) 1991 auf der Ersatzbank von Mainz 05. Neben Ihm der heutige LVZ-Chefreporter Guido Schäfer. 
David Wagner (Mitte) 1991 auf der Ersatzbank von Mainz 05. Neben Ihm der heutige LVZ-Chefreporter Guido Schäfer.  © Sascha Kopp

Nach dem Aufstieg war vor dem Abstieg – für Kenner der Szene. Im Mai 2018 bedeutete ein 1:1 beim FC Chelsea den Klassenerhalt für das kleine Huddersfield. Die Fortschreibung eines Märchens.

Das hat unseren Aufstieg getoppt. Kein Mensch hatte uns ein zweites Jahr in der Premier League zugetraut. Der Tag des Aufstiegs in Wembley und das 1:1 in Chelsea – das bleibt für immer.

Wäre Shootingstar David Wagner im Falle des Abstiegs erstklassig geblieben?

Es hätte dann Möglichkeiten gegeben. Für mich war klar, dass ich weiter in der Premier League arbeiten will. Als wir es gemeinsam mit Huddersfield geschafft hatten, war klar: Ich bleibe bei meinem Verein.

Huddersfield geht wieder mit dem kleinsten Etat in die Saison. Würden Sie nicht auch mal gerne 70 Millionen Euro für einen Mann wie Naby Keita ausgeben und sich des Lebens freuen?

Ich freue mich auch so des Lebens. Huddersfield ist ein fantastischer Fußball-Verein, die Voraussetzungen sind, wie sie sind, daran können wir nichts ändern. Aber wir machen uns nicht kleiner als wir sind, limitieren uns nicht. Wir sind und bleiben ex-trem neugierig, wissbegierig und ambitioniert. Wir brauchen nur eine kleine Außenseiterchance. Und die haben wir. Naby Keita ist fantastisch, da hat sich Kloppo eine Perle geangelt.

Trainer-Gott Jose Mourinho und Huddersfields David Wagner. 
"Trainer-Gott" Jose Mourinho und Huddersfields David Wagner.  © 2018 Getty Images

Wie ist der Umgang mit Trainer-Göttern wie José Mourinho, Pep Guardiola oder Arsène Wenger am Seitenrand der sexiesten Liga der Welt?

José und Pep sind super, freundlich und kollegial. Arsène Wenger war ein bisschen unnahbar.

Sie haben in Huddersfield den Job des Trainers und den des Sportdirektors zwei Jahre lang in Personalunion geschultert. Wie war das möglich?

Mit vielen fleißigen Mitarbeitern und Arbeit rund um die Uhr. Es gab keinen freien Tag und keinen Urlaub im eigentlichen Sinn. Ich war jetzt mit meiner Frau drei Wochen auf Formentera, hing aber ständig am Telefon und musste in Sachen Fußball öfters quer durch Europa fliegen.

Und Ihre Frau Judith jagte Sie mit einem nassen Handtuch.

Nein, sie ist in den Fußball mit reingewachsen, alles gut.

Bei Ihrem Pensum fühlt man sich irgendwann zwangsläufig leer und verbraucht, tut alles weh.

Im März wird es regelmäßig hart. Keine Winterpause, wenig Licht, viel Regen. Ich hatte nicht mal die Zeit, darüber nachzudenken, was seit 2015 alles Verrücktes abgegangen ist.

Sie haben sich unlängst mit Olaf Rebbe Entlastung aus Wolfsburg geholt. Zufrieden, froh, glücklich?

Ja. Ich war immer Befürworter des deutschen Modells mit Cheftrainer und Spordirektor. Das haben wir jetzt in Huddersfield.

David Wagner konzentriert an der Seitenlinie während der Premier League-Partie gegen Watford. 
David Wagner konzentriert an der Seitenlinie während der Premier League-Partie gegen Watford.  © 2018 Getty Images

Jürgen Klopp hat das Champions-League-Finale gegen Real auf dramatische verloren. Haben Sie mitgelitten?

Ich habe extrem mitgelitten, saß in Kiew auf der Tribüne. Dieses Spiel zeigte die Ohnmacht des Trainers. Real schießt ein Jahrhunderttor, Kloppos bester Mann muss verletzt runter, der Torwart lässt Tore rein, die er nie wieder rein lässt. Das geballte sportliche Unglück brach über Liverpool und Kloppo zusammen.

Sind Spanien und Deutschland bei der WM an Ihrem prähistorischen Ballbesitzfußball gescheitert?

Zu jeder Art des Fußballs, Ballbesitzfußball oder Umschaltspiel, gehört kollektive Homogenität, gehören Hunger, Verlangen, Drive und der Wille: Wir drehen hier zusammen ein großes Ding. All das habe ich vor allem bei den Engländern, Franzosen und Kroaten gesehen.

Ralf Rangnick trainiert RB Leipzig nur ein Jahr, dann kommt Julian Nagelsmann. Läuft Rangnick Gefahr, eine „lame duck“ zu werden?

Ralf Rangnick macht jeder Ente Beine, auch lahmen. Dass er den Job für eine Saison übernimmt, war die logischste Option. Er wird eine gute Saison spielen und Julian eine Mannschaft in hervorragendem Zustand übergeben.

Am 3. August kreuzen Sie in Seefeld die Klingen mit RB. Härtetest?

Kann man so sagen. Wir freuen uns darauf.

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