17. April 2020 / 11:29 Uhr

Dass dieses Tor die VfL-Rettung war, wurde erst drei Wochen später klar

Dass dieses Tor die VfL-Rettung war, wurde erst drei Wochen später klar

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Vor 22 Jahren: Ein 2:2 in Duisburg reichte dem VfL Wolfsburg letztlich zum Klassenerhalt.
Vor 22 Jahren: Ein 2:2 in Duisburg reichte dem VfL Wolfsburg letztlich zum Klassenerhalt. © WAZ
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Heute geht's um das Tor, das vor genau 22 Jahren das erste Bundesliga-Wunder der Wolfsburger besiegelte. An einem Freitag, dem 17. April. 

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Flutlichtspiel, die alte Kampfbahn Wedau-Stadion. Viele Stehplätze, eine große Haupttribüne. Freitag, 17. April. Vor genau 22 Jahren. Die Gastgeber führen 2:1, das Spiel geht in die 90. Minute, Wolfsburg wirft verzweifelt alles nach vorn, dann fällt Dragan Stevanovic im Duisburger Strafraum, es gibt Elfmeter. Marijan Kovacevic, unter dem neuen Coach Wolfgang Wolf in der vielleicht besten Phase seiner Karriere, vollstreckt, 2:2. Aus. Dass das der eine Punkt war, den der VfL Wolfsburg zum Klassenerhalt gebraucht hat, zeigte sich in den drei Wochen danach.

Es war schon eine wilde Saison, die Spielzeit 1997/98. Der VfL war unter Coach Willi Reimann erstmals in der Bundesliga, und als die Saison sich dem Ende zuneigte, da schien zweierlei klar. Der 1. FC Kaiserslautern könnte als Aufsteiger deutscher Meister werden. Und Wolfsburg, ebenfalls aufgestiegen, könnte absteigen. Das eine sensationell, das letztere wenig überraschend. Doch es kam ein wenig anders. Unter Trainer Wolf, der Reimann nach dem 27. Spieltag bei einem Törchen Vorsprung auf den dritten Abstiegsplatz übernommen hatte, legte der VfL drei 1:0-Siege in Folge hin. Für zwei hatte Marijan Kovacevic gesorgt, beim dritten, ein 1:0 gegen Leverkusen, hatte Frank Greiner getroffen. Nun sah es wieder gut aus im Abstiegskampf. Aber: Angesichts der letzten drei Spiele (gegen die starken Dortmunder, in Kaiserslautern und gegen die gefährdete Borussia aus Mönchengladbach) sollte vielleicht vorher noch Zählbares aus Duisburg her.

Es wurde ein Freitagabend, an dessen Ende Duisburgs Trainer fuchsteufelswild war. Und der Mann des Abends ahnte: "Das könnte unser Klassenerhalt sein." Der VfL hatte ein 2:2 in Duisburg erzielt. In allerletzter Sekunde. Kovacevic: "Ich glaube, der Schiedsrichter hat gar nicht mehr angepfiffen." Schiedsrichter war Hellmuth Krug, ein anerkannter FIFA-Unparteiischer, den Funkel hinterher angiftete und feststellte, dass der zurecht nicht für die WM nominiert worden sei.

Duisburg hatte nämlich wie der sichere Sieger ausgesehen. Wobei erst der VfL geführt hatte. Gestützt erneut auf den bärenstarken Holger Hiemann, den Wolf mit seinem Amtsantritt zur Nummer 1 gemacht hatte. Doch Hiemann musste im Spiel mit einer Knieverletzung raus, die sich später als Kreuzbandriss entpuppen sollte. Uwe Zimmermann, zuvor Stammtorwart, hatte eingewechselt einen schwarzen Tag, sah bei beiden Duisburger Toren (durch Slobodan Komljenovic un Bachirou Salou) nicht gut aus.

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Die Führung, für die Manndecker Kovacevic mit seinem dritten Treffer binnen vier Partien gesorgt hatte, war dahin, der Sieg oder wenigstens ein Punkt - so gut wie weg.

Schlussminute: Es gibt ein Gerangel im Zweikampf, der spät verpflichtete Dragan Stevanovic, greift in Torsten Wohlerts Trikot, der packt den Wolfsburger am Arm, Stevanovic fällt. Der Elfmeterpfiff kommt. Und es schoss keiner der Stammschützen. Claudio Reyna (Vater des heutigen Dortmunders Giovanni Reyna) und Detlev Dammeier "schienen nicht so recht zu wollen und mein Selbstvertrauen war ja da", sagte Kovacevic damals.

Fakt ist: Einige Wochen vorher, beim 1:3 gegen Bremen, hatte Dammeier vom Punkt getroffen, es war aber erst Wolfsburgs zweiter verwandelter Elfer von sechs in jener Spielzeit. Kovacevic: "Und ich glaube, ich hatte sowieso schon die ganze Zeit den Ball in der Hand. Und fühlte mich gut." Also trat er an, traf. Der fünfte Saisontreffer des Kroaten, der so ins Blickfeld der Nationalmannschaft geriet, plötzlich torgefährlichster Manndecker der Liga war. Und der Klassenerhalt war, wie sich herausstellen sollte, perfekt. Der VfL feierte dann am vorletzten Spieltag trotz einer 0:4-Klatsche in Kaiserslautern, das dadurch Meister wurde. Am letzten Spieltag konnte nichts mehr passieren. Gladbach rettete sich durch ein 2:0 in Wolfsburg. "Wir hätten gegen Gladbach ja vielleicht gepunktet, wenn wir gemusst hätten", sagt Kovacevic heute. "Aber man weiß ja nie."

Der VfL hielt seit dem Aufstieg immer die Bundesliga. Was weder Lautern noch dem damaligen Mitaufsteiger Hertha BSC dauerhaft gelang. Kovacevic: "Wenn man sieht, wie schwer sich heute sogar so große Klubs wie der VfB Stuttgart oder der Hamburger SV tun und weiß, dass Volkswagen so richtig erst etwas später in Wolfsburg eingestiegen ist, kann man ermessen, was dieser Klassenerhalt für eine Leistung war. Sie hat den Grundstein gelegt."

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Kovacevic war Ex-HSVer, wie so viele Spieler, die in den 90ern zum VfL kamen: Dammeier, Hiemann, Holger Ballwanz, Oliver Lütkenhaus, André Breitenreiter oder Stefan Schnoor. Er ging nach zwei Jahren in Wolfsburg zum MSV Duisburg, hatte einige Auslandsstationen. Heimisch geworden ist er dann in Stuttgart. Beim VfB Stuttgart II, wo er als Routinier das Team lenken sollte, spielte er an der Seite des späteren Wolfsburgers Daniel Didavi, war dort Scout, zwischendurch mal Trainer bei 1860 München II, wechselte ins Degerloch zu den Stuttgarter Kickers, ist bei denen Leiter des Nachwuchsleistungszentrums und Coach der A-Junioren. Er ist dreifacher Familienvater.

Kontakt nach Wolfsburg gibt es "praktisch nicht mehr", sagt er. "Wie lange das jetzt her ist... 22 Jahre, das sind ja Welten", sagt der 46-Jährige mit einem Schmunzeln. "Aber man kann mal schauen, wer damals hinter uns blieb - das zeigt, was wir für eine gute Truppe waren." Hinter dem VfL blieben nämlich Gladbach, für das unter anderem Stefan Effenberg und Patrik Andersson (der später für die Bayern traf und so Schalke zur Meister der Herzen machte) spielten, und den Karlsruher SC um die Nationalspieler Guido Buchwald und Thomas Häßler. "Uns hatte den Klassenerhalt keiner zugetraut, aber wir hatten ihn", so Kovacevic. "Lange her, aber das vergisst man nicht."