18. April 2019 / 20:55 Uhr

Das Hass-Duell: Hannover 96 II gegen VfB Lübeck fast aus dem Ruder gelaufen

Das Hass-Duell: Hannover 96 II gegen VfB Lübeck fast aus dem Ruder gelaufen

Jürgen Rönnau
Lübecker Nachrichten
Die Mannschaften von Hannover 96 II und dem VfB Lübeck geraten in der hektischen Schlussphase aneinander.
Die Mannschaften von Hannover 96 II und dem VfB Lübeck geraten in der hektischen Schlussphase aneinander. © Agentur 54°
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Hannover 96 zeigt VfB-Fans wegen Rassismus an - Augenzeugen widersprechen - Platzverweise für sechs Offizielle, auch für 96-"Chefankläger" Michael Tarnat -  Jagdszenen in der Eilenriede - Co-Trainer Hornek bespuckt und bepöbelt - das 1:1 zwischen dem VfB und  96 II gerät in den Hintergrund

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"Wir wischen uns jetzt mal alle wieder den Schaum vom Mund und bewerten das, was eigentlich wichtig ist“, sagte VfB-Vorstandssprecher Thomas Schikorra mit dem Abstand von zwölf Stunden nach dem turbulenten 1:1 bei Hannover 96 II. „Wichtig ist, dass wir mit großer Moral noch ein 1:1 geholt haben, dass Lucas Will ein tolles Tor gemacht hat. Dass wir Tabellenführer Wolfsburg weiter unter Druck setzen." Sechs Stunden später sah die Welt dann doch wieder anders aus: Hannover 96 hatte beim NFV-Sportgericht "Anzeige" gegen den VfB erstattet, weil seine Fans 96-Spieler Christopher Gloster rassistisch beleidigt haben sollen.

In einer spannenden Endphase trifft der eingewechselte Will zum 1:1 in Hannover.

Furioses Finale mit zehn Minuten Nachspielzeit. Rudelbildung nach dem Tor. Beide Mannschaften gehen aufeinander los. Zur Galerie
Furioses Finale mit zehn Minuten Nachspielzeit. Rudelbildung nach dem Tor. Beide Mannschaften gehen aufeinander los. ©
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„Chris saß nach Abpfiff mit Tränen in den Augen in der Kabine und war fix und fertig. Er ist während des Spiels dauerhaft und massiv beleidigt worden“, wird Michael Tarnat, Hannovers Nachwuchschef von der Deutschen Presseagentur zitiert. „Hier wurden Grenzen weit überschritten, weswegen wir uns auch dazu entschieden haben, die Sache beim Verband anzuzeigen.“

"Unglaubliche Vorgehensweise"

"Unglaublich", findet Schikorra die Vorwürfe und die Vorgehensweise. "Hannover hat uns nicht informiert, im Schiedsrichterbericht steht nichts dergleichen - wir haben schon intensiv Informationen eingeholt und können die Aussagen von 96 in keiner Weise nachvollziehen." Auch der LN-Sportbuzzer recherchierte in der Szene, sprach mit seriösen, glaubhaften Augen- und Ohrenzeugen. Ergebnis: Ja, es habe immer wieder Pfiffe und Unmutsäußerungen gegen den 20-jährigen US-Amerikaner gegeben, weil der das Spiel ständig verzögert, auch VfB-Spieler provoziert haben soll. Ja, auch ein Feuerzeug sei in Richtung des Spielers geflogen. Aber nein, rassistische Beleidigungen habe es zu keiner Zeit gegeben. Und mancher fühlt sich an 2014 erinnert, als 96 nach einem Spiel im Beekestadion gegen den VfB schon einmal versuchte die Grün-Weißen in die braune Ecke zu drängen. Am Ende erwiesen sich alle Vorwürfe damals als haltlos. Wie geht das Ganze jetzt weiter? Schikorra. "Wir werden weitere Gespräche führen und dann entsprechend reagieren."

Bilder der Regionalliga-Partie zwischen Hannover 96 II und dem VfB Lübeck

Hannovers Marco Stefandl (links) spielt den Ball im Lübecker Strafraum. Zur Galerie
Hannovers Marco Stefandl (links) spielt den Ball im Lübecker Strafraum. ©

Das Mittwochspiel wird aber nicht nur wegen der "Gloster-Affäre" nicht so schnell abgehakt werden. Denn nach dem VfB-Ausgleich ging's richtig rund in der Nachspielzeit. Patrick Hobsch war nach einer Rudelbildung wegen einer nicht näher definierten „Unsportlichkeit“ glatt Rot vom Platz geflogen, zuvor hatte es bereits einige Offizielle in der Hitze des Gefechts erwischt. Beim VfB mussten die Co-Trainer Ronny Hornek (der erschrocken erst nach ’Fotobeweis’ feststellte, dass er emotional aufgeladen bepöbelt und bespuckt von 96-Fans, die hinter der VfB-Bank stehen durften, tatsächlich gleich zwei Stinkefinger gezeigt hatte), und Walter Franta sowie Zeugwart Thomas Lange ebenso vorzeitig auf die Tribüne, wie 96-Nachwuchschef und Ankläger in Sachen Rassismus, Michael „Tanne“ Tarnat, Co-Trainer Garip Capin und Torwartcoach Pascal Borel. Schiedsrichter Murat Yilmaz wirkte in dieser Phase nicht eben souverän . . .

Schwierige Aufgabe für Unparteiische

Allerdings war der Hamburger auch mit einer schwierigen Aufgabe betraut worden, denn es lag ’was in der Luft, nachdem die vorgestrige Partie der Nachholtermin war für das Duell 96 II vs VfB, das am 16. März unter ominösen Umständen kurzfristig von Hannover gecancelt worden war. Der VfB fühlte sich brüskiert – und das wiederholte sich jetzt: Als die Spieler den Rasen des Eilenriedestadions 90 Minuten vor Anpfiff betreten wollten, wurden prompt die Wasser-Sprinkler angestellt; direkt nachdem 96 das 1:0 erzielt hatte (47. Minute), wurden umgehend alle Balljungs abgezogen, sämtliche Ersatzbälle eingesackt – was allerdings eine gängige Liga-Maßnahme bei einer eigenen Führung ist, um Zeit zu schinden, das Spiel langsamer zu machen. Später registrierten die Schiris Wurfgeschosse (Bierbecher, Feuerzeuge) auf dem Platz, denn nicht nur auf den Trainerbänken herrschte „Aprilfrische“ sondern auch auf den Tribünen.

Starkes Polizeiaufgebot verhinderte Schlimmeres

Ein starkes Polizeiaufgebot (inklusive Reiterstaffel) verhinderte, dass rund 250 angriffslustige 96-Ultras auf rund 70 im Sonderbus angereiste VfB-Fans losgehen konnten. Allerdings kamen diese dann erst nach dem Anpfiff auf ihre Plätze im Stadion. Diese durften sie – ungewöhnliche Polizeitaktik – nach dem Spiel erst verlassen, nachdem alle 96-Ultras das Stadion geräumt hatten. Allerdings nicht um friedlich nach Hause zu pilgern, sondern um den Grün-Weißen aufzulauern. Wieder konnte die Polizei dies verhindern, den Lübeckern sichere Abreise gewähren. Auch ein letzter Versuch der 96er, die VfBer zu stellen, ging daneben. Per S-Bahn hatten sie den grün-weißen Fanbus verfolgt, sogar kurzfristig gestoppt. Die Polizei beendete den Spuk schließlich.

Frei bis Ostermontag

Zurück zum Spiel: Trainer Landerl gab seinen Jungs bis Ostermontag frei, danach geht die „Wölfe“-Jagd weiter. Vier Spieltage vor Saisonende hat der VfB drei Punkte Rückstand auf den VfL II – und ein um zwölf Treffer schlechteres Torverhältnis. Schikorra: „Wolfsburg muss auch noch nach Hannover, Mal sehen, wie das dann ausgeht . . .“

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