26. August 2020 / 16:43 Uhr

Wolfgang Uhlmann, der Meister der Französischen Verteidigung, ist tot

Wolfgang Uhlmann, der Meister der Französischen Verteidigung, ist tot

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
Wolfgang Uhlmann sitzt in seiner Wohnung in Dresden an einem Schachbrett, dass der Schachgroßmeister einst von Fidel Castro erhalten hatte.
Wolfgang Uhlmann sitzt in seiner Wohnung in Dresden an einem Schachbrett, dass der Schachgroßmeister einst von Fidel Castro erhalten hatte. © dpa
Anzeige

Der Großmeister gehörte in den 1960er und 1970er Jahren zur absoluten Weltspitze. Seine beste Platzierung in der Weltrangliste war Position acht. Der Dresdner bestritt im April 2016 mit 81 Jahren sein letztes Bundesligaspiel und verstarb am vergangenen Montag im Alter von 85 Jahren.

Anzeige

Dresden. Er bestimmte in den 1960er und 1970er Jahren das Niveau im internationalen Schach mit, gewann dreimal in Hastings das älteste Turnier der Welt, besiegte fünf Weltmeister und spielte in der Karibik sogar einmal gegen den Berufsrevolutionär Che Guevara: Wolfgang Uhlmann war das Aushängeschild des DDR-Schachsports schlechthin. Der Dresdner, ein wahrer Ausnahmekönner, galt als Spezialist für die Französische Verteidigung und wurde zu diesem Thema sogar vom sowjetischen Weltmeister Anatoli Karpow konsultiert, als dessen WM-Duell mit Viktor Kortschnoi anstand. Doch jetzt hat die Schachwelt einen ihrer bekanntesten Großmeister verloren: Uhlmann ist am Montag im Alter von 85 Jahren in einem Krankenhaus seiner Heimatstadt gestorben.

Das DDR-Schachgenie

Schon länger ging es dem elffachen DDR-Meister schlecht, kämpfte er mit den Widrigkeiten des Alters. Aufenthalte in verschiedenen Kliniken verschafften dem einstigen Weltklassespieler nur bedingt Linderung. Ein Treppensturz vor zwei Jahren bei der Reha in Pulsnitz hatte Uhlmann gezeichnet, jetzt musste seine Frau Christine Abschied von ihrem Mann nehmen. „Es ist schrecklich, wir wollten diese Woche noch unseren 60. Hochzeitstag feiern“, sagte sie dieser Zeitung.

DURCHKLICKEN: Momentaufnahmen aus den letzten Lebensjahren von Wolfgang Uhlmann

Simultanschach der Krebshilfe mit den Großmeistern Wolfgang Uhlmann (vorn) und Lothar Vogt im Festsaal des neuen Rathauses von Leipzig im September 2002  Zur Galerie
Simultanschach der Krebshilfe mit den Großmeistern Wolfgang Uhlmann (vorn) und Lothar Vogt im Festsaal des neuen Rathauses von Leipzig im September 2002  ©

Jahrzehntelang hatte die ehemalige Sekretärin ihrem Mann den Rücken frei gehalten. Dafür war ihr Gatte stets dankbar: „Drei bis vier Monate im Jahr war ich nicht anwesend. Zum Glück hatte meine Frau immer Verständnis. Bin ich dann nach einem anstrengenden Turnier nach Hause gekommen, dann habe ich mich in meinem Heim wie auf einer Insel gefühlt. Nur wenn dort alles in Harmonie gewährleistet war, es der Familie gut ging, konnte ich auch gut spielen.“

Gut gespielt hat der zweifache Vater fast immer. Er saß sehr lange am Spitzenbrett der Nationalmannschaft, nahm zwischen 1956 und 1990 an elf Schacholympiaden teil. Als WM-Kandidat unterlag er 1971 in Las Palmas erst dem berühmten Dänen Bent Larsen 3,5:5,5. Ihm gelang es während seiner Karriere aber, die Weltmeister Michail Botwinnik, Wassili Smyslow, Bobby Fischer, Viswanathan Anand und Alexander Khalifman zu besiegen. Uhlmann wäre womöglich noch erfolgreicher gewesen, wenn die DDR internationale Großereignisse ab Mitte der 1970er Jahre nicht zunehmend aus Kostengründen boykottiert und Uhlmann weiter regelmäßig zu Topturnieren ins westliche Ausland hätte reisen lassen.

Weitere Meldungen vom Schach

Dabei war Uhlmann so gern auf Tour: „Ich bin immer gern gereist, zumal das lange Zeit nicht selbstverständlich war“, erzählte er einmal. Souvenirs aus über 30 Ländern brachte er mit heim nach Dresden-Striesen. Besonders gern weilte er im englischen Hastings („Das war mein Schokoladenturnier“) oder in Kuba. Allein fünfmal besuchte Uhlmann, seit 1959 Großmeister, die Zuckerinsel, spielte dabei auch gegen den damaligen kubanischen Industrieminister Che Guevara. „Er war ein begeisterter Schachspieler, der sich gern einmal Zeit dafür genommen hat“, lernte Uhlmann den argentinischen Marxisten persönlich kennen. Von Kubas Staatschef Fidel Castro bekam der Sachse 1966 bei der Schacholympiade in Havanna, als er Dritter wurde, einen wertvollen Schachtisch geschenkt, verziert mit Intarsien und einem ausklappbaren Aschenbecher – damals durfte bei Turnieren ja noch geraucht werden.

„Meine besten Partien“

Bis ins hohe Alter bestritt Uhlmann Turniere und trainierte viele Jahre lang nebenher aufstrebende Talente wie Elisabeth Pähtz. Mit 81 Jahren spielte er im April 2016 für den USV TU Dresden seine letzte Partie in der 1. Bundesliga – als ältester Aktiver aller Zeiten. Wolfgang Uhlmann schrieb mehrere Schachbücher, das letzte vor fünf Jahren hieß: „Meine besten Partien.“ Eine Fundgrube für alle Schachfans, die sich gern an diesen Meister des königlichen Spiels erinnern.