21. Februar 2021 / 13:09 Uhr

DDR-Skialpin-Star aus Oberwiesenthal: Eberhard Riedel gelang vor 60 Jahren sein größter Coup in der Schweiz

DDR-Skialpin-Star aus Oberwiesenthal: Eberhard Riedel gelang vor 60 Jahren sein größter Coup in der Schweiz

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Eberhard Riedel, Skistar aus Oberwiesenthal, belegte 1964 bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck im Riesenslalom den 15. Platz. 
Eberhard Riedel, Skistar aus Oberwiesenthal, belegte 1964 bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck im Riesenslalom den 15. Platz.  © dpa
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Eberhard Riedel aus Oberwiesenthal, einst der beste Skirennfahrer der DDR, gelang vor genau 60 Jahren sein größter Coup: Im schweizerischen Adelboden besiegte er die Weltelite im Riesenslalom. Heute hofft der 83-Jährige, dass auch mal wieder ein Talent aus Mitteldeutschland in die Weltspitze fährt.

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Oberwiesenthal. Eberhard Riedel aus Oberwiesenthal, einst der beste Skirennfahrer der DDR, gelang vor genau 60 Jahren sein größter Coup: Im schweizerischen Adelboden besiegte er die Weltelite im Riesenslalom. Heute hofft der 83-Jährige, dass auch mal wieder ein Talent aus Mitteldeutschland in die Weltspitze fährt.

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Es war damals eine Sensation im Skisport: Der 22-jährige DDR-Alpinfahrer Eberhard Riedel aus dem kleinen Erzgebirge bezwang vor genau 60 Jahren in der Schweiz die ganzen Ski-Stars der Alpenländer im Riesenslalom und dies mit 1,3 Sekunden Vorsprung vor dem Eidgenossen Willy Forrer. Für seinen historischen Sieg auf der schwierigen 2200 Meter langen Piste bei den „7. Internationalen Adelbodner Skitagen 1961“ wurde er 2004 auf den „Place of Fame“ des Ortes aufgenommen, wo er zusammen mit weiteren Skilegenden seinen in Beton gegossenen Fußabdruck hinterließ.

Riedel erfüllt es bis heute mit Stolz, „dass man mich nach so vielen Jahren auch dort nicht vergessen hat.“ Gemeinsam mit Ehefrau Hannelore, die mehrfache DDR-Meisterin in den Skialpin-Disziplinen war, erfreuen sich beide guter Gesundheit. Wegen der Pandemie und den Einschränkungen sind sie „in diesem Winter leider noch nicht Ski gefahren. Wir hoffen aber darauf, dass die Lifte in diesem Winter doch noch einmal öffnen“, sagt der sportbegeisterte Rentner gut gelaunt am Telefon. Am Sonntag letzter Woche feierte er seinen 83. Geburtstag.

Felix Neureuther gewann 53 Jahre nach Riedel in Adelboden

Riedels Erfolg von 1961 war herausragend, weil er in der Frühzeit eines heutigen Weltcup-Klassikers zustande kam. Der Ski-Weltcup wurde erst 1967 eingeführt. Ganze 53 Jahre hatte es gedauert, bis mit dem Bayern Felix Neureuther am 11. Januar 2014 wieder ein Deutscher den legendären Riesenslalom in Adelboden gewinnen konnte.


Aber ein alpiner Sieger aus der DDR – das war schon eine Besonderheit und sollte auch die Ausnahme bleiben. In den 1950er und 1960er Jahren waren die wenigen DDR-Alpinen noch dabei, auf den schnellen Pisten beim Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel oder den Lauberhorn-Rennen in Wengen. Namen wie Eberhard Riedel, Ernst Scherzer, Heinz Gahler, Peter und Werner Lützendorf und Co. sind noch heute nicht nur im Erzgebirge bekannt. Der erfolgreichste unter ihnen war aber Eberhard Riedel.

1960 wurde Riedel bei der schweren Lauberhorn-Abfahrt im Berner Oberland/Schweiz immerhin Sechster. Riedel erinnert sich an eine heikle Episode bei einer Trainingsfahrt auf der Lauberhorn-Strecke. „Da kam uns im steilen Haneggschuss bei rund 130 km/h Geschwindigkeit eine Pistenpräparierungsmaschine entgegen, wir konnten im letzten Moment noch ausweichen.“

Training auf der Seilbahn-Trasse am Fichtelberg

Bei den schweren Hahnenkammrennen in Kitzbühel schaffte es kein DDR-Fahrer aufs Podest. Riedel schaffte hier 1962 immerhin einen guten 11. Rang auf der berüchtigten und bis heute wohl gefährlichsten Abfahrtspiste. Und 1965 gelang es ihm sogar, mit Platz neun unter die Top Ten der besten Abfahrer der Welt in Kitzbühel zu fahren. Riedel ließ damals sogar den späteren französischen Olympiasieger Jean Claude Killy (10.), der 1968 in Grenoble dreimal Olympia-Gold holte und Austrias Skilegende Karl Schranz (13.) hinter sich.

Der zehnfache DDR-Skialpin-Meister Riedel, der von 1960 bis 1968 dreimal für die DDR an olympischen Winterspielen teilnahm und 1968 in Grenoble als 13. im Slalom sein bestes Ergebnis bei Olympia erzielte, galt als „das Wunder vom Fichtelberg“. Auf dem mit 1214 Metern höchsten Berg der DDR trainierten die DDR-Skialpinfahrer unter der Anleitung ihres Trainers Joachim Loos. Mangels Alternativen übten sie die gefährlichen Speedabfahrten bei bis zu 130 km/h und Sprüngen auf der Trasse der Seilbahn, die zum Gipfel des Fichtelberges führt. Ein riskantes Training entlang der Seilbahnmasten – ein Zusammenstoß hätte bei diesen hohen Geschwindigkeiten tödlich enden können. Das weiß auch Riedel: „Das war in der Tat nicht ungefährlich. Aber zur Abfahrt gehört auch Mut dazu. Das ist heute nicht anders.“

Im Sommer mit Bohnerwachs auf den Wiesen geübt

Auch im Sommertraining galt es zu improvisieren – Gletscher-Training im Ausland war undenkbar. Also präparierte man die Skier mit Bohnerwachs und übte dann auf gewässerten Wiesen in Oberwiesenthal den Slalom. Doch trotz einiger Achtungserfolge – 1968 holte Riedel in Grenoble als 13. im Slalom sein bestes Ergebnis bei Olympia – war Ende der 1960er Jahre Schluss mit dem alpinen Skirennsport in der DDR. Zu teuer, zu wenig Medaillenchancen und mit zunehmendem Profitum nicht in das sozialistische Bild des Sports passend: Die DDR-Sportfunktionäre drehten den Geldhahn zur Förderung der Aktiven zu. Damit nicht genug: Riedel und seine Sportkameraden mussten ihre Reisepässe abgeben, Starts im westlichen Ausland waren ab 1969 nicht mehr möglich. Für Riedel und seine Alpinkameraden aus der DDR-Nationalmannschaft „war dieser verordnete K.o.-Schlag extrem bitter“. Doch sie fügten sich ihrem Schicksal. Riedel war für eine Legislaturperiode auch Mitglied der DDR-Volkskammer. 1969 beendete er frustbedingt seine Sportlerkarriere.

Eberhard Riedel nahm auch DDR-Staatschef Walter Ulbricht unter seine Fittiche und brachte ihm die Grundlagen des alpinen Skisports bei. 
Eberhard Riedel nahm auch DDR-Staatschef Walter Ulbricht unter seine Fittiche und brachte ihm die Grundlagen des alpinen Skisports bei.  © imago/United Archives International

Dass er dem damaligen DDR-Staatschef Walter Ulbricht Jahre zuvor mal in Oberwiesenthal Skiunterricht gab, nützte ihm nichts. Der damals schon 70-jährige ‚Spitzbart’ Ulbricht sei vor den Winterspielen 1964 auf Riedel zugekommen, mit der Bitte, ihm die Slalomtechnik beizubringen. Er wollte unbedingt den Großen Fichtelberg mit Skiern hinabfahren. „Etwas mulmig war mir schon dabei. Wenn Ulbricht etwas passiert wäre, dann wäre wohl was los gewesen. Nach wenigen Tagen Übung konnte Ulbricht so einigermaßen leichte Schwünge fahren. Als er es tatsächlich mit einigen Mühen ins Tal geschafft hatte, hat er gesagt: ‚Na, so schwer war es doch gar nicht.’“

Mühsamer Neuaufbau nach 1990

Erst mit dem Mauerfall sollte sich alles wieder ändern. Riedel erinnert sich, wie er kurz danach mit seinem Sohn ins österreichische Saalbach fuhr, wo er einst auch Wettkämpfe bestritten hatte und ihm „auf dem Marktplatz Tränen der Freude kamen“.

Der Wiederaufbau des alpinen Skisports in Ostdeutschland im Leistungssportbereich nach zwei Jahrzehnten Stillstand begann nach der Wiedervereinigung in den neunziger Jahren. Ein schwieriger Weg – bis heute hat es aus der Talentschmiede Oberwiesenthal noch keiner im Alpinbereich in den Weltcup geschafft. Nur zwei Alpin-Trainer arbeiten am Sportgymnasium in Oberwiesenthal, welches die einzige Talenteschmiede mit Alpinski-Ausbildung in Ostdeutschland ist.

Sächsische Talente wandern nach Berchtesgaden ab

Derrick Schönfelder, seit sieben Jahren der Generalsekretär des Sächsischen Skiverbandes, sagt: „Fast jedes Jahr werden von Oberwiesenthal ein bis zwei Talente ab der zweiten Sekundarstufe ins Skigymnasium nach Berchtesgaden vermittelt, weil dort einfach nicht zuletzt wegen der höheren Berge bessere Rahmenbedingungen existieren.“ Dies sei allerdings für die jungen Sportler auch mit allerlei Entbehrungen verbunden, allein schon wegen der Entfernung von 450 Kilometer.

Mit der 21-jährigen Julia Mehner, die für den Alpinen Skiclub Oberwiesenthal startete, sei eines der vielversprechendsten Talente der letzten Jahre aus Sachsen in der Abfahrt und im Riesenslalom, auch diesen Weg nach Berchtesgaden gegangen. „Leider haben schwere Bänderverletzungen Julia zurückgeworfen. Sie kehrte aus Bayern wieder zurück und startet jetzt für den Skiclub Schöneck. Und der Oberlausitzer Severin Thiele (19) vom SC Rugiswalde ist die vierte Saison in Berchtesgaden und im Riesenslalom ein großes Talent. Im letzten Winter wurde er Dritter in der Alpinen Kombination bei den Deutschen Jugend-Meisterschaften.“

Eberhard Riedel verfolgt im Fernsehen den laufenden Ski-Weltcup und zuletzt auch die WM im italienischen Cortina d’Ampezzo mit großem Interesse. Und er sehnt sich danach, dass es „auch mal wieder Skialpin-Sportler aus Mitteldeutschland in die Weltspitze schaffen“. Es sei höchste Zeit für einen neuen Fußabdruck in Adelboden.

Von Thomas Purschke