17. April 2021 / 19:22 Uhr

"Defensiv einfach nicht gut": Wo ist Wolfsburgs Bollwerk hin?

"Defensiv einfach nicht gut": Wo ist Wolfsburgs Bollwerk hin?

Andreas Pahlmann und Engelbert Hensel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Torwart-Frust: Wolfsburg-Keeper Koen Casteels patzte gegen Bayern - und hat jetzt in zwei Spielen sieben Gegentore kassiert.
Torwart-Frust: Wolfsburg-Keeper Koen Casteels patzte gegen Bayern - und hat jetzt in zwei Spielen sieben Gegentore kassiert. © Boris Baschin
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Keine Punkte, zwei Gelbsperren und jetzt sieben Gegentore in zwei Spielen: Die Defensive, lange Prunkstück des VfL Wolfsburg, ist nicht mehr so sattelfest - das zeigte beim 2:3 gegen die Bayern vor allem die erste Halbzeit.

Es war bis zum Schlusspfiff spannend - das kann sich der VfL Wolfsburg auf die Habenseite schreiben. Am Ende stand dann aber doch eine Niederlage. Das 2:3 (1:3) gegen den FC Bayern warf dabei vor allem eine Frage auf: Was ist mit der Wolfsburger Defensive los? Über weite Strecken der Saison war Gegentorlosigkeit das VfL-Markenzeichen, jetzt musste Keeper Koen Casteels innerhalb einer Woche siebenmal den Ball aus dem eigenen Netz holen.

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<b>Koen Casteels</b>: Der sonst so souveräne Rückhalt erwischte einen gebrauchten Tag, sah beim ersten und beim zweiten Gegentor nicht gut aus. Note: 5 Zur Galerie
Koen Casteels: Der sonst so souveräne Rückhalt erwischte einen gebrauchten Tag, sah beim ersten und beim zweiten Gegentor nicht gut aus. Note: 5 ©

Bis zum 3:4 am vorletzten Spieltag in Frankfurt hatte der VfL in der Rückrunde nur drei Gegentore hinnehmen müssen, fünf Heimspiele lang stand beim VfL hinten die Null, aber gegen Bayern gab es gleich drei Gegentreffer in der ersten halben Stunde - und die sorgten am Ende für die erste Heimniederlage der Saison, weil dem VfL trotz der Riesenchancen von Wout Weghorst und Jerome Roussillon der dritte Treffer nicht gelingen wollte. "Es ist egal, wie viele Serien wir hatten, wie viel wir daheim gewonnen haben - wir haben null Punkte", zog Mittelfeldmann Xaver Schalger enttäuscht seine Bilanz des Bayern-Spiels.

Bröckelt jetzt ausgerechnet in der wichtigen Endphase der Saison Wolfsburgs Bollwerk? Trainer Oliver Glasner glaubt das nicht, denn es seien ja jeweils "keine taktischen Probleme" gewesen, sondern eher individuelle Fehler. "Es ist eingetreten, was ich im Vorfeld gesagt habe - dass wir in allen Bereichen eine Leistung auf absolutem Top-Niveau brauchen, um gegen Bayern gewinnen zu können. Dafür haben wir Situationen in der Defensive nicht so gelöst, wie es nötig ist." Und er zählte die Situation vorm 0:1 ("Dürfen Davis und Musiala nicht so dribbeln lassen") und vorm 0:2 auf ("Da lassen wir Musiala frei köpfen"), zudem ging er auch auf Torwart Koen Casteels ein, der beim ersten Gegentor nicht gut aussah und das zweite auf seine Kappe nehmen muss. "Dann kommt auch mal ein Torwartfehler dazu", so Glasner, aber es gibt natürlich "keinen Vorwurf an Koen, der schon so viele Bälle für uns gehalten hat." Insgesamt sei es nur "ein bisschen zu viel" gewesen, "was da in der Defensive zusammengekommen ist."

Weghorst hatte "das Gefühl, wir schaffen es noch"

"Einfach enttäuschend", fand derweil Torjäger Weghorst (jetzt 19 Saisontreffer) das Ergebnis. Dabei sei die zweite Halbzeit "einfach sehr gut gewesen", da habe man Bayern "festgenagelt" und sei "klar überlegen" gewesen. Vor allem nach dem Tor von Maximilian Philipp (der schon im Hinspiel getroffen hatte) habe der Niederländer "sicher das Gefühl gehabt, wir schaffen das noch." Und wenn Roussillon aus seiner Riesenchance ein Tor gemacht hätte, "dann gehen wir mit einem Punkt von Platz". So aber bleibt Frust, denn: "In der ersten Halbzeit waren wir im Defensivverhalten wieder einfach nicht gut."

Schon im Hinspiel, daran erinnerte Schlager nach dem Abpfiff, sei es gegen die Bayern "sehr knapp" gewesen. Und so bleibt es bei nur vier Siegen, die der VfL in seinen 24 Bundesliga-Jahren gegen die Bayern geschafft hat. Schlager: "Wenn man zweimal in einer Saison so gegen die Bayern verliert, ist das sehr bitter - aber das gehört zum Leben dazu".

Flick-Nachfolger Glasner? Hamann: "Nicht die schlechteste Wahl"

Überlagert wurde der Wolfsburger Frust von der Nachricht des Tages, für die Hansi Flick sorgte: Unmittelbar nach dem Sieg beim VfL teilte der Trainer des Bayern-Spielern mit, dass er den Verein am Saisonende verlassen möchte. Er habe die FCB-Verantwortlichen davon unterrichtet, dass er aus seinem Vertrag möchte. Dass er dann als Nachfolger von Joachim Löw Bundestrainer wird, bestätigte Flick (noch) nicht. Am Abend vorm Spiel haben Flick und Glasner nach Sky-Informationen länger gemeinsam an der Hotelbar zusammengesessen, möglicherweise kannte der VfL-Coach darum die Flick-Neuigkeiten schon. Kommentieren wollte er sie nicht ("Da muss ich nicht auch noch meinen Senf dazu geben"), Sky-Experte Didi Hamann brachte derweil Glasner selbst als Flick-Nachfolger ins Gespräch: "Glasner wäre nicht die schlechteste Wahl - ich würde auf Nagelsmann oder Glasner tippen!"


Der VfL Wolfsburg gegen Bayern - Die Bilder

Alphonso Davis gegen Yannick Gerhard und Maxence Lacroix. Zur Galerie
Alphonso Davis gegen Yannick Gerhard und Maxence Lacroix. ©

Für den VfL Wolfsburg geht's am Mittwoch in Stuttgart weiter - mit neuen Außenverteidigern. Paulo Otavio, gerade von der Sperre nach dem Dunkelrot-Foul in Hoffenheim zurück, sah seine fünfte Gelbe Karte - und auch Kevin Mbabu kassierte seine fünfte Verwarnung der Spielzeit. Beide sind damit für eine Partie gesperrt.

"Wir wollen in die Champions League"

Immerhin: Mit Eintracht Frankfurt (0:4 in Gladbach!) patzte auch einer der Konkurrenten im Kampf um die Champions-League-Plätze. Die anderen müssen erst noch ran: Bayer Leverkusen am Abend gegen den 1. FC Köln (hier im Liveticker), Borussia Dortmund am Sonntag gegen Werder Bremen. Doch auf die anderen mag Glasner nicht schauen, denn: "Es ist jetzt die Herausforderung für uns alle, uns auf Fußball, auf unsere Aufgebe zu fokussieren." Ob eventuell schrumpfende Vorsprung die Mannschaft nervös macht "wird sich zeigen", die Tabellensituation sollte den VfL aber "beflügeln", wie der Trainer findet. "Es ist immer noch eine fantastische Ausgangssituation, ich sehe alle Trümpfe in unserer Hand. Wenn du dann nervös wirst, ist es deine eigene Schuld".

Klar ist aber auch: Die VfL-Defensive muss wieder zum Bollwerk werden, wenn der Sprung in die Königsklasse gelingen soll. Glasner: "Wir wollen in die Champions League einziehen - das heißt, dass wir da auch besser werden müssen!"