23. April 2020 / 13:13 Uhr

Der erste Schuss im ersten Elfmeterschießen der DFB-Pokal-Geschichte: Ein Wolfsburger traf

Der erste Schuss im ersten Elfmeterschießen der DFB-Pokal-Geschichte: Ein Wolfsburger traf

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Das erste Tor im ersten Elfmeterschießen der DFB-Pokal-Geschichte: Dieter Thun vom VfL Wolfsburg traf.
Das erste Tor im ersten Elfmeterschießen der DFB-Pokal-Geschichte: Dieter Thun vom VfL Wolfsburg traf.
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Heute geht's um ein Tor, dem viele Fehlschüsse folgten...

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Er schießt den Elfmeter so, wie man Elfmeter schießen sollte. Fünf Schritte Anlauf, nicht allzu schnell, dann der Schuss, flach und platziert in die untere linke Ecke, Torwart Dieter Burdenski wird auf dem falschen Fuß erwischt. Dass es ein historischer Treffer ist, ist vielen in dem Moment gar nicht bewusst: Dieter Thun, Kapitän des VfL Wolfsburg, verwandelt am 23. Dezember 1970 den allerersten Elfmeter im allerersten Elfmeterschießen des DFB-Pokals.

Die Geschichte dieser Premiere beginnt im oberbayerischen Städtchen Penzberg, dem Wohnort von Karl Wald. Der in Frankfurt geborene Schiedsrichter ärgerte sich Ende der 60er Jahre darüber, dass immer noch Fußballspiele per Losentscheid entschieden wurden, wenn es nach 120 Minuten keinen Sieger gab und ein Wiederholungsspiel nicht möglich war. Elfmeterschießen gab es damals zwar schon – etwa bei Freundschaftsturnieren – aber sie waren nicht verbindlich und es gab keine festen Regeln über Ablauf und Anzahl der Schützen. Und so ersann Wald das Prinzip, nachdem dieser Showdown bis heute funktioniert – mit fünf Spielern pro Team, die vom Punkt antreten.

Der Bayerische Fußball-Verband nahm Walds Idee auf – und diese Idee fand schnell Verbreitung. Der DFB führte das Elfmeterschießen am 31. Oktober 1970 ein, die internationalen Verbände zogen mit. Borussia Mönchengladbach war das erste deutsche Profi-Team, das „Schüsse von der Strafstoßmarke zur Siegerermittlung“ (so hieß es offiziell) absolvierte, unterlag am 4. November im Europapokal der Landesmeister beim FC Everton.

Im DFB-Pokal wurde die erste Runde in diesem Jahr erst zur Adventszeit gespielt, der VfL bekam als Regionalligist (damals die zweithöchste Klasse) die Startruppe von Schalke 04 zugelost – mit Spielern wie Stan Libuda, Rolf Rüssmann, Klaus Fichtel und dem jungen Klaus Fischer. 2:2 hieß es nach 90 Minuten am Elsterweg, anders als heute gab es aber keine Verlängerung, sondern erst einmal ein Wiederholungsspiel – am Tag vor Heiligabend in der Glückauf-Kampfbahn. Auch dort schlug sich Außenseiter Wolfsburg bei eisigen Temperaturen sensationell gut, nach der VfL-Führung durch Ingo Eismann und dem Ausgleich durch Klaus Scheer stand es schon nach elf Minuten 1:1, vor allem der überragende Dieter Grünsch im VfL-Tor sorgte dafür, dass es bis zum Ende der Verlängerung so blieb.

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Und dann war Dieter Thun der erste, der sich den Ball auf den Punkt legen musste. Der damals 31-Jährige war fünf Jahre zuvor als Deutscher Meister zum VfL gekommen, auch wenn er für Werder Bremen in der Titelsaison 1964/65 nur zwei Einsätze absolvieren durfte. Der Wechsel nach Wolfsburg lag aber weniger an der mangelnden Einsatzzeit an der Weser, sondern eher an der beruflichen Perspektive bei VW – und an der Nähe zur Heimat Hildesheim und am guten Draht zu seinem dortigen Trainer, Ludwig „Pipin“ Lachner, der mittlerweile VfL-Coach geworden war.

12 Meilensteine aus 75 Jahren VfL Wolfsburg

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Und so wurde der Bundesliga-erfahrene Thun (insgesamt 24 Spiele und sechs Tore) zum Fixpunkt im Wolfsburger Spiel und zum Kapitän. In der Regionalliga Nord war der VfL 1970 ein Top-Team, erreichte sogar die Aufstiegsrunde zur Bundesliga. Es auf Schalke ins Elfmeterschießen zu schaffen, war dennoch ein sensationeller Erfolg. Und als Thun den ersten Elfmeter versenkt hatte (der damals noch unbekannte Burdenski vertrat den verletzten Norbert Nigbur im S04-Tor) und Schalkes Heinz van Haaren rechts am Kasten vorbeischoss, sah es nach dem ganz großen Wurf aus. Doch die VfLer Wolf-Rüdiger Krause, Wolfgang Simon, Ingo Eismann und Wolfgang Matz verschossen allesamt, während für die Gastgeber Fichtel und Klaus Beverungen trafen. Der Matz-Elfer wäre nicht mehr nötig gewesen, denn die Sache war schon entschieden – aber die Gepflogenheiten des Elfmeterschießens waren noch nicht so gängig. Darum war auch niemand eingeschritten, als mehr und mehr Zuschauer den Platz stürmten und schließlich in einem großen Halbkreis direkt um den Strafraum herum die Entscheidung verfolgten – bei der die Schützen auf hartgefrorenem und mit Schnee bedeckten Platz sowieso einen im wahrsten Sinne des Wortes schweren Stand hatten.

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Schalke scheiterte erst im Halbfinale am 1. FC Köln, Thun ließ seine Karriere drei Jahre später beim FC Wolfsburg ausklingen, kümmerte sich bei VW um Finanzen, Personal- und Kostenkoordination, ehe er 1995 in Ruhestand ging. Insgesamt 236 weitere Elfmeterschießen gab es seit der Premiere in Gelsenkirchen, zehn weitere bestritt der VfL, gewann davon vier (1994 in Frankfurt und in Vestenbergsgreuth, 2008 gegen Schalke, 2014 in Darmstadt). Und in Penzberg heißt die Straße zum größten Sportplatz der Stadt in Erinnerung an den 2011 verstorbenen Elfmeterschießen-Erfinder seit 2014 „Karl-Wald-Straße“.