15. Januar 2021 / 15:00 Uhr

Der Fußball war stets Harry Witts größte Leidenschaft

Der Fußball war stets Harry Witts größte Leidenschaft

Jan Claas Harder
Kieler Nachrichten
„Hammer-Harry“! Auch beim Schuss vom Elfmeterpunkt staubte es, wenn Harry Witt für Holstein Kiel gegen den Ball trat.
„Hammer-Harry“! Auch beim Schuss vom Elfmeterpunkt staubte es, wenn Harry Witt für Holstein Kiel gegen den Ball trat. © hfr
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Der Sportbuzzer blickt zurück auf die Karrieren regionaler Fußballgrößen. Heute richtet sich unser Fokus auf den ehemaligen Holstein-Spieler Harry Witt, der momentan die Funktion des Sportlichen Leiters beim Landesligisten FC Kilia Kiel bekleidet.

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Die ersten fußballerischen Gehversuche unternahm Harry Witt als Achtjähriger beim SC Comet. Dort kam er jedoch nicht regelmäßig zum Einsatz und wechselte daher zum SV Ellerbek. Einige Jahre später wurde Max Weimar dann auf Witt aufmerksam und lotste ihn in die Jugend von Holstein Kiel. Bei den Störchen sollte er in den folgenden Jahren dann nachhaltigen Eindruck hinterlassen, schließlich findet sich der mittlerweile 66-Jährige in der Rangliste von Holsteins Rekordspielern mit 279 Einsätzen auf dem sechsten Platz wider.

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„Mein erstes Spiel im Herrenbereich fand gegen den SC Poppenbüttel statt. Ich wurde als Linksaußen aufgeboten. Dabei habe ich überhaupt keinen linken Fuß“, erinnert sich Witt. Obwohl Holstein seinerzeit durchaus namhafte Akteure in seinen Reihen hatte, die den Verein prägen sollten, war diese Zeit nicht ohne Schwierigkeiten. „Sponsoren waren nicht vorhanden und somit wurde auch das Geld knapp. Dies führte dazu, dass die Spieler, die von außerhalb kamen, den Verein verließen. Das dürfte nach der Saison 1973/74 gewesen sein. Wir konnten dies aber sportlich gut kompensieren, denn in der Folgezeit schafften Spieler wie Axel Möller oder Immo Stelzer den Sprung in die erste Mannschaft.“

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Zur Saison 1978/79 stieg Witt dann mit den Störchen in die 2. Bundesliga Nord auf. Zunächst im Mittelfeld, dann später im Angriff eingesetzt, spielte er 73 Mal für die Kieler in der 2. Bundesliga und erzielte dabei 18 Treffer. Noch in der Vorrunde der Saison 1980/81 wechselte er dann zum Ligakonkurrenten SC Viktoria Köln, der berechtigt war an der Qualifikation zur eingleisigen 2. Bundesliga teilzunehmen. Die Kölner verpassten jedoch dieses Ziel und Witt schloss sich zur Saison 1981/82 Union Solingen an. Dort kam Witt unter dem ehemaligen Holstein-Trainer Gerhard Prokop zehnmal zum Einsatz und erzielte dabei fünf Tore. „Das war ein sehr kompetenter Trainer und ein entscheidender Faktor, warum ich überhaupt dorthin gegangen bin.“ Doch nachdem Erhard Ahmann bei den Solingern das Traineramt übernahm, kam Witt nicht mehr zum Zug. „Ich habe das Gespräch gesucht und gesagt, dass man mich einfach verkaufen solle, wenn man mich nicht mehr braucht. Immerhin war ich dort eine der Korsettstangen im Team.“

Das Kapitel Union Solingen fand folglich ein Ende und Witt musste sich neu orientieren. Doch an Optionen mangelte es dem damals 27-Jährigen nicht, da ihm Angebote aus Mainz, Fürth und Osnabrück vorlagen. Auch Vereine aus Belgien, Österreich und Griechenland bekundeten ihr Interesse. Eine weitere Alternative ins Spiel brachte dann der ehemalige Torhüter der deutschen Nationalmannschaft Wolfgang Fahrian, der seinerzeit als Spielervermittler agierte: Hongkong!

Es folgte ein Treffen mit einer extra angereisten Delegation in einem Kölner Hotel, um die genauen Details zu erörtern. Witt wurde daraufhin eine einwöchige Bedenkzeit eingeräumt. Diese war auch nötig, denn seine damalige Frau war gerade mit dem zweiten Kind schwanger. Doch diese Tatsache sollte dem Auslandsabenteuer letztlich nicht im Weg stehen. Witts Frau gab ihren Segen und folgte ihm ein Jahr später in die ehemalige britische Kronkolonie.

Neue sportliche Heimat wurde der Verein South China Athletic Association. Der nationale Rekordhalter in Meisterschaften und Pokalwettbewerben war auch zu damaliger Zeit bereits ein Spitzenteam. „In finanzieller Hinsicht habe ich mich dort jedenfalls verbessert. Ich hätte aber auch in Deutschland bleiben können. Dies war immerhin eine sehr intensive Zeit, die ich nicht missen möchte. Schließlich durfte ich gegen Spieler wie Frank Mill, Ente Lippens oder den jungen Rudi Völler auflaufen.“

Namhafte Fußballgrößen begegneten Witt jedoch auch in Hongkong. So durfte er den damals noch recht jungen Diego Maradona bewundern, der dort mit den Boca Juniors ein Testspiel austrug. Doch auch in der Liga wimmelte es nur so vor prominenten Namen, wie beispielsweise George Best, Bobby Moore oder Theo de Jong.

Und auch insgesamt gesehen bestanden die Teams der Liga zu einem Großteil aus Spielern anderer Nationen. „Jeder Verein durfte acht ausländische Spieler im Kader haben und maximal sechs von ihnen auf das Feld schicken. Und diese Möglichkeit wurde auch ausgeschöpft“, erklärt Witt. Ein wenig ungewöhnlich gestalte sich der jedoch der Ligaalltag, denn in Honkong wurden alle Spiele im gleichen Stadion ausgetragen. Dies hatte zur Folge, dass dem Zuschauer nahezu täglich ein Spiel geboten wurde, und für Witt bedeutete dies, dass er an jedem denkbaren Wochentag die Fußballschuhe schnüren musste.

Allzu große Anpassungsschwierigkeiten an die neue Umgebung verspürte Witt seinerzeit nicht: „Spätestens nach vier Wochen hatte ich mich völlig eingelebt. Die Menschen dort waren wahnsinnig herzlich und das Wetter war nahezu immer gut. Und wenn ich die Haustür öffnete, dann war ich war direkt am Strand.“ Witts neues Domizil befand sich auf Victoria Island, wo sich auch Jochen Dzeieciol (zuvor Union Solingen), Uwe Nester (Eintracht Braunschweig), der ehemalige dänische Nationalspieler Flemming Nielsen (zuvor Fortuna Köln) und Klaus-Dieter Jank (VfB Stuttgart und Werder Bremen) niederließen.

Langeweile kam bei Witt während seiner Zeit in Südostasien nie auf. Im Gegenteil. Vielmehr durfte der gebürtige Kieler einiges von der Welt in Augenschein nehmen. Mit seinem Verein ging es beispielweise mal ins Trainingslager nach Vietnam und er selbst unternahm Kurztrips nach Malaysia oder auf die Philippinen, sofern es seine Zeit zuließ. Im Sommer 1983 sollte der Auslandsaufenthalt jedoch ein Ende haben, da Witts Frau wieder in die Heimat wollte. Doch der Fußballer Witt hatte in Hongkong Eindruck hinterlassen und der Abschied wurde ihm nicht leicht gemacht. „Ich hatte da anscheinend ein recht gutes Standing. Als ich abreisen wollte, wurden wir am Flughafen von mehreren Vereinen Verträge unter die Nase gehalten, die ich nur unterschreiben hätte müssen.“

In der Heimat schloss sich Witt dann wieder Holstein Kiel an und lief für die Störche noch vier Jahre in der Oberliga auf. „Das war eine schwierige Zeit. Bei Holstein lief zu dem Zeitpunkt vieles seitwärts und auch das Geld floss ziemlich zäh“, erinnert sich Witt. Zum Einsatz kam er jedoch oft. In seiner letzten Spielzeit für Holstein zog er sich dann jedoch einen Milz-und Lungenanriss zu und brauchte vier Monate bis er wieder zur Verfügung stand. Zu einem letzten Kurzeinsatz im Holstein-Trikot kam er dann im April 1987 im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg und an diese Partie kann er sich noch gut erinnern: „Ich hatte einen Gegenspieler gegen den ich in der Vergangenheit immer gut aussah und den ich immer deutlich etliche Meter hinter mir lassen konnte. In diesem Spiel wurde allerdings ziemlich deutlich, dass das nicht mehr ganz so gut funktioniert. Mir wurde klar, dass ich brutal trainieren müsste, wenn ich nochmal den Anschluss finden will, schließlich war ich da schon 32.“

Ganz mit dem Kicken aufhören wollte Witt jedoch noch nicht und schloss sich daraufhin dem SV Ellerbek an, der seinerzeit von Wolff-Waldemar Penning trainiert wurde. Als sich Witt nach einem 5:1-Erfolg gegen Rot-Weiß Niebüll dann einen Achillessehnenriss zuzog, fand seine aktive Laufbahn ein endgültiges Ende.

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Doch auch nach seiner Spielerkarriere blieb Witt dem Fußballsport verbunden. Zunächst machte Manfred Boll ihn zum Coach des SC Comet, ehe ihn Fred Fröhlich dann zum TSV Altenholz lockte. Dieser erlebte in den Jahren zwischen 1991 und 1995 jährlich ein Aufstieg, der die TSVA-Fußballer bis in die Verbandsliga führte.

Dann wurde Witt von seinem Ex-Verein Holstein Kiel jedoch als Trainer abgeworben, die er vom 01. 07. 1985 bis zum 23.10.1985 coachte, ehe Jens Martens das Traineramt bei den Störchen übernahm. „Holstein befand sich zu dem Zeitpunkt in einer desolaten Verfassung und ich war nur so eine Art Notnagel. Nach einem Spiel gegen Norderstedt habe ich meinem Unmut dann Luft gemacht und auf den seinerzeit sehr ausgeprägten Klüngel im Verein hingewiesen. Danach war ich nicht mehr Trainer. Rückblickend muss ich sagen, dass man sich dies zwar nicht hätte antun müssen, es aber auch eine gute Erfahrung war, die ich nicht bereue.“

Witt legte dann eine mehrjährige Fußballpause ein. Als Bernd Brexendorf dann den TSV Altenholz trainierte, kehrte er zum seinem Ex-Club zurück und war dort zuständig für die Spielerbeobachtung und die Nachwuchsarbeit. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Als die Trainerzeit von Thomas Karpenkiel beim TSVA ein Ende fand, übernahm Witt dieses Amt und wurde dort zu einer Institution an der Seitenlinie. Von Januar 2002 bis zum Januar 2015 ging er dieser Tätigkeit insgesamt 203 Mal nach. „Ich denke, dass ich in dieser Zeit das Optimale herausgeholt habe“, bilanziert Witt rückblickend.

Beruflich bedingte mangelnde Anwesenheit Witts bei den Trainingseinheiten sowie die Klage einiger Leistungsträger, sich beim Training unterfordert gefühlt zu haben, waren die wesentliche Gründe, die der TSV Altenholz dann bei Witts Beurlaubung angab. „Ich war damals zwar etwas überrascht, es ist aber schon korrekt, dass ich meiner Aufgabe seinerzeit nicht optimal nachgehen konnte“, beschreibt Witt die seinerzeit vorgenommene Trennung in beiderseitigem Einvernehmen.

Doch Witts nächste Tätigkeit sollte nicht lange auf sich warten lassen, denn zur folgenden Saison wurde er Teammanager beim seinerzeit ambitionierten Verbandsligisten Inter Türkspor Kiel. „Ich hatte auch Anfragen vom FC Kilia Kiel und dem Eckernförder SV. Da ich jedoch in Kiel bleiben wollte, kam der ESV nicht in Frage und Kilia war mir zu dem Zeitpunkt irgendwie zu flatterhaft. Bei Türkspor passte jedoch vieles und außerdem hat mich die Aufgabe auch schlichtweg einfach gereizt. Zudem interessierte mich auch der Umgang mit einer anderen Mentalität “, erklärt Witt.

Im November 2018 kehrte er Inter Türkspor Kiel jedoch den Rücken und betätigt sich seitdem als Sportlicher Leiter beim FC Kilia Kiel. „Türkspor war zu dem Zeitpunkt sehr gut aufgestellt und ich denke auch, dass dies eine sehr erfolgreiche Zeit war. Daher fiel mir der Abschied nicht leicht. Als Volker Roese beim FC Kilia dann neuer Vorsitzender wurde, fühlte ich mich verpflichtet ihm zu folgen, denn in den ganzen Jahren zuvor folgte er stets meinem Lockruf.“

Den FC Kilia möchte Witt nun zum einem etablierten Oberligisten machten, der vielleicht auch mal den Weg in die Regionalliga findet. „Kilia ist ein Traditionsverein, der gute Voraussetzungen mitbringt. In dieser Stadt nach Holstein die Nummer zwei zu werden, sollte das langfristige Ziel sein.“ Dieses Bestreben basiert in erster Linie auf den realistischen Möglichkeiten und Gegebenheiten. Witts persönlicher Antrieb dieses Ziel mit absoluter Vehemenz zu verwirklichen hält sich jedoch in Grenzen: „Fußball war und ist zwar schon meine absolute Leidenschaft, doch ich habe nun auch keine Profilneurose. Ich bin jetzt 66 und irgendwann möchte ich einfach nur noch ins Stadion gehen, um mir einfach nur ein Spiel anzusehen. Daher bin ich bestrebt mich allmählich aus der Verantwortung zu ziehen und loszulassen.“