25. November 2021 / 19:07 Uhr

Der lange Weg zurück: Wie Lena Uebach an ihrem Turbine-Debüt arbeitet

Der lange Weg zurück: Wie Lena Uebach an ihrem Turbine-Debüt arbeitet

Christoph Brandhorst
Märkische Allgemeine Zeitung
Lena Uebach arbeitet in der Reha-Praxis OrthoTrain in Berlin für ihr Comeback.
Lena Uebach arbeitet in der Reha-Praxis "OrthoTrain" in Berlin für ihr Comeback. © Christoph Brandhorst
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Frauen-Bundesliga: Nach Knorpelschäden in beiden Knien schuftet Fußballerin Lena Uebach vom 1. FFC Turbine Potsdam in der Reha für ihr Comeback, das auch ein Debüt wäre. Der SPORTBUZZER hat sie begleitet.

Die Trikots der Sportler, die hier schon ihren Schweiß vergossen haben, hängen sauber gerahmt an der Wand. „Auf der anderen Seite geht es noch weiter, hier ist das von ,Tabbi’“, sagt Lena Uebach und zeigt auf das Jersey, das von Turbine Potsdams langjähriger Leistungsträgerin Tabea Kemme signiert ist. Auch die heute 29-Jährige hatte hier in der Reha-Praxis an der Berliner Friedrichstraße versucht, ihr lädiertes Knie noch einmal fit zu machen für den Profifußball – vergeblich, vor knapp zwei Jahren erklärte Kemme ihre Leistungssportkarriere für beendet. Lena Uebach ist von diesem Punkt, so hofft es die 21-Jährige, noch weit entfernt. „Die Ärzte haben mir gesagt, dass einer langen Karriere nichts im Weg steht, wenn alles so verläuft wie geplant.“ Für ihr Comeback schuftet sie hier mehrmals pro Woche an Geräten, elastischen Therabändern und Gewichten.

157 Bundesliga-Spiele hat Tabea Kemme für Turbine Potsdam bestritten und damit 157 mehr als Lena Uebach. Als die Offensivspielerin im Sommer 2020 von Bayer Leverkusen nach Brandenburg wechselte, stand schon ihr Start beim neuen Club unter keinem guten Stern. Im Trainingslager vor dem Saisonbeginn brach eine alte Verletzung wieder auf: Knorpelschaden im linken Knie. „Eine OP war unumgänglich“, erinnert sich die gebürtige Siegerländerin, die daraufhin im Januar dieses Jahres wieder das Lauftraining aufnehmen wollte. „Da tat mir auf einmal mein rechtes Knie weh und ich dachte, den Schmerz kennst du irgendwie.“ Wieder MRT. Wieder die Diagnose Knorpelschaden. Die Chronologie ihrer Leidensgeschichte hat Lena Uebach genau im Kopf: „Bei der ersten Operation am 21. April mussten Knorpelzellen entnommen werden, weil der Knorpel anders nicht mehr zu retten war. Die wurden dann gezüchtet und am 31. Mai wieder eingesetzt, sodass er sich jetzt von selbst regenerieren muss.“

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Ein halbes Jahr später steht Turbines Nummer sieben an diesem Mittwochnachmittag auf einem Balance-Ball, zuerst etwas wackelig, dann immer sicherer. „Ich bin schmerzfrei“, sagt sie. Doch die Muskulatur müsse erst wiederhergestellt werden, bis überhaupt an eine Rückkehr auf den Rasen zu denken ist. Darum geht es nun. „Ich bin jetzt 16 Monate raus. Eigentlich gehe ich nicht gerne laufen, aber jetzt fehlt mir sogar das“, sagt die U17-Europameisterin von 2017, die sich ihre rheinländische gute Laune trotz der immer wiederkehrenden Tiefpunkte selten nehmen lässt. „Ich bin sehr gesegnet mit meinem Humor und meiner positiven Art, ich habe ja auch keine andere Chance.“ Wenn sie gefragt werde, wann sie denn wieder Fußball spielen könne, antworte sie einfach: „Wenn es wieder warm wird.“

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Balance-Ball, Therabänder, Gewichte: Für Lena Uebach geht es jetzt vor allem darum, die Muskulatur wieder aufzubauen.
Balance-Ball, Therabänder, Gewichte: Für Lena Uebach geht es jetzt vor allem darum, die Muskulatur wieder aufzubauen. © Christoph Brandhorst

„Endlich im ,Karli’ zu spielen, vor dieser Zuschauerkulisse, meinem Comeback-Spiel näher zu kommen, das treibt einen immer an“, erzählt Lena Uebach, die es bei allem Spaß doch ernst meint, wenn sie sich vornimmt, zurück zu sein, wenn die Temperaturen wieder steigen. „Mein Ziel ist es, und das ist auch ein realistischer Plan, dass ich in dieser Saison noch mein Comeback gebe.“ Läufe und Sprünge auf dem Platz im Februar, im März kommt der Ball dazu, Mannschaftstraining vielleicht Anfang April.

Ihre ersten Schritte auf dem Fußballplatz machte Lena Uebach mit vier Jahren bei ihrem Heimatverein Fortuna Freudenberg, lange bei den Jungs, später mit den B-Mädchen. „Mit 15 bin ich auf’s Mädchenfußball-Internat nach Kaiserau gegangen“, blickt die heutige Potsdamerin zurück. Ein Jahr trainierte sie unter der Woche vor den Toren Dortmunds für den großen Traum von der Bundesliga, kickte aber am Wochenende weiter für den über 100 Kilometer entfernten Heimatclub. Im zweiten Internatsjahr wechselte die talentierte Offensivspielerin zu den Sportfreunden Siegen. Debüt im Frauenbereich in der viertklassigen Westfalenliga und 2017 der nächste Wechsel zu Bundesliga-Absteiger Bayer Leverkusen, mit dem prompt die Rückkehr ins Oberhaus gelang. „Dann sollte Potsdam eigentlich der nächste Schritt sein“, sagt Lena Uebach etwas wehmütig. Denn auf ein Pflichtspiel im Turbine-Trikot wartet sie bis heute.

Mehrmals pro Woche trainiert die 21-jährige Offensivspielerin in der Praxis an der Berliner Friedrichstraße.
Mehrmals pro Woche trainiert die 21-jährige Offensivspielerin in der Praxis an der Berliner Friedrichstraße. © Christoph Brandhorst

Bereut habe sie den Wechsel nicht. Der Draht zur Mannschaft sei trotz der langen und oft auch einsamen Rehaphasen gut. Zweimal in der Woche versucht die junge Fußballerin, bei ihren Teamkolleginnen am Luftschiffhafen vorbeizuschauen. In Potsdam lebt Lena Uebach zusammen mit Mitspielerin Melissa Kössler in einer WG. Vor vier Jahren wurden beide zusammen in Tschechien U17-Europameisterinnen. Es sind Erinnerungen, an denen sich die 21-Jährige immer wieder hochzieht. „Aber natürlich geben mir auch meine Familie, Freunde und mein Freund viel Kraft“, sagt sie.


Ihr Fitnessprogramm soll sie bald in Potsdam fortsetzen, näher an der Mannschaft. Endlich wieder richtig dazuzugehören, ist ihr großes Ziel. „Manchmal muss man sich auch mal bremsen“, gibt sie zu. Doch auch die Übungen machen zunehmend mehr Spaß, werden anspruchsvoller. Lena Uebach fiebert dem Tag entgegen, an dem sie selbst ihr gerahmtes Trikot an der Praxiswand aufhängen darf. Denn dann weiß sie endlich: Es ist nicht mehr weit.