24. Februar 2021 / 08:08 Uhr

Der Mann mit den Krakenhänden: Siegfried Stötzner feiert seinen 70. Geburtstag

Der Mann mit den Krakenhänden: Siegfried Stötzner feiert seinen 70. Geburtstag

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Ortsderby 1976 zwischen Chemie und Lok Leipzig: Siegfried Stötzner ist mittendrin statt nur dabei und hält das 1:0 seiner grün-weißen Mannschaft fest.
Ortsderby 1976 zwischen Chemie und Lok Leipzig: Siegfried Stötzner ist mittendrin statt nur dabei und hält das 1:0 seiner grün-weißen Mannschaft fest.
Anzeige

Am 7. Februar 1976 machte Siegfried Stötzner das Spiel seines Lebens. Der Torwart der Leutzscher hielt – trotz drückender Überlegenheit des Gegners – das knappe 1:0 des Außenseiters gegen Lok Leipzig fest. Die grün-weißen Fans hatten einen guten Grund, ihren „Siggi“ zu feiern. Bis Stötzner (unfreiwillig) zum Ortsrivalen wechselte. Danach konnte es unter anderem auf Zugfahrten schon mal brenzlig werden.

Anzeige

Leipzig. Einst stand er im Mittelpunkt, wurde bei der BSG Chemie gefeiert, musste zu Lok, konnte dort reisen und fühlte sich dennoch nie so richtig wohl: Torhüter Siegfried Stötzner. Seit der Wende war er quasi verschollen, jetzt haben wir ihn pünktlich zu seinem 70. Geburtstag aufgespürt – in Wernigerode.

Anzeige

„Ich freue mich sehr, ich erinnere mich oft an die Zeit damals“, sagt er am Anfang des Gespräches – und offenbart, dass er die Spiele seiner Ex-Vereine nach wie vor verfolgt. „Chemie intensiver, und ich freue mich auch, wenn die gegen Lok gewinnen.“ Womit wir gleich beim Spiel seines Lebens sind. Vor fast genau 45 Jahren, am 7. Februar 1976, schlug Außenseiter Chemie den Ortsnachbarn 1:0 – trotz drückender Überlegenheit und 21:1 Ecken für Lok. „Im Radio hieß es, ich sei der Mann mit den Krakenhänden“, erzählt er stolz, „am Ende musste Bernd Trunzer alle Abschläge vom Tor machen, weil ich grätenbreit war.“

DURCHKLICKEN: Das Leipziger Derby in Bildern

01.12.1984: Oberligaderby zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie Leipzig. Endstand 4:0. Im Bild: P. Schöne. Zur Galerie
01.12.1984: Oberligaderby zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie Leipzig. Endstand 4:0. Im Bild: P. Schöne. © LVZ

Mit 22 war er 1973 von Medizin Markkleeberg nach Leutzsch gewechselt, um Ralf Heine zu ersetzen, der wegen der Republikflucht der Schwester(!) nicht mehr in der Oberliga halten durfte. Bis Ende 1976 war er Stammtorhüter, ging mit Chemie in die Liga und wollte nach Wernigerode, der Heimat seiner Frau Inge. Doch er durfte nicht aus dem Bezirk weg, Lok wollte ihn – so ging es nach Probstheida. „Die wollten mich sonst für ein Jahr sperren. Eigentlich wollte ich nicht dahin.“

„Zu Olympia durfte ich nicht mit – warum?“

Als sich Werner Friese verletzte, schlug seine Stunde. 69 Oberligaspiele bestritt Stötzner für Lok (46 für Chemie), das erste 1977 gegen Erfurt (2:2), das letzte 1983 gegen Zwickau (5:2), als er für René Müller eingewechselt wurde. Mit Lok wurde er Pokalsieger, er durfte nach Coleraine, Barcelona, Mostar. Gespielt hat er im EC dreimal – allein zweimal gegen Arsenal London. „Da hatten wir mit 1:4 und 0:3 keine Chance. Aber es war ein einmaliges Erlebnis.“

Distanziert erzählt er über seine Lok-Zeit. Er sollte in die Partei, was er ablehnte („Meine Meinung konnte ich auch so sagen“), sein Start in der Olympiamannschaft wurde kurz vorher abgesagt. „Ich weiß nicht, warum, eigentlich sollte ich 1980 mit nach Moskau, aber plötzlich war keine Rede mehr davon. Ich musste sogar zur Armee zur Reserve, was damals völlig ungewöhnlich war.“ Dabei hatte Stötzner vier Spiele mit der Olympiaauswahl bestritten und war gegen internationale Clubmannschaften dabei. Am Ende fuhren Bodo Rudwaleit (BFC) und Bernd Jakubowski (Dynamo Dresden) nach Moskau und holten Silber.

Nach Stötzners Wechsel zu Lok wurde es brenzlig

Auf seine Karriere schaut er dennoch zufrieden zurück: „Das war schon okay.“ Lebhaft in Erinnerung blieb ihm das harte Torwarttraining mit Manfred Walter im Sandkasten. „Rechts-links, rechts-links – der hat mir die Dinger nur so um die Ohren geknallt!“ Dann war da noch die schmerzhafte Begegnung mit Chemie-Legende Dieter Scherbarth: „Schere habe ich im Training mal mit dem Ellbogen unbeabsichtigt weggeräumt. Er blieb liegen, ich habe mich tausendmal entschuldigt. Da sprang er auf und rief: Das war doch gar nichts – und machte weiter“.

Weitere Jubiläen von Fußball-Legenden

An die Chemie-Fans denkt Stötzner gern zurück: „Wenn ich zum Tor lief vor dem Norddamm, riefen sie immer ‚Siggi, Siggi‘“. Nach seinem Wechsel zu Lok wurde es einmal brenzlig. Auf der Zugfahrt mit Familie nach Wernigerode traf er auf Leutzscher Fans. Sie stellten ihn zur Rede, warum er nach Probstheida gewechselt sei. „Da hatten meine Frau und die Kinder Angst, dass sie uns was tun. Ich habe aber ganz sachlich erklärt, wie alles gelaufen ist. Die hätten uns nichts getan.“

Kontakt zu den Chemie-Mitspielern hat er nicht mehr. Den Grund erklärt er sich mit der räumlichen Distanz. Aber in seiner Erinnerung sind sie noch lebendig, die alten Zeiten.