20. November 2020 / 15:44 Uhr

Der musizierende Keeper: Ilseder Roman Birjukov glänzt in der Regionalliga

Der musizierende Keeper: Ilseder Roman Birjukov glänzt in der Regionalliga

Marvin Behrens
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Roman Birjukov packt sich den Ball. Er ist der Rückhalt beim Lüneburger SK in der Regionalliga Nord.
Roman Birjukov packt sich den Ball. Er ist der Rückhalt beim Lüneburger SK in der Regionalliga Nord. © imago images/Claus Bergmann
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Der 21-jährige Ilseder Roman Birjukov studiert Musik und Sport auf Lehramt, spielt Gitarre und Klavier – und riskiert trotzdem Handverletzungen als Torwart des Lüneburger SK in der Regionalliga. 

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Der Ilseder Roman Birjukov hat abenteuerliche Monate hinter sich: Mit Eintracht Braunschweig ist er in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Am letzten Spieltag gab er sein Profidebüt – als ein Torwart, dem die Reife fehlte, wie er rückblickend analysiert. Wenige Monate später hütet der Deutsch-Russe das Tor des Regionalligisten Lüneburger SK Hansa – dank einer Bayern-Legende.

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Heute sieht Birjukov seine Leistung beim Drittliga-Debüt (3:4 in Meppen) kritisch. Vier Gegentore sind zu viel für einen Torwart. Doch einer hatte zugeschaut und hatte Birjukovs Vorstellung anders eingeordnet: Rainer Zobel, seiner Zeit der „Zerstörer im Mittelfeld“. Von 1970 bis 1976 prägte er die Beckenbauer-Ära bei Bayern München mit und gewann dreimal den Europapokal der Landesmeister (heute Champions League). Als junger Bundesliga-Profi spielte er für Hannover 96 (1968 bis 1970).

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„Ich weiß, dass Roman mit seiner Leistung nicht zufrieden war“, blickt Zobel zurück, „aber ich schon.“ Er könne dem jungen Torwart keinen Vorwurf machen, schließlich „waren seine Mannschaftskollegen im Kopf schon ganz woanders“. Und so mühte sich der Sportliche Leiter des Lüneburger SK, das Torwart-Talent an die Ilmenau zu locken. Den Tipp hatte er von Uwe Erkenbrecher bekommen. „Uns war wichtig, dass wir jemanden holen, der in Ordnung ist – und das ist bei Roman der Fall“, schwärmt Zobel, der nur Gutes über den jungen Keeper hörte.

„Rainer Zobel war von Anfang an viel für mich da. Wir verstehen uns super“, sagt Birjukov, der beim ersten Gespräch schon gemerkt hat, wie menschlich es beim Regionalligisten zugeht. Der Druck sei nicht vergleichbar, die Hierarchien im Team aufgeweicht. Der Ilseder fühlt sich beim LSK wohl, und das schlug sich in seinen sportlichen Leistungen nieder. Viermal in den bisher neun Spielen hielt Birjukov die Kiste sauber. In teils beeindruckender Manier.

„Er hat mit hervorragenden Paraden und großartigem Stellungsspiel viele Punkte für uns geholt und schon so einige unglaubliche Bälle gehalten“, lobt Zobel. Nicht von ungefähr kommt das neue Selbstbewusstsein des 1,88 Meter großen Rückhalts: „Ich bin mit meinen Leistungen sehr zufrieden. So gut bin ich in noch keine Saison gestartet.“

Es gibt noch einige Momente, in denen er den Vergleich zum Meppen-Spiel zieht: „Ich habe heute eine ganz andere Ausstrahlung und fühle mich auf dem Platz mutiger und sicherer.“ Das fällt auch dem LSK-Manager auf. Doch nicht nur er überzeugt bei Hansa. Zobel, dessen Trainerjob im Juli Qendrim Xhafolli übernahm, ist überrascht von der Punkteausbeute des jungen Kaders (Altersschnitt: 22,1 Jahre). Mit 12 Zählern ist man beim LSK äußerst zufrieden.

Trotzdem kommt die Corona-Pause gelegen, findet der 21-jährige Birjukov, denn das Verletzungspech hielt Einzug beim LSK. Er selbst ist zwar fit, kann sich aber nun intensiver seinem Studium widmen: Musik und Sport auf Lehramt. Birjukov spielt Gitarre und Klavier – ungewöhnlich für jemanden, der mit den Händen harte Bälle abwehrt und in jedem Spiel Handverletzungen riskiert.

„Ab und zu habe ich mal einen Kapselriss, und dann tut das Klavierspielen weh, aber das ist nicht schlimm.“ Selbst wenn mal die Hand verletzt ist, weiß sich der Student zu helfen. „Ich mache auch Musik am Computer. Musik kann ich immer irgendwie machen.“

In den Profibereich würde Birjukov gern zurückkehren. Für Zobel nachvollziehbar. Er bezeichnet die Regionalliga als „zweiten Bildungsweg“.

Roman Birjukov übt fleißig am Klavier. Er studiert Musik und Sport, um seine Finger hat er als Torwart aber keine Angst.
Roman Birjukov am Klavier ©

„Unheimlich nette Geste des Trainers“

Der Aufstieg in die 2. Bundesliga war perfekt, die Stadt Braunschweig und die Eintracht-Mannschaft feierten ausgelassen. Das 3:2 gegen Waldhof Mannheim besiegelte die Rückkehr ins deutsche Unterhaus. Und plötzlich nahm Eintracht-Trainer Marco Antwerpen den 21-jährigen Roman Birjukov zur Seite und sagte ihm, dass er beim Saisonfinale gegen den SV Meppen das Tor hüten werde.

„Einige Führungsspieler haben sich dafür eingesetzt“, weiß Birjukov, „aber es war natürlich auch eine unheimlich nette Geste des Trainers und vor allem des Torwarttrainers Ronny Teuber.“ Das Profi-Debüt des Ilseders verlief aber nicht optimal. Nach 15 Minuten hatte er zweimal den Ball aus dem Netz geholt, mit einem 1:3 ging es in die Kabine. Nach dem Doppelpack von Marvin Pourie endete die Partie 3:4 – vielleicht ein Wermutstropfen im Freudentaumel, aber nicht mehr.

Birjukov hatte 2015 unter Trainer Benjamin Duda sein erstes Spiel in der B-Junioren-Bundesliga gemacht. „Das war bei Holstein Kiel. Wir haben 3:1 gewonnen, ich habe den 0:1-Rückstand mit einem Fehlpass eingeleitet, doch die Mannschaft hat sich super zurückgekämpft“, erinnert sich Birjukov. „Trotzdem hat mir Benni weiterhin vertraut, in dem Alter sind Fehler erlaubt“. Der ehemalige Schützling hält viel von Duda, der den VfV Hildesheim jüngst in die Regionalliga geführt hat: „Er war der beste Trainer, den ich je hatte. Seine Professionalität, seine konzentrierte Art und Ausstrahlung. Ich kannte keinen Spieler, der ihn nicht jede Sekunde ernst genommen hat.“

Unter Duda spielte er gegen künftige Profis wie die Itter-Zwillinge des VfL Wolfsburg, Werder Bremens Johannes Eggestein oder Linton Maina, der bei Hannover 96 zum Bundesliga-Spieler reifte. „Mit Linton habe ich beim NFV zusammen gekickt. Er war damals schon herausragend.“ Vor allem aus seiner Erfahrung bei den Profis schöpfte Birjukov viel: „Jasmin Fejzic brachte mir bei, dass ein freundschaftliches Verhältnis auch im Konkurrenzkampf enorm wichtig ist. Von älteren Profis wie Stefan Fürstner, Bernd Nehrig oder Felix Burmeister habe ich auch sehr viel mitgenommen.“

Von Marvin Behrens