29. Januar 2021 / 19:06 Uhr

Der Oranienburger HC ist einer von nur sieben "Drittliga-Dinos"

Der Oranienburger HC ist einer von nur sieben "Drittliga-Dinos"

Stefan Blumberg
Märkische Allgemeine Zeitung
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Der Oranienburger HC feiert in Flensburg 2010 die Qualifikation für die 3. Handball-Liga. © Stefan Blumberg
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3. Handball-Liga Nordost: Von den 162 Mannschaften in der dritthöchsten deutschen Spielklasse sind nur sieben Teams von Anfang an dabei. Die Mannschaft aus Oranienburg gehört seit über zehn Jahren zum festen Inventar der 3. Liga.

Als die „heiße Flensburger Nacht“ bezeichnete der damalige Teammanager Michael Freund den grandiosen 31:26-Sieg beim DHK Flensborg. An jenem 23. April 2010 schlugen die Männer des Oranienburger HC ein völlig neues Kapitel der Vereinsgeschichte namens „3. Liga“ auf. Ein gutes Jahrzehnt später ist die Symbiose OHC und dritthöchste deutsche Spielklasse fest in den Köpfen der Handball-Fans verankert. Der OHC ist vom ersten Tag der 2010 neugebildeten 3. Liga dabei und damit einer der „Glorreichen Sieben“. Neben dem OHC schafften das nur der HBW Balingen-Weilstätten II, SV Anhalt Bernburg, HSV Hannover, TSB Horkheim-Heilbronn, Leichlinger TV und GWD Minden II.

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Der OHC galt vor und nach der 2000er-Wende als Fahrstuhlmannschaft zwischen Regionalliga und Oberliga. Nach dem Aufstieg in der Saison 2008/09 und dem starken 3. Platz unter Trainer Holger Winselmann sollte ein Jahr später die Qualifikation für die neue 3. Liga her. Aber es stockte. Bereits im Herbst wurde Holger Winselmann nach viereinhalb Jahren entlassen. Mit dem aktiven Akteur Riccardo Tourmo und Ex-Spieler Thomas Spieckermann fand der OHC eine vereinsinterne Doppellösung. Mit Enthusiasmus gingen sie das Unternehmen an. Die Mannschaft bewegte sich permanent in der gefährlichen Abstiegszone: mal über dem Strich, mal darunter. Alle Teams ab Platz elf stiegen ab. Der OHC wurde Zehnter. Drei Spieltage vor Schluss machten die Oberhavel-Kreisstädter den Coup perfekt. „Wir waren von Anfang an präsent und ließen uns vom DHK und den Zuschauern nicht beeindrucken”, meinte damals OHC-Kreisspieler Robert Stelzig (heute Herz), bei dem das zerrissene Trikot Zeichen der Aufopferung war. Sascha Starke (zehn Tore) und Christian Riedel (acht) waren an dem Tag nicht zu bremsen. Mission erfüllt. Thomas Spieckermann sagte nach der Qualifikation zur 3. Liga: „Ich bin stolz, dass ich bei der Geschichte dabei sein darf.”

Die bisherigen OHC-Trainer in der 3. Liga

Peter Frank war der Oranienburger Trainer im ersten Drittliga-Jahr. Zur Galerie
Peter Frank war der Oranienburger Trainer im ersten Drittliga-Jahr. ©

Beim OHC wurde das Drittliga-Zeitalter deutschlandweit offiziell eröffnet. Denn der Verein ließ den Anpfiff des Auftaktspiels gegen den BFC Preussen (39:25) von 18.30 auf 16.45 Uhr vorverlegen, damit niemand vorher loslegte. Erster Drittliga-Trainer des OHC war der erfahrene Peter Frank, der damals vom Ludwigsfelder HC gewechselt war. „Ich empfand die 3. Liga professioneller als vorher die Regionalliga, in der ich den BFC Preussen trainiert hatte. Vielleicht lag es auch am OHC, bei dem es sehr strukturiert zuging“, sagt er heute. „Ein Verein steht und fällt mit dem Management. Ich arbeitete damals sehr eng mit Michael Freund zusammen.“ Rein sportlich sei das eine Jahr, das er beim OHC war, ansprechend gewesen, „viele Vereine hatten sich mit guten Spielern ergänzt, die Qualität der Spiele war gut.“ Aus seinem Team fallen ihm die Namen von Tim Fröhlich, Heiner Throl, Paul und Max Bachmann, Sascha Klimczak (alle Rückraum), Sascha Starke (Außen/Rückraum), Riccardo Tourmo, Christian Riedel (beide Außen) oder Enrico Hein und Gunnar Tredup (Torhüter) ein, die die Mannschaft prägten.

Jens Deffke, als Spieler einst selbst in der Bundesliga aktiv, übernahm für die nächsten beiden Jahre das Amt des Coaches in der Kreisstadt. Er baute die Mannschaft in der Zeit um und etablierte sie in der dritthöchsten deutschen Spielklasse. „Die 3. Liga besaß von Anfang an eine höhere Qualität als die Regionalliga zuvor. Und diese Qualität stieg im Laufe der Jahre“, meinte Deffke. Er kann das auch deshalb sehr gut beurteilen, weil er nach seiner Oranienburger Zeit vier Jahre beim Liga-Konkurrenten 1. VfL Potsdam Coach war. „Die ganze Sportart entwickelte sich unglaublich, ist viel athletischer geworden. Wir trainierten beim OHC zweieinhalb bis dreimal wöchentlich. Das ist heute alles anders. Auch die Rahmenbedingungen sind viel professioneller geworden.“ Der heute 45-Jährige sagt, dass das auch nicht anders gehe, wenn man weiterhin in der Liga mitspielen wolle.

Mehr zum Sport beim Oranienburger HC

Ihm folgte Christian Pahl – mit damals 32 Jahren ein noch sehr junger Trainer. Er hatte bis 2020 die Verantwortung und fungierte seit 2018 zudem als Sportlicher Leiter – auch heute noch. „All die Jahre waren ein ständiger Entwicklungsprozess, wir haben viel probiert, manches wieder verworfen. Pausenloses Learning by doing“, so Pahl. Der Aufwand sei nie weniger geworden. Extrinsische und intrinsische Motivation war gefragt. Man müsse sich ständig neu erfinden; als Trainer, als Verein. Funktionierende Rahmenbedingungen für den Sport seien permanent zu entwickeln.

Sportlich haben alle drei Trainer das Team in der 3. Liga etabliert. Silvio Krause wollte diese Bilanz in dieser Saison fortsetzen, wurde aber vom Coronavirus ausgebremst – die Saison 2020/21 ist seit Anfang November 2020 ausgesetzt (8:2 Punkte holte das Team bis jetzt). Seit 2014 blieb der OHC von der Platzierung her immer einstellig. In den letzten fünf Jahren holte Pahl mit dem Team viermal mehr als 30 Punkte, in der Saison 2016/17 sogar 41 und Platz vier: „Prägende Figuren waren in jedem Fall die Torhüter Simon Herold und Ivan Szabo. Und Robin Manderscheid, seit 2012 im Verein, galt auf dem Spielfeld als mein verlängerter Arm“, so Pahl.


Pahl: "Mehr Rahmenbedingungen sind nicht machbar"

Als einen Standortvorteil sieht Pahl die Lage des OHC durch die Nähe zu Berlin und Potsdam an – und damit verbunden zu den beiden Vereinen mit Sportschulen. „Es partizipieren viele Vereine aus der Region von der Ausbildung. Wir haben dabei so etwas wie eine Nische geschaffen. Den Spielern, die vor allem in Berlin keine Chance haben, nach oben zu kommen, machen wir Angebote aus dem Paket Ausbildung-Studium-Beruf.“ Er nennt aber auch solche Beispiele wie David Sauß aus Hannover oder Robin Spickers aus Krefeld, die nach Berlin kamen, um zu studieren. Sie schlossen sich dem OHC an: „Mehr Rahmenbedingungen, wie wir sie bieten, sind aber nicht machbar.“

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Jubel auf der Platte beim Oranienburger HC nach der Drittliga-Quali in Flensburg. © Stefan Blumberg

Ob die Vereine der 3. Liga wegen der Corona-Pandemie und damit verbundener wirtschaftlicher Probleme komplett kleinere Brötchen backen müssen, glaubt Pahl nicht unbedingt. Es gebe Clubs, die wollen unbedingt aufsteigen, denen könne es ja nicht schlechter gehen. Wo große Sponsoren nicht ins Trudeln gerieten, dort werde auch weiterhin Handball auf unverändertem Niveau gespielt. „Aber die breite Masse wird wohl den eigenen Verein umstrukturieren müssen, wenn sie auch in ein paar Jahren noch in diesem Konzert mitspielen möchte.“

Im Vergleich zur Regionalliga ist die 3. Liga eine ganz andere Hausnummer

Thomas Stahlberg stand schon bei der Qualifikation für die 3. Liga an der Spitze des Vereins und weiß um den Unterschied. „Die 3. Liga ist mit der Regionalliga nicht zu vergleichen. Das war und ist eine ganz andere Hausnummer“, sagt der OHC-Vereinschef. „Wir mussten immer an der Qualität und am Budget drehen.“ Dafür habe der OHC die Akzeptanz gebraucht, mit auswärtigen Spielern arbeiten zu können. Allein mit Oranienburgern hätte der OHC es nie geschafft, die Liga zu halten. Die Trainingsintensität wurde erhöht, die Spielstätte hin zur MBS-Arena mit mehr Zuschauern (jetzt bis zu 856) gewechselt und mehr freiwillige Helfer eingebunden. „Wir haben alles professionalisiert.“

Da schließt der Präsident die Trainersuche mit ein; erst Peter Frank (2010/11), danach Jens Deffke (2011-2013) und Christian Pahl (2013-2020) sowie jetzt Silvio Krause (seit 2020). „Das waren alles passende Bausteine, die Trainer brachten uns voran“, so Thomas Stahlberg. Der Sponsorenteppich sei vor allem durch den damaligen Geschäftsführer Michael Freund und Gunnar Tredup vergrößert worden. So sei der Verein zu einem „Dritte-Liga-Dino“ geworden. „Wir danken unseren Partner unendlich, denn ohne sie würden es die 3. Liga und so vieles mehr im Verein gar nicht geben. Auch Stadt und Landkreis unterstützten uns immer“, sagt der Vereinschef, der insbesondere auch das Engagement der Vereinsmitglieder schätzt. „Insgesamt ist der Kraftaufwand für das Unternehmen 3. Liga wesentlich gestiegen.“ Wie sagt es Christian Pahl so schön: „Man ist nie fertig!“