16. Februar 2022 / 16:04 Uhr

Gelebte Tradition! Der Platzwart erklärt die neue, alte 96-Eigentormotivation

Gelebte Tradition! Der Platzwart erklärt die neue, alte 96-Eigentormotivation

Der Platzwart
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
 Man erkennt's nicht auf den ersten Blick, aber das Eigentor von Sebastian Stolze (rechts) war eine Initialzündung für 96.
Man erkennt's nicht auf den ersten Blick, aber das Eigentor von Sebastian Stolze (rechts) war eine Initialzündung für 96. © IMAGO
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Eigentormotivation! Sie hat bei 96 eine lange Tradition - und lebt nun endlich wieder auf. Aber worum geht's da eigentlich? Und kann sie den Roten im Abstiegskampf wirklich helfen? Der Platzwart erklärt's - und blickt zurück und voraus!

Haben Sie diesen Blick gesehen, als Cedric Teuchert den Ausgleich gegen Darmstadt markiert? Diese Entschlossenheit, mit der Julian Börner per Kopf den Ball über die Linie drückt? Und den beherzten Moment, als Niklas Hult das Leder wuchtig an den Pfosten nagelt? Zufall? Nein! Strenges Kalkül und Ausdruck eines Trainingskonzepts, das neu wirkt, aber eine lange Tradition hat: Eigentormotivation. Fiffi Kronsbein waren die Notizen irgendwann in die Sofaritze der Besetzungscouch im Niedersachsenstadion gerutscht, Peter Neururer hatte sie wiederentdeckt, als Hörbuch eingesprochen, aber keinen Verlag gefunden. Mirko Slomka wendete sie erstmals an, Christoph Dabrowski will die Methode nun als Lehrvideo aufnehmen, sie soll demnächst auf VHS in den Fanshops stehen.

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Gegen die Verdauungsstädter sah man Teuchert und Co. an: Diese Männer sind eigentormotiviert. Sie gehen den Weg der Heilung durch körpereigene Instinkte. Hannover 96 hat die wenigsten eigenen Tore geschossen, führt aber die Eigentorstatistik der Liga souverän mit vier Treffern an. Und zwar aus Tradition. Hannover ist ein Traditionsverein.

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Zur Erinnerung: 3:5 im Dezember 2009 in Mönchengladbach. Hannover schießt sechs Tore, davon dreimal ins eigene Tor. Okay, Hannover übertreibt, trotzdem hat sich Gladbach von diesem Spiel bis heute nicht erholt. September 2015, der unerreichte Felipe verursacht bei der 2:4-Niederlage gegen Dortmund einen Foulelfmeter, einen Handelfmeter und krönt seine Leistung mit einem Eigentor. Folge: Felipe wird zum dienstältesten Spieler bei 96 und Maskottchen ehrenhalber.

Jüngstes Beispiel der Eigentormotivation, nach dem Prinzip Arschtritt: Sebastian Stolze gegen Darmstadt. Kaum hat Stolze den Ball hinter Zieler versenkt, geht ein Ruck durch die Mannschaft. Teuchert schießt das schönste Tor seiner Karriere, der Boulevard schreibt: „Teuchert hängt Hinterseer ab.“ Abhängen. Bei einem Tor gegen null Tore eine steile These. Aber auch nicht falsch.

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Danach das erste Tor nach einer Ecke. Tore nach Ecken? Bei 96? Spätestens jetzt ist auch dem Letzten klar: Ein Eigentor kann ungeahnte Kräfte freisetzen, Flügel verleihen. Als sicher gilt: mit zwei Eigentoren hätten die Roten 4:3 gewonnen. Und mit drei Eigentoren 6:4. Oder die vermeidbare Niederlage gegen den 1. FC Eigenheim: Es ging so gut mit einem Eigentor los. Aber nach dem Anschlusstreffer entschied sich die Mannschaft gegen ein weiteres Eigentor – und verlor.

Im Training wird nun weiter geübt, man schießt wie im Spiel aus allen Lagen auf Zieler. In konspirativen Huddles schwenkt der Dorfälteste Mike „The Druid“ Frantz ein paar Zweige, wirft Knochen und murmelt geheimnisvolle Formeln aus der Zeit der eckigen Torpfosten.

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Die Spieler haben Abstiegskampf verstanden, sind emotional auf und neben dem Platz: Wenn Julian Börner am Tag vor dem Spiel sein Frühstücksei anguckt, pellt es sich schon aus Respekt von selbst. Und auf dem Feld zieht Hannover Kraft aus Dingen, die woanders eher als demotivierend gelten wie nicht gegebene Elfmeter oder gelbe Karten. Die fünfte Verwarnung für Ondoua könnte St. Pauli am Wochenende noch teuer zu stehen kommen.

96 motiviert sogar Spieler durch Verkauf (Sulejmani, Trybull, Muslija, Ducksch) oder Trainer durch Verschmähen (Thioune). Ergebnis: Es geht für Düsseldorf und Hannover um einen Relegationsplatz. Und das hätten beide Mannschaften vor der Saison blind unterschrieben.

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